Verräter und Getreue - Der Preis des Sieges

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Gut Obernheim, 18. Peraine 1033 BF

In langsamem Trott ritt Lechdan von Quintian-Quandt den Hohlweg zum Gutshof hinauf. Die Reisen der letzten Tage und Wochen waren anstrengender gewesen, als er sich selbst eingestanden hatte und bleierne Müdigkeit steckte tief in seinen Knochen. Doch es war fast geschafft. Gleich würde er zu Hause sein, etwas essen, ein Bad nehmen und sich von Rovena den verspannten Rücken und das verkrampfte Bein massieren lassen. Der Wald trat zurück und gab den Blick auf Gut Obernheim frei. Sofort bemerkte Lechdan, dass etwas nicht stimmte: Es standen keine Pferde auf der Koppel oder auf den Weiden. Aber auch sonst war es zu ruhig: Keine Geräusche aus der Schmiede, kein Rauch aus den Schornsteinen, nicht einmal das sonst unablässige Quietschen der Kurbel am Ziehbrunnen. Niemand war zu sehen, weder Hüteburschen noch Stallmägde oder Küchengesinde.

Lechdan lockerte das Schwert in der Scheide am Sattel und spürte, wie die Müdigkeit mit einem Mal seinen Körper verließ. Langsam näherte er sich dem Anwesen, bereit, das Ross beim kleinsten Zeichen eines Hinterhalts herumzureißen oder zu kämpfen. Als er die Pforte erreicht hatte, stellte er fest, dass diese nicht geschlossen war, aber auch hier gab es keinerlei Hinweise auf die Anwesenheit von Menschen. Lechdan stieg ab und zog das Schwert. Das Gefühl der Waffe in der Hand beruhigte ihn etwas.

„Ist hier jemand?“, rief der Junker über den Hof, doch es gab keine Antwort. Stattdessen sah er sie: „Rovena! Nein!“

Ihr bereits von Krähen heimgesuchter Kopf stak auf einem angespitzten Pfahl vor der Tür zum Haupthaus. Darunter war ein Zettel angenagelt und darauf prangte im roten Wachs das gräfliche Siegel seines Bruders.

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Burg Ebenhain, 18. Peraine 1033 BF

„Und wie diese almadanischen Strolche das Hasenpanier ergriffen haben!“ Borstefred von Katterquell lachte schallend, prostete in die Runde und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kelch, „Das hättest du sehen müssen, Ludegar. Wir hätten die Überlebenden nur nicht den Pfaffen in Dornheim überlassen sollen.“

Die Erzählung von der Schlacht bei Dornheim kam dem Haudegen trotz der fortgeschrittenen Stunde und der nahezu allein von ihm geleerten Weinkanne auf dem Tisch immer noch erstaunlich flüssig von den Lippen. Und Ludegar von Schwingenfels neben ihm war ein geduldiger Zuhörer. Es blieb ihm aber auch nichts anderes übrig: Erstens konnte er nicht von allein von der Bank aufstehen und zweitens war er zwischen Borstefred und der Seitenwand des Kamins geradezu eingekeilt und hätte, selbst wenn er körperlich dazu in der Lage gewesen wäre, nicht fort gekonnt. Immerhin konnte er von seinem Platz aus die Halle gut übersehen, in der sich die Getreuen der Schwingenfelser versammelt hatten, um den Sieg zu feiern. So entging ihm auch nicht, als Voltan in die Halle kam und ein paar leise Worte mit Hadrumir am oberen Ende der Tafel wechselte, dessen Gesicht sich dabei zu einer Maske blanken Hasses wandelte.

Schließlich stand der Kronvogt von Puleth auf und rief laut in die Runde: „Soeben wurde uns eine Botschaft aus Feidewald zugestellt. Voltan, hol sie herein!“ Der hatte sich schon wieder auf den Weg zur Tür gemacht und kam mit einem Deckelkorb zurück, den er auf den Tisch vor Hadrumir hinstellte. Ein unangenehm süßlicher Geruch verbreitete sich im Raum. Borstefred rümpfte die Nase und gröhlte: „Mach schon auf! Wollen doch mal sehen, was für eine schrecklich stinkende Botschaft uns Geismar geschickt hat.“

Als Voltan den Deckel anhob, erstarrte er.

„Was ist denn?“, verlangte Borstefred lautstark wissen.

Statt eine Antwort zu geben griff Hadrumir in den Korb und hob das abgeschlagene Haupt von Eleona von Schwingenfels heraus.

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Gut Steinfelde, zur selben Stunde

Als der Ritter von Steinfelde mit dem Mann fertig war, war dieser nur noch ein leise röchelndes Bündel von Blut und gebrochenen Knochen gewesen. Erschöpft hatte Praiodan nach Ulfrik gerufen und ihm befohlen, die Reste den Hunden vorzuwerfen. Danach hatte sich der Junker an den Tisch gesetzt und lange Zeit regungslos das darauf liegende leblose Antlitz seiner Frau angestarrt. Der Bote aus Feidewald hatte es dort hingestellt, kurz bevor sein Kiefer unter dem mächtigen Fausthieb des Ritters gebrochen war und seine gelben Zähne sich in hohem Bogen im Raum verteilt hatten. In Praiodans Gesicht arbeitete es, er knirschte mit den Zähnen und sein Bart zitterte. Schließlich streckte er seine blutverschmierte Pranke aus, streichelte zärtlich über die erstarrten Züge und strich durch das strähnig verfilzte Haar.

„Ich hätte dich und Mutter nicht hier allein lassen, sondern mit nach Ebenhain nehmen sollen. Dann wäre das nicht passiert“, sagte er leise.

„Nein, Junge“, hörte er hinter sich die Stimme Perainetreus, „Du hast nichts falsch gemacht. Geismar hat sie getötet, nicht du.“

„Aber ich hätte es verhindern können!“

„Meinst du, du kannst dich gegen den Ratschluss der Götter stellen? Wessen Zeit um ist, den ruft der Herr Boron zu sich“, erklang es sanft hinter ihm, „Komm, trink! Auf die Tote, auf deine Frau, auf die gemeinsamen Jahre.“

„Auf die Tote“, murmelte Praiodan, griff nach dem gut gefüllten irdenen Becher auf dem Tisch und nahm einen tiefen Zug. Dann barg er sein Gesicht in den blutverschmierten Händen. Seine Schultern bebten.

FINIS