Willensfreiheit - Götter und Angst

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Göttliches Allzugöttliches – Die verbotenen Sinnsprüche des Terramer von Rauffenberg

(Auszüge der Garether Edition von 1036 BF)

Teil III: Götter und Angst
 
 
 
 
1.

Es ist ein deutlich sprechendes Zeichen, dass die Mittelreicher die Novadis nicht verstehen. Ihr Wüstengott kann keine Wunder vollbringen wie die Zwölfgötter! rufen sie belustigt und rennen dann in die Tempel, um angsterfüllt zu sehen, wie durch fremde Zauberkraft ein buntgekleideter Pfau einen Krug mit Wasser füllt.

2.

Götter sind für Menschen so wie Kinder für Ameisen. Immer wieder einmal bückte man sich in den frühen Jahren seines Lebens hernieder zum Boden, sieht das Gewusel und amüsiert sich göttlich. Von Zeit zu Zeit drückt der große Daumen das eine Tier zu Mus, ein anderes Mal schnippt man jene Spinne fort, die sich auf den bestürzten Haufen stürzte. Und wenn die Mutter zum Essen rief, ließ man die zappeligen Spielkameraden allein. Man stelle sich vor zu sehen, die wimmelnden Kerbtiere hätten dem riesenhaften Wesen einen Ameisentempel erbaut, um Schutz und Kraft für die schwachen Ameisentiere zu erbeten, wie fein wäre das, um der Eitelkeit des Kindes zu schmeicheln. Ein erwachsener Mensch dagegen wäre peinlich beschämt von solch plumpen und anmaßenden Verhalten so niederer Kreaturen und würde sich mit Ekel von ihnen abwenden. Nun ziehe den Vergleich bis zum Ende.

3.

Der alltägliche Mensch lebt in Angst vor den Göttern, denn schon sehr oft haben sie ihm gezeigt, um wie viel größer ihre eigenen Fähigkeiten und Kräfte sind. Was man als Wunder bezeichnet, ist nichts anderes als das Eingeständnis eines Geringeren, solch eine Handlung niemals selber hervorbringen zu können. Für die Gläubigen ist es unverständlich und ein Wunder, wie die Sturmherrin die Blitze auf ihre Feinde zu lenken vermag. Aber kann nicht auch ein Mensch lernen, wie er kraft seiner Gedanken und seines Willens aus sich selbst heraus solche Blitze zu erzeugen und lenken vermag? Warum sollte also das Blitzewerfen etwas Besonderes sein? Es ist es nur solange, wie der Mensch selber diese Fähigkeit noch nicht erworben hat. Noch vor wenigen Jahren schien es schier unvorstellbar, eine ganze Stadt in die Lüfte zu erheben und als Kriegsfestung gegen ein Land in den Kampf zu schicken. Dann hat es Galotta getan und seitdem haben wir Freien eine Ahnung, welche Kräfte noch einem einzelnen Menschen zur Verfügungen stehen können, wenn er es nur will.

4.

Die größte Kraft eines Gottes ist die Angst der Gläubigen vor ihm. Aus dieser schöpft er seine ganze Existenz als Gott. Es scheint so zu sein, dass von der Angst der Betenden selber eine Art Energie für den Gott bereitgestellt wird, die er selber den Auserwählten Sklavenantreibern seiner Kirche als wirksame Geissel zur Verfügung stellt. Die Fähigkeiten solcher Statthalter aber unterscheiden sich nun in keinster Weise von den Möglichkeiten, die einem unter Madas Stern geborenes Wesen zur Verfügung steht oder die sogar der reine und bedingungslose Wille aus sich selbst heraus auf Kosten der eigenen Sterblickeit aus der Kraft seines Blutes destillieren vermag. Ist es nicht Borbarads größtes Vermächtnis, dass er den Sterblichen gezeigt hat, dass ungeachtet seines Standes oder seiner Geburt ein jeder Mensch Wunder tätigen kann?

5.
Um zum Gott zu werden, oder wenigstens so mächtig zu sein wie ein Gott, muss man sich von seiner Sklavenmoral befreien und zu verstehen beginnen, dass es keine Grenzen für einen bedingungslosen Willen gibt, die er nicht überschreiten kann, wenn er nur bereit ist die nötigen Schritte zu unternehmen. Man muss seine eigene Angst überwinden, um die völlige Freiheit zu erlangen. Man muss den eigenen Kinderglauben als Sklavenfessel verstehen, die einen daran zu hindern versucht dem Herren ebenbürtig gegenüber zu stehen und zu sagen: Ich sehe in dir nichts größeres als in mir selbst!
 
 
 
 
III.
13. Phe 1036 BF
Götter und Angst
Volk und Herrschaft

Kapitel 4

Autor: JüS