Wuchernde Nesseln - Unentbehrlich

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Dorf Nesselingen, Baronie Rabensbrück, Efferd 1040 BF

Die streifende Raubschar, wahrscheinlich Überreste des Haffax-Heeres, hatte einiges Chaos im Dorf angerichtet: Der Berichterstatter hatte davon gesprochen, dass der Meier umgebracht, die Ställe aufgebrochen, Schweine und Rinder teils abgestochen worden, teils in Panik geflohen waren und ein paar Häuser und Scheunen in Flammen aufgegangen waren. Dennoch schien der angerichtete Schaden vergleichsweise gering ausgefallen zu sein, wie Gunilda von Nesselregen grob überschlug, als sie den Blick über das heimgesuchte Dorf schweifen ließ. Jetzt, da der Wegevogt mit seinen Landreitern die letzten Banden in den südlichen Teilen der Grafschaft Hartsteen gestellt hatte, war es wieder gefahrlos möglich, die schützenden Mauern Bugenhogs zu verlassen und den allhier gelegenen Besitzungen der Familie einen Besuch abzustatten. Und da sie schon einmal hier war, hatte sie zugleich ihre beiden Söhne einbestellt, die sie nun auf der Treppe vor dem herrschaftlichen Anwesen erwarteten, wie zwei Praiostagsschulbuben, die gleich vor dem Geweihten ihre Lektion aufsagen sollten.

„Grüß dich, Mutter“, trat Fredesaum, der ältere von beiden, vor, als sie ihren Schimmel vor ihnen zum stehen brachte, und langte nach dem Zügel, um ihn sogleich an einen Stallknecht weiterzugeben, während Retodan Gunilda die Hand reichte, um ihr vom Pferd zu helfen.

„Grüßt euch, Kinder“, die Bugenhoger Stadtmeisterin schwang sich elegant aus dem Sattel.

„Wie war der Ritt?“

„Ich wusste kaum mehr, wie anstrengend es ist, Feyello richtig lang unterm Sattel zu haben. In der letzten Zeit habe ich mich ja kaum eine Meile vor die Stadt getraut“, beklagte sich Gunilda und verzog das Gesicht.

„Vielleicht solltest du doch insgesamt etwas kürzer treten Mutter, du wirst schließlich auch nicht jünger.“

Papperlapapp. Und wenn ich dich so ansehe, Fredesaum“, sie deutete mit der Reitgerte auf dessen am Bauch spannendes Wams, „könnten dir ein paar Reitstunden sicher nicht schaden.“

Bevor ihr Ältester protestieren konnte, winkte sie ab und betrat, gefolgt von ihren Söhnen, das Herrenhaus. Im notdürftig wieder hergerichteten Arbeitszimmer listete Fredesaum die Schäden auf und spulte die Zahlen für die Wiederherstellung des alten Zustandes herunter, die sich fast mit den Schätzungen Gunildas deckten: „Alles in allem ärgerlich, aber nicht bedrohlich.“

„Das ist wohl war. Die Quintian-Quintian in Oberdommel hat’s bedeutend härter erwischt“, hakte Retodan ein, der seit neuestem Kastellan in Diensten des Barons auf Feste Rabenberg waltete, „Die Schufte haben sich eben einen anderen Weg mit leichteren Zielen gesucht, als sie gemerkt haben, dass Stadt Rabensbrück und die Feste Rabenberg zu stark befestigt und gut bewacht sind. Leider waren wir zu wenige und zu langsam, um sie auch daran zu hindern.“

„Die Quintian-Quintian sagst du?“, murmelte die Bugenhoger Stadtmeisterin und schnalzte mit der Zunge, „Das trifft sich doch ausgezeichnet...“

„Wieso?“, erkundigte sich Retodan.

„Später. Ich habe noch anderes mit euch zu besprechen. Gibt es in diesem Haus noch etwas zu trinken?“

„Ich sehe mal nach“, bot sich der Jüngere an. Als er bald darauf wiederkehrte, tönte er: „Die Schurken haben auch den Weinkeller geplündert“, was Gunilda mit einem Seufzen quittierte, „Allerdings haben sie die versteckte Reserve nicht gefunden und der alte Verwalter hat nicht alles veruntreuen können.“

Mit einem Grinsen stellte er eine gefüllte Kanne auf den Tisch. Auch drei Becher fanden sich noch - die guten Gläser hatten die Verwüstungsorgie der Angreifer leider nicht überstanden. Nachdem Fredesaum großzügig eingeschenkt hatte, begann die Stadtmeisterin zu erzählen: „Allingsruh gehört so gut wie uns. Peridan von Allingen hat auf die Ernte spekuliert und als Sicherheit Allingsruh angeboten. Nun hat er verloren: Seine Ernte ist futsch und er kann weder liefern noch seine Schulden an die Okenhelds in Gareth zurückzahlen. Ich habe dafür gesorgt, dass ihm sonst niemand mehr leihen wird. Die Schuldscheine befinden sich mittlerweile in meinem Besitz und wenn ich hier fertig bin, werde ich ihm einen Besuch abstatten und ihm mitteilen, dass sein ruinöser Kasten von Burg nunmehr mir gehört.“

„Donnerwetter, Mutter. Das nenne ich einen Coup“, warf Retodan dazwischen.

„Du als Junkerin von Allingsruh? Willst du die deine Stellung in Bugenhog etwa aufgeben und dich dem gemächlichen Landleben widmen?“, fragte Fredesaum und griff erneut zur Weinkanne.

„Iwo“, winkte Gunilda ab, „Ich setze einen Vogt auf Allingsruh ein. Zuerst hatte ich an deinen Brinian gedacht, da hätte er unter meiner Anleitung das Grundlegende lernen können“, meinte sie in Richtung Retodan, „aber ich denke, diesen Plan werde ich nun doch hintanstellen.“

„Was hast du denn mit ihm vor?“

„Wenn die Junkerin von Oberdommel tatsächlich in solch großen Nöten steckt, wie du vorhin angedeutet hast, werden wir ihr ein Angebot machen, das sie nicht wird ablehnen können: Wir regeln großzügig ihre finanziellen Probleme. Im Gegenzug ehelicht sie deinen Sohn, Retodan. Und ihre Kinder bekommen den Namen Nesselregen.“

„Verstehe. Mutter, das ist genial“, Fredesaum hatte die Becher nachgefüllt und prostete seiner Mutter zu, was diese mit einem selbstgefälligen Lächeln erwiderte: „Reichtum allein ist nicht alles. lange genug habe ich - mit eurer Unterstützung - dafür gearbeitet und nun ist es an der Zeit, ihn auch einzusetzen. Wir machen uns unentbehrlich in der Baronie Rabensbrück. Niemand hier soll noch an uns Nesselregen vorbei kommen. Und das wird erst der Anfang sein.“

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Texte der Hauptreihe:
K1. Unentbehrlich
16. Eff 1040 BF zur mittäglichen Traviastunde
Unentbehrlich

Kapitel 1

Am Ohr des Grafen
Autor: Steinfelde