Verräter und Getreue - Verloren und Gefunden

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Gut Steinfelde, 12. Peraine 1033 BF

Grau vor Müdigkeit lehnte sich Praiodan von Steinfelde in dem wieder hergerichteten Stuhl zurück und schloss die Augen. Den ganzen Tag hatte er damit zugebracht, die Schäden zu begutachten, welche der Überfall der Schwingenfelser und das Wüten der Almadaner am Gutshof und im Dorf verursacht hatte. Bereits nach einer halben Stunde hatte er am Morgen zu rechnen aufgehört. Es würde lange dauern und sehr viel Geld kosten, ehe der alte Zustand wieder hergestellt sein würde – Geld das er nicht hatte. Über die Zustände und Verluste offen zu klagen, hatte keiner seiner Hörigen gewagt, aber ihm war klar, was die Bauern denken mochten: Er hatte sie nicht beschützt. Und nichts, gar nichts hatte er erreicht. Nicht mal der kleinste Erfolg war ihm geblieben, der die Opfer hätte aufwiegen können. Der Graf hatte durch seinen Herold gesprochen und ihm und den Seinen alles aus der Hand geschlagen, was sie noch im Kampf gegen die Schwingenfelser hätten einsetzen können.

Praiodan war nichts anderes übrig geblieben, als nach dem Abmarsch aus Ebenhain die meisten seiner geworbenen Kämpfer auszuzahlen und zu verabschieden. Es würde ihn nicht wundern, wenn ein Gutteil von ihnen sofort zurück nach Ebenhain geeilt war und sich dem Kronvogt von Puleth angeschlossen hätte. Ganz zuerst hatte er aber seine Neffen Praioswin und Praioswald rausgeworfen. Das vorlaute Mundwerk der Zwillinge und ihre sämtlich gescheiterten unausgegorenen Ränke hatten ihm die Entscheidung leicht gemacht. Sicher, es waren die Kinder seiner Schwester – Boron sei ihrer Seele gnädig – , aber sie waren erwachsen und in der Lage, auf sich selbst aufzupassen, wie sie durch ihr ausgeprägtes Herumtreibertum oft genug nachgewiesen hatten. Er konnte und wollte sie nicht mehr durchfüttern für schlechte Ratschläge und spöttische Kommentare. Es war ihm Genugtuung gewesen, als er beim Verkünden seiner Entscheidung in ihre langen Gesichter geblickt hatte.

„Herr?“ In dem leisen Ruf schwang deutlich die Angst mit, als die Tochter der Köchin, ein junges Ding von höchstens zehn Götterläufen eintrat. Das Mädel hatte kaum Frieden gekannt, schoss es Praiodan jäh durch den Kopf.

Er knurrte nur: „Was is‘?“

In sicherem Abstand blieb sie stehen, bevor sie antwortete: „Herr. Da ist ein Mann bei der Oberen Flur am Waldrand. Der will Euch sprechen.“

„Warum kommt er nicht her?“, brummte der Ritter.

„Verzeiht Herr, aber er sagte, er hätte etwas für Euch.“

„Tatsächlich? Was denn?“

„Das wollte er mir nicht sagen, Herr.“

Ungehalten runzelte der Ritter ob dieser Antwort die Stirn. Das Mädchen sah aus, als wollte sie gleich in Tränen ausbrechen.

„Hmm. Wie sah er denn aus?“

Mit leiser Stimme fast schon flüsternd antwortete die Kleine: „Wie ein hoher Herr, Herr: gute Kleider, gutes Pferd, Schwert, sauber getrimmter Bart.“

„Ein Ritter also. Hatte er Begleiter?“

„Ich habe keine gesehen, Herr.“

Praiodan stemmte sich nach oben: „Sag Ulfrik und Bartel Bescheid. Die sollen mich begleiten.“

„Herr, er sagte, er wolle Euch allein sprechen.“

„Na schön“, der Ritter griff nach seinem Schwert und gürtete sich, „Schauen wir uns diesen Fremden mal an.“

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Die Baumkronen kratzten an der Praiosscheibe im Westen, als Praiodan am Feldrain ankam. Er schirmte die Augen mit der Hand ab und entdeckte ein Pferd zwischen den Bäumen, das von den jungen Trieben naschte, sowie den zugehörigen Reiter, der ihm an einen Baum gelehnt entgegen blickte. Er trug einen weiten dunkelgrünen Mantel, dessen Kapuze er weit in sein Gesicht gezogen hatte, so dass die Physiognomie des Mannes nicht zu erkennen war. Unter dem Mantel schimmerte matter Stahl.

„Praios zum Gruße. Gut, dass Ihr kommt, Steinfelde. Ich fürchtete schon, die Kleine hätte meinen Auftrag nicht ausgeführt.“

„Wer seid Ihr und was wollt Ihr von mir?“, fiel ihm der Steinfelder barsch ins Wort. Doch der andere sprach ruhig weiter: „Ich will nichts von Euch, zumindest nicht jetzt, im Gegenteil. Ich habe Euch jemanden mitgebracht.“

Der Mann stieß einen Pfiff aus und das Gebüsch raschelte, als sich zwei Pferde ihren Weg durch das nahe Gehölz bahnten. Schon im Begriff sein Schwert zu ziehen, weil er einen Hinterhalt vermutete, hielt Praiodan fassungslos inne, als er eine der Reiterinnen erkannte: „Mutter!“

„Praiodan.“

Der Ritter half ihr aus dem Sattel und umarmte sie: „Ich dachte, du wärst zusammen mit Heiltrud in der Hand des Krämergrafen. Wie ist das möglich, dass du hier vor mir stehst? Und wo ist meine Frau?“

Perainetreu deutete auf den Verhüllten: „Er hat dafür gesorgt, dass zumindest ich entkommen konnte. Heiltrud hatte der Schuft Geismar aber woanders hinbringen lassen und es war keine Zeit mehr ...“

„Verzeiht, dass ich Euch unterbreche. Ich habe noch einen langen Weg vor mir und muss gleich aufbrechen. Darum auf ein Wort, Steinfelde.“

„Wer auch immer Ihr seid, an Mut oder besser Lebensmüdigkeit scheint es Euch nicht zu mangeln, wenn ihr es wagt, Gefangene aus der Festung Feidewald zu befreien.“ Anerkennend verneigte sich Praiodan vor dem Fremden. „Was ich tun kann, will ich tun, um mich Euch gegenüber erkenntlich zu zeigen.“

Doch der andere winkte ab: „Ich will weder Euer Geld noch leere Versprechungen, Steinfelde, sondern nur diese zwei Dinge: Erstens, erinnert Euch stets an den heutigen Tag. Hartsteen braucht Frieden, egal, welcher der streitenden Grafen dereinst regiert. Und zweitens, begebt Euch morgen früh mit Euren Leuten gut gerüstet nach Kesseling, man wird auf Euch warten. Zeigt dies hier vor und man wird Euch nicht behelligen“, er zog seinen Ring vom Finger und drückte ihn Praiodan in die Hand. Dann schlug der Mann die Kapuze zurück.

Zum zweiten Mal in dieser kurzen Zeit klappte dem Ritter von Steinfelde die Kinnlade nach unten.