Vertraute der Krone - Haffax Kumpane nach Bogenbrück

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Im Quelltempel zu Nattersquell, 17. Rondra 1038 BF

Im mittleren, dem Adel vorbehaltenen Badebecken hingen Horulf von Luring und seine engsten Berater mit den Ellenbogen am Beckenrand und hielten die Füße strampelnd in die Beckenmitte, wo die Natter als Wasserfall aus der Wand hinunterschoss und angenehm sprudelte. Hinter dem Wasserfall labten sich noch weitere Adlige am kühlen Quell. Pfalzgraf Hirschfurten war mit seinem gerade auf Goldenstein weilenden Sohn Fredalf soeben gegangen, weshalb Lurings Stab mit ihm allein am Beckenrand schwamm.

»Was fällt denen ein, so mit Euch zu reden?«, empörte sich Gerobald von Ruchin.

»Ruhig, sie haben ja recht«, gab Luring zurück, allerdings mit schmalen Lippen. »Es ist tatsächlich unbefriedigend, dass weder Tag noch Stunde der Heerschau feststehen. Bei Rondra, mehr als unbefriedigend!«

»Mag sein, aber sie haben sich dennoch im Ton vergriffen«, maulte Garetiens Bannerträger.

»Egal. Hirschfurten leidet darunter, dass es seinem Vater … na ja. Ihr wisst schon. Mich enerviert, dass wir eine Fülle von Vorschlägen haben, aber noch keine Entscheidung.« Luring legte den Kopf in den Nacken und blickte auf das opulent ausgemalte Tempelgewölbe. »In die Luft redet er weiter: »Wir haben zu wenig ordentliche Entscheidungsparameter: Wir können die Herkunft der Informationen kaum bewerten, wir kennen zum Teil die Informationsgeber nicht. Manche Informationen sind widersprüchlich, viele sowieso mit der Einschränkung des Ungefähren gegeben. Die Götterdier sagen dies, die Magier sagen das, die Militärs denken in Zahlen, die anderen streicheln ihre Talismane. Wir haben es schwer, ein Urteil zu fällen. Und wenn wir es täten - was täte Haffax?« Luring hob den Kopf wieder und blickte seine Ratgeber an: Gerobald von Ruchin, Treumunde von Eychgras, Marbert von Isppernberg. Dessen Tochter Fridega saß ebenfalls am Beckenrand und blickte aufmerksam in die Runde.

Isppernberg räusperte sich: »Hm. Vielleicht ist das ja genau das, worum wir uns bisher am wenigsten gekümmert haben?«

»Was meint Ihr?«, fragte Treumunde nach. Sie fühlte sich nicht recht wohl, nackt unter Nackten.

»Um Haffax

»Wie meinen?«, prustete Gerobald. »Wir tun doch seit Jahren nichts anderes!«

»Ja, schon, aber wir wissen zu wenig über ihn selbst. Wie er denkt, wie er handelt.« Isppernberg hatte sich hochgestemmt. In seinem dichten weißen Brusthaar glitzerten die Tropfen.

»Immer einen Schritt besser als alle anderen«, gab Gerobald spöttisch zurück. Doch Luring zischte:

»Ssst! Isppernberg hat recht. Was würde Haffax denken? Das wissen wir nicht, Aber wir können herausfinden, was er bisher immer gedacht hat. Ich meine keine militärische Analyse, ich meine eine psychologische. Was würde Haffax denken?«

»Und wen wollt Ihr fragen?«, schaltete sich Treumunde wieder ein.

»Na, seine ehemaligen Weggefährten. Leute seines Stabes, Leute, die auf seinen vergangenen Feldzügen bei hm waren«, antwortete Isppernberg.

»Das hätte auch den Vorteil, dass diese uns vielleicht mehr über andere Gefolgsleute des Marschalls geben können, die jetzt - hier und heute - für ihn spionieren. Ebenfalls alte Kameraden.« Luring zitterte fast vor Aufregung. Die Schmalheit seines Körpers war hier im Bad überdeutlich,. Er wirkte nicht nur schmächtig, sondern fast ausgemergelt.

»Und wie wollt Ihr an die alten Kameraden herankommen?«, fragte Leuhold skeptisch.

»Die habt Ihr doch schon«, tönte es plötzlich vom anderen Beckenrand. Hinter dem Wasserfall zeigte sich nun ein dunkles, bärtiges Haupt. Der Mann erhob sich und lief ohne Scham auf der rundum verlaufenden Bank auf Lurings Gruppe zu.

»Nettersquell, seid Ihr das?«, spöttelte Luring, sichtlich verärgert über den Zuhörer. Oder: über diesen Zuhörer.

»Freilich. Könnte ich mich hier verkleiden?«, wies der Baron an sich herunter.

»Nein, gewiss nicht. Auch wenn man Euch gewiss nicht deshalb Natter nennt«, gab Luring ätzend zurück. »Was meint Ihr mit: Die habt Ihr doch schon?«

Rondradan von Rommilys-Nettersquell ließ sich direkt neben Fridega wieder ins Wasser: »Rutsch mal ein Stück, Schönheit.« Fridega machte ein abfälliges Geräusch, erhob sich und verließ das Becken. Nettersquell sah ihr nach: »Ein bisschen dünn vielleicht, Exzellenz, ich hoffe aber ansonsten brauchbar?« Isppernberg machte Anstalten, zugunsten seiner Tochter einzuschreiten, doch Luring hielt ihn auf:

»Wir quatschen hier nicht über Frauen, Nettersquell. Was meintet Ihr?«

»Wir haben doch schon einige von Haffax‘ Leuten. Ganz einfach.« Nettesquell fläzte sich an den Beckenrand. Die Augen seiner Gesprächspartner hefteten sich auf die auffällige Tätowierung, die den Baron zierte: Eine Natter wand sich den Bauch hoch bis zur Brust, umkringelte den Solar plexus und schien mit weit aufgerissenem Schlangenmaul die rechte Brustwarze fressen zu wollen.

»Wen denn zum Beispiel?«, wollte Gerobald von Ruchin wissen.

»Na, den da etwa.« Nettersquell deutete auf Isppernberg. Dessen Hand zuckte an seine nackte Lende: »Ihr wagt es …!«

»Nun mal gut, Oberstchen«, beschwichtigte Nettersquell seelenruhig, »ich meine doch nur: Ihr wart auf der Wehrheimer Akademie und habt dort Haffax‘ Methoden aus erster Hand kennen gelernt.«

»Das stimmt«, brummte Ispernberg, »er war in etwa so subtil wie Ihr …«

»Oder nehmt die Veteranen: Irian von Vierok zum Beispiel; der war in Haffax‘ Stab bei der Ogerschlacht. Als Korporal zwar nur, aber sei’s drum. Oder der alte Ogerfresser, Bernhelm von Wetterfels. Oder die beiden Verräter, die Ihr im vergangenen Jahr in Perricum gefasst habt.«

»Ihr seid bemerkenswert gut informiert, Nettersquell«, stellte Luring fest.

»Man tut, Was man kann. Wie heißt es doch so schön: Wir brauchen alle unsere Augen und Ohren. Was Ihr braucht, ist doch nur ein Ort, an dem Ihr alle diese Leute zusammenführt und befragt. Dann gibt es für die keine Ausflüchte mehr.«

Es herrschte kurz Stille. Auf so mancher Stirn zeigte sich, dass hinter ihr hart gearbeitet wurde.

»Die Idee ist gut, Nettersquell«, gab Luring zu.

»Und stellt Euch vor, wenn wir sie da befragen! Einer nach dem anderen. Das ist wir gefangene feindliche Kundschafter vor der Schlacht auspressen!«, begeisterte sich Gerobald. »Vielleicht können wir bis dahin noch den einen oder anderen fassen? das wäre doch was, oder?« Gerobald stieß Isppernberg an.

»Das wäre famos. Wir haben die eh zu lange vernachlässigt. Denkt nur an Terrebor von Kollberg oder Horngram? Beides Gefolgsleute nach Haffax‘ Überlaufen!«

»Das klingt wirklich gut«, stimmte nun auch Treumunde ein. »außerdem können wir neben Kumpanen des Erzverräters auch andere Zeugen befragen, Ugo von Mühlingen vielleicht oder Strutzz? De kennen Haffax auch aus nächster Nähe in der Schlacht«

»Gut«, konstatierte Luring, »fassen wir zusammen: Die Idee ist gut. Fehlen nur noch Ort und Zeit …«

»… schon wieder? …«, spottete Nettersquell

»Zeit ist klar: Nicht zu früh. Wir müssen uns überlegen, wen wir befragen können. Wen wir fangen können. Wen wir bereits haben. Im kaiserlichen Kerker, Helburg, Efferdstränen - wo auch immer. Ort? Vorschläge?« Luring blickte in die Runde.

»Ich hätte da einen geeigneten: Abgelegen, sicher, derzeit unbenutzt …« Nettersquell lächelte breit.

»Ach so, wo denn?«, fragte Isppernberg aggressiv nach.

»Burg Bogenbrück. Ist bestens geeignet.«

»Und wieso sollten wir dahin gehen? Was habt Ihr davon?« Isppernberg zürnte noch immer.

»Warum nicht? Die Burg liegt zwischen den Grafschaften mitten im Wasser, besitzt einen ziemlich umfangreichen Keller - und lauter Gäste dort bescheren mir als Nachbarn jede Menge Einkommen.« Nettersquell grinste erneut.

»Warum nicht«, schloss Luring ab, »wir werden Bogenbrück prüfen. Und jetzt los. Ich muss raus aus dem Wasser, raus aus Nattersquell - und zwar schnell.«