Wissensdurst - Bildungsmisere

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Wann immer er hier vorbeikam, es fiel ihm schwer, nicht beeindruckt zu sein. Vor ihm loderte die Statue des Greifen, der dem Tempel seinen Namen gegeben hatte, blutrot auf, als loderten um seinen Sockel Flammenlanzen - Reflexionen der Praiosstrahlen, die durch die farbigen Fenster geworfen und durch kunstvoll ausgerichtete Spiegel und Messingplatten in der Mitte des weiten Runds gebündelt wurden. Der Meister der Mark war alles andere als ein Schwärmer, aber hier, in der großen, von exotischen Düften und alveranischen Chorälen durchzogenen Halle, konnte es durchaus passieren, dass sein akkurater Schritt stockte und er innehielt, weil sich ihm ein kleiner Schatten auf die Seele legte und seine Augen unerklärlicher Weise plötzlich tränten.

Bredogar Eustachius von Parsenburg steuerte auf den Zugang zur Sakristei zu, von keinem der überall herumstiebenden Praiosdiener aufgehalten. Er erweckte den Eindruck eines Mannes, der ganz genau wusste, wohin er sich wenden musste. Und da dies im Tempel des Herrn völlig ungewöhnlich war, ignorierte man ihn der Einfachheit halber.

Kaum hatte er die Sakristei erreicht und betreten, als ihm auch schon der Sakristan des Tempels in den Weg trat. "Exzellenz, womit kann dieses bescheidene Haus dienen?"

Der Meister der Mark blickte das Hindernis ungnädig an. "Für jemanden, der sich der Wahrheit verpflichtete fühlen sollte, habt Ihr gerade eine kapitale Lüge formuliert."

Über das Gesicht des Hühnen flog ein Lächeln, während er mit tiefer Stimme erwiderte: "Oh, Exzellenz, gerade Ihr solltet wissen, dass es immer auf die Verhältnismäßigkeit ankommt. Und im Vergleich zum Tempel des Lichtes ist der hier gezeigte Reichtum wahrlich überschaubar..."

Bredogars Gesicht verzog sich sauertöpfisch, während er scheuchend mit der Hand wedelte: "Papperlappapp. Genug der Worte gewechselt. Seine Ehrwürden erwarten mich."

Der Sakristan neigte leicht den Kopf, dann schnippte er kurz mit dem Finger, worauf ein Zaunlättchen von Knaben hinzustob, die kupferroten Haare streichholzkurz, das Gesicht nahezu eine einzige riesige Sommersprosse. Dürr und kurz wie er war glich der Bursche doch dem riesenhaften Mann wie aus dem Gesicht geschnitten. Er war in eine einfache Novizenrobe gehüllt, die an allen nur erdenklichen Stellen an ihm schlackerte.

"Führe Seine Exzellenz zu Seiner Ehrwürden, Cuneman."

Der Knabe verbeugte sich kurz, dann eilte er auf bloßen Füßen vor dem Meister der Mark her, dass sich dieser beeilen musste, Schritt zu halten. Es ging mehrere schmale Wendeltreppen hinauf und in schwindelerregender Höhe auf einer Galerie direkt unterhalb der hohen Tempelkuppel hinüber in einen anderen Teil des Tempels. Erstaunt gewahrte der Meister der Mark eine Reihe von beschädigten Skulpturen und Möbelstücken, die man hier in luftiger Höhe und außerhalb des Blickbereiches der Tempelbesucher augenscheinlich abgestellt und vergessen hatte. Einige Durchgänge öffneten sich zu kleinen Kammern, in denen Akoluten Werkstücke ausbesserten oder Schriftrollen kopierten. Dann ging es eine weitere Wendeltreppe nach oben und in einen schlicht gestalteten Raum, der sich hoch über den Häusern Greifenfurts knapp unterhalb der alles überragenden Tempelkuppel befand und durch seine Fensteröffnungen den Blick über die ganze unter der Praiosscheibe liegende Stadt und über die Ebene der Mark bis hin zu den im fernen Dunst liegenden Flanken des Finsterkammes eröffnete.

Der Illuminatus der Mark stand mit dem Rücken zur Tür, den Blick auf das unter ihm liegende Land und die ameisengleichen Gestalten gelenkt, welche über die Plätze und durch die Straßen der märkischen Metropole eilten. "Bring unserem Gast eine Sitzgelegenheit, Cuneman, und dann besorg ein wenig Obst und Getränke."

Der Novize nickte und verschwand - so schnell, wie er alles zu tun schien - und kam nach kurzer Zeit wieder, ächzend einen schweren Scherenstuhl aus massiver Steineiche schleppend, den er mit sichtlicher Erleichterung aufstellte, nur um sofort wieder zu verschwinden und mit einem roten Kissen zurückzukehren, welches er geschickt auf dem Sitzmöbel drappierte. Und wieder entschwand er, um kurze Zeit später abermals aufzutauchen, ein Klapptablett mit Früchtekorm und zwei Schneidmessern im Schlepptau, welches hernach durch zwei Karaffen und eine ebensolche Anzahl von Silberkelchen ergänzt wurde. Endlich stellte sich der Knabe - leicht schnaufend - neben die Türöffnung und verharrte stumm, während sich der Illuminatus Greifenfurts endlich umdrehte und dem Meister der Mark jovial den bereiteten Sitzplatz bot; selbst nahm er auf einem, in die Wand eingelassenen Chorgestühl Platz. Dann legte er die Fingerspitzen aufeinander und sah interessiert zu dem leicht untersetzten Mann, der sich in all dem Trubel bisher kaum bewegt hatte und nun eher widerwillig auf dem angebotenen Stuhl Platz nahm.

"Wie kann ich Euch behilflich sein, mein lieber Freund?"

Der Meister der Mark sah bei der Feundschaftsbekundung seitens des Praiosgeweihten ein wenig unwillig aus, enthielt sich allerdings eines Kommentars und sah kurz aber vielsagend zu dem in der Türöffnung wartenden Jungen.

"Du kannst für's Erste gehen, Cuneman." Die Stimme des Illuminatus hätte väterlich geklungen, wäre nicht - kaum hörbar - ein stählerner Ton mitgeschwungen.

Kaum war das Tapsen der bloßen Füße verklungen, räusperte sich auch schon der Meister der Mark und begann: "Bevor ich auf mein eigentliches Anliegen zu sprechen komme, würde mich eine Kleinigkeit brennend interessieren: Habt Ihr in letzter Zeit Besuch von Seiten der Kirche der Hesinde oder ihrer Filiationen gehabt?"

Caitmar von Dergelstein runzelte die Stirn, während seine Augen aufzuglühen schienen: "Eslamsgrund?"

"Nicht ganz. Aber die Richtung stimmt."

"Ihr wollt sagen, dass..."

"Vor nicht ganz acht Tagen ersuchte ein gewisser Thamos von Idaijon um eine Audienz bei der Greifin..."

"... und wurde stattdessen bei Euch vorstellig."

"Ihre Ehrlaucht war außerhäusig."

Die Braue des Praiosgeweihten wanderte nach oben: "Verstehe."

"Er erbat einen Schutz- und Geleitbrief, der ihm die Tempel der Hesindekirche ebenso öffnen sollte wie die übrigen Tempel und die Haushaltungen der Adligen der Mark."

Nun zeichnete sich auf dem Gesicht des Oberhauptes der Märkischen Praioskirche echte Sprachlosigkeit ab, ein Anblick, den der Meister der Mark in sich einsog wie einen besonders guten Trester und in Gedanken für spätere Augenblicke reinen Glückes verkorkte und wegstellte. Die Stimme Praiomons klang fast ein wenig belegt als er antwortete: "Das ist... ungewöhnlich."

"Ich legte dar, dass es mir nicht anstünde, ihm eine solche Erlaubnis zu erteilen, da ich nicht über das Hausrecht in den Götterhäusern verfüge, und verwies ihn an Euch, wobei ich aus Eurer Reaktion ersehe, dass Euch dieses Ansinnen der Nanduskirche neu ist und er somit die entsprechende Anfrage schuldig geblieben ist."

Die einzige Antwort bestand in einem Nicken, während die Züge des Illuminatus erkennen ließen, dass er bereits sämtliche Möglichkeiten und deren Konsequenzen durchspielte. In Gedanken zählte der Meister der Mark die Sekunden und war hochzufrieden, als nach kurzer Zeit Praiomon Caitmar von Dergelstein das Haupt hob und ihn mit einem stählernen Blick musterte. 43 Herzschläge. Er selbst hatte zwei weniger gebraucht, bis er seine Schlüsse gezogen hatte. "Ihr..."

Der Meister der Mark nickte: "Ich habe meine Leute bereits ausschwärmen lassen. Unauffällig natürlich und ohne konkrete Angaben. Man dürfte mir bis heute Abend entsprechend Bericht erstatten. Allerdings..."

Der Illuminatus nickte: "Ich werde mich um Tempel und geistliche Einrichtungen kümmern."

"Darf ich Euch dann für heute Abend zu einem kleinen und völlig informellen Mahl ins Grafenhaupt einladen?"

"Eine Stunde nach Praiosuntergang?"

"Ich werde auf Euch warten."

"Euer Exzellenz", der Illuminatus nickte seinem Gegenüber zu und bestellte mit einem knappen Wedeln ein Glas für den Meister der Mark. Man traf sich im Erkerzimmer des Grafenhauptes, einer Kammer im ersten Stock, deren Tür mit Leder augepolstert war und die außer einem in die Fensterniesche geschobenen Tisch und einer durchgehenden Bank nur noch einen Klingelzug enthielt sowie drei an den Wänden angebrachte Öllampen. Die Magd, die den Meister der Mark heraufgebracht hatte, nickte ob der Bestellung Caitmars, dann zog sie sich zurück und schloss die Tür.

"Und? Was haben Eure Nachforschungen ergeben?" "Kurz gesagt: Nichts. Der Nandusjünger scheint wie vom Dereboden verschluckt. Ein letzter Hinweis war, dass er die Stadt durch das Greifentor verließ. Aber das ist auch schon alles. Er hat sich wohl an einigen unangemessenen Orten aufgehalten, hat unter anderem den alten Hernkersturm betreten wollen, hat die Nekropole besucht... aber was genau er wollte, konnte ich nicht feststellen."

Der Illuminatus sah hocherfreut aus, verkniff sich aber ein Grinsen: "Und das schmeckt Euch nicht." Der Kanzler Greifenfurts warf dem religiösen Oberhaupt der Mark einen warnenden Blick zu und erhaschte so, wie die Gesichtszüge des vor ihm sitzenden Mannes einen nachdenklichen Zug annahmen. "Ich für meinen Teil konnte in Erfahrung bringen..."

Ein lautes Pochen unterbrach das Gespräch. Dann wurde die Klinke heruntergedrückt. Die Magd trat ein und brachte ein Glas und eine Karaffe mit Wein sowie ein wenig Brot und Wurstwaren. Das Gespräch stockte, bis sie die Kammer wieder verlassen hatte.

"Augenscheinlich hat der Nandusjünger an meiner Statt dem Orden des Bannstrahls einen Besuch abgestattet und Nasar um eine entsprechende Empfehlung gebeten..."

"Die er, wie ich den Weißkittel einschätze, nicht erhalten hat."

"Korrekt. Und es ist müßig zu erwähnen, dass er es noch an der ein oder anderen weiteren Tür versucht hat."

"Dann hat ihm wenigstens mein Argument eingeleuchtet, dass die Sache selbst nicht in die märkische Magistratur fällt."

"Wie dem auch sei. Zeitgleich zu seinem Besuch sind im Therbunitenspital ein paar Dokumente verschwunden und der 'Beschirmer' hat eine Vision gehabt."

"Ich hörte davon."

"Aber alles krudes Zeug."

"Ich dachte mir, dass ihr das so bewerten würdet."

"Und was habt Ihr nun vor?"

"Ich habe Karon, meinen Knappen drauf angesetzt, sich umzuhören, ob im einfachen Volk Stimmung gemacht wird. Er ist unbekannt genug, dass er nicht auffällt, und jung genug, dass man ihm zutraut, sich für das Eslamsgrunder Gewäsch zu interessieren."

"Ich bezweifle, dass sich der Kerl tatsächlich zuerst die Hauptstadt aussuchen wird. Vielmehr würde ich an seiner Statt eine der aufstrebenden Handelsstädte infizieren. Die sind für solches Gedankengut empfänglicher."

"Ich habe schon einen Boten nach Breitenbruck entsandt. Eslamsroden ist zur Zeit sowieso ein unsicheres Pflaster, da wird ein solcher Funke fast nicht nötig sein, um einen Brand auszulösen."

"Und wenn es dann brennt, hat man zumindest guten Grund, gehörig aufzuräumen und vielleicht Missstände, auf die man derzeit keinen Einfluss hat, mit dem Eisenbesen auszumärzen..."

"Gerbold vom Rotenbrunn sitzt mir zur Zeit einfach viel zu fest im Sattel, während dem Landbaron aufgrund des reichsstädtischen Status die Hände gebunden sind."

"So eine städtische Unruhe kann ganz schöne Veränderungen auslösen, wenn man sie mit Feuer und Schwert bekämpfen muss. Zumal, wenn man dies der Kaiserin zuliebe auf sich nimmt. Da kann es dann unabwendbar werden, dass man einen Stadtherren ersetzt, um die Ordnung wiederherzustellen. Und nichts ist langlebiger als ein Provisorium. Und niemand ist einem enger verbunden als der, den man in Amt und Würden gesetzt hat."

"Eure politische Auffassungsgabe erstaunt mich immer wieder."

"Es ist das selbe Spiel, nur die Vorzeichen sind andere."

Kurz sannen die beiden Männer ihren jeweiligen Gedanken nach, dann räusperte sich der Illuminatus: "Es ist erfrischend, mit Euch gedanklichen Austausch zu pflegen."

"Das Vergnügen liegt da ganz auf meiner Seite."

"Vielleicht sollten wir es uns zur Gewohnheit machen, ab und an ein Gläschen zu trinken. Und sei es nur, um im Gespräch zu bleiben."

"Ich schlage Feuerstage vor."

"Wie passend."

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Texte der Hauptreihe:
K5. Bildungsmisere
27. Bor 1036 BF
Bildungsmisere
Bücherverbrennung

Kapitel 5

Bücherschatz
Autor: Wertlingen