Verantwortung

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Erstaunt legte Selinde, die Baroness von Zackenberg, das ursprünglich versiegelte Schreiben auf den Tisch vor ihr ab. Eigentlich war die Adlige mittlerweile nur noch schwer aus der Ruhe zu bringen, aber diese Nachricht aus Vellberg forderte dann doch ihre ganze Selbstbeherrschung.
"Du kannst gehen". wandte sich Selinde kühl an die wartende Botin, "lass Dir etwas zu Essen und ein Quartier geben; morgen wirst Du auch meine Antwort erhalten."
Jene nickte kurz und verließ dann das Zimmer.
Die Baroness hingegen betrachtete die Nachricht erneut und schüttelte den Kopf. Was hatte das zu bedeuten? Und warum hatte dieser Tintenkleckser Norholt sich ausgerechnet an sie gewandt? Zwar war der Hass auf ihre Halbschwester Elissa schon seit einiger Zeit abgeklungen, aber Freundinnen waren sie deshalb noch lange nicht. Andererseits schien die Situation schon sehr ernst zu sein, wenn man den Worten des Vogtes Glauben schenkte, was Selinde durchaus tat, da sie wusste, dass dieser wahrlich nicht zu Übertreibungen oder Dramatisierungen neigte. Dennoch verspürte die Adlige wenig Neigung, ins benachbarte Vellberg zu reisen. Das lag noch nicht einmal so sehr an ihrer Halbschwester als an dem Umstand, dass sie sich hier in Zackenberg mit ihren beiden Kindern gut eingerichtet hatte und Letztere nur ungern für eine längere Zeit alleinlassen mochte.

In der darauffolgenden Nacht fand Selinde nur wenig Schlaf, was dieses Mal jedoch nicht irgendwelchen Alpträumen geschuldet war sondern weil ihr Elissa und deren missliche Situation nicht aus dem Kopf gingen. Am nächsten Morgen ließ die leicht übermüdet wirkende Baroness die Kurierin zu sich rufen.
"Ich mache es kurz. Ich werde noch heute Mittag gemeinsam mit Dir nach Mallvenstein reisen. Zur Praiossstunde brechen wir auf."
"Ich werde bereit sein."

Die nächsten Stunden verbrachte Selinde damit, ihre Abreise vorzubereiten und - der schwierigste Teil - sich von ihren Kindern zu verabschieden. Zur verabredeten Stunde brachen die Frauen mit drei Bewaffneten im Gefolge auf.
Ein merkwürdiges Gefühl überkam die Adlige, als die kleine Gruppe die Grenze nach Vellberg überquerte. Seit der Beisetzung ihres Vaters war die Baroness nicht mehr hier gewesen und eine Vielzahl an Erinnerungen und Eindrücken überkam die Frau, je näher sie Burg Mallvenstein kamen. Die ganze Reise über gab sie sich recht wortkarg. Die Trennung von ihren Kindern wie auch die Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung machten ihr zu schaffen. Nach irgendwelchen Plaudereien stand ihr daher nicht der Sinn.
Als die Burg in Sicht kam, schien es Selinde, als wolle diese sie mit ihrem ganzen Gewicht geradezu erdrücken. 'Zu viele Erinnerungen!', dachte die Adlige lakonisch, während sie das Gemäuer mit einer Mischung aus Vorfreude und Widerwillen betrachtete. Dort angekommen wurde sie auf dem Burghof bereits von Vogt Norholt von Rickenberg erwartet.
"Euer Hochgeboren, wie schön, Euch wiederzusehen! Ich freue mich sehr, dass ihr Euch entschieden habt, meiner demütigen Bitte zu entsprechen und das auch noch so rasch."
"Schon gut Norholt, schon gut. Der Ritt war recht beschwerlich und ich denke, wir haben Einiges zu besprechen. Treffen wir uns also in einer Stunde im Arbeitszimmer meines Vat-, äh meiner Halbschwester und bereden dort dann alles Weitere."
"Wie ihr wünscht. Nochmals meinen ehrerbietigsten Dank für Euer Kommen."
Aufmerksam und ohne ihn einmal zu unterbrechen, hatte Selinde später Norholts präzis´ formulierten Ausführungen zur Krankheitsgeschichte ihrer Halbschwester gelauscht. Erst, nachdem er geendet hatte, ergriff sie selbst, nun sichtlich betroffen wirkend, das Wort.

"Puh, das klingt ja in der Tat äußerst ernst. Und Ihr habt keine Ahnung, was ihren Wahnsinn ausgelöst haben könnte?"
"Nein, Euer Hochgeboren. Ich habe natürlich auch sämtliches Gesinde, teils mehrmals, hierzu befragt: Nichts! Und irgendwelche ungewöhnlichen Fremden oder außergewöhnlichen Ereignisse hat es hier in den letzten Monaten auch nicht gegeben. Kurzum: Ich kann mir beim besten Willen nicht erklären, was Frau Elissa dermaßen den Verstand geraubt haben könnte."
"Seltsam. Nein, mehr als das: Höchst beunruhigend. Ich werde mir gleich mal selbst ein Bild machen."
"Gewiss. Wir haben Eure Halbschwester zu ihrem und, nun ja, unserem eigenen Schutz in ihrer Schlafstatt festgesetzt. Hier ist der Schlüssel. Ihr solltet Euch jedoch vorsehen, ihr Gemütszustand wechselt zuweilen schlagartig und ohne jeden Grund, wobei sie auch durchaus aggressiv werden kann."
"Danke für die Warnung. Und nun entschuldigt mich."

Selinde begab sich zum Schlafzimmer, um sich endlich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Dieser fiel geradezu bestürzend aus und ließ die Adlige sichtlich erblassen. Der Raum wirkte, als hätte sich ein Oger dort ausgetobt, vieles war verwüstet oder zerstört, Essensreste waren überall verteilt. Die völlig verwahrlost wirkende Verursacherin saß, an einen umgestürzten Schrank gelehnt, apathisch auf dem Boden. Ihre Haare waren verfilzt, die, teilweise zerrissene, Kleidung völlig verdreckt, das Gesicht zerkratzt, die Fingerspitzen blutbeschmiert. Und sie stank geradezu furchtbar.
Merklich erschüttert kniete sich die Adlige neben ihre Halbschwester und berührte sie sanft an der Schulter, was jene aber nicht wahrzunehmen schien, ebenso wenig wie die Fragen nach ihrem Namen und ihren Erinnerungen. Selinde schluckte. Ob Elissa gefährlich war, wusste sie nicht. Was sie aber wusste, war, dass diese umgehend kompetente Hilfe brauchte. Falls es dafür nicht schon zu spät war.
Die Baroness wandte sich zum Gehen; hier gab es für sie nichts mehr zu tun. Sie hatte gerade die Tür erreicht, als sie hinter sich eine krächzende Stimme hörte, der das Sprechen offenbar schwer zu fallen schien.
"Hat er Dich geschickt? Bist Du wegen ihm hier?"
Ruckartig wandte Selinde sich um. "Wen meinst Du? Und ich bin übrigens Deinetwegen hier".
"Nein, er hat Dich nicht gesandt. Aber Du bist um Deiner selbst willen gekommen."
Elissa fing plötzlich wild zu kichern an und nässte sich dabei ein.
Ihre Halbschwester verließ den Raum, doch anstatt sich direkt zu Norholt zu begeben, ging sie auf den Burghof, wo sie sich ein abgelegenes Plätzchen suchte. Selinde brauchte frische Luft und Ruhe zum Nachdenken. Nach einigen Minuten, die sie - zumindest für einen flüchtigen Beobachter - in ähnlich apathischem Zustand verbracht hatte wie Elissa, sprang sie plötzlich auf, streckte sich kurz und ging wieder in die Burg.

"Ich mache es kurz, Norholt. Ihr hattet nicht übertrieben. Leider, wie ich hinzufügen möchte. Ich denke, hier wird man der Baronin nicht helfen können und von selbst wird sich ihr Zustand vermutlich auch nicht bessern. Ich werde gleich morgen früh mit ihr nach Perricum, zum Kloster des Vergessens, reisen. Wenn es noch Hoffnung für sie gibt, dann wird sie am ehesten dort zu finden sein."
"Ja, das mag wohl das Beste sein. Aber wird das nicht unter Umständen Aufsehen erregen?"
"Ich denke, zumindest vorerst brauchen wir uns da keine Sorgen zu machen. Wir reisen abseits der großen Herrschersitze, wo meine Halbschwester ohnehin kaum bekannt sein dürfte. Hätte nicht gedacht, dass ihre Abneigung gegenüber dem höfischen Leben ihr einmal zupass käme. Ach ja: Wascht sie, schneidet ihr die Haare und steckt sie morgen früh in ein einfaches Bauernkleid. Dann dürfte sie erst recht niemand mehr erkennen. Und haltet als Reittier den müdesten Klepper bereit, den ihr hier habt. Ich habe keine Lust, dass meine Halbschwester mitten auf der Reise aus ihrer Apathie erwacht, versucht zu fliehen und ich sie dann durch die halben Trollzacken jagen darf. Alles weitere wird sich zeigen."
"Und der Markgraf? Sollten-"
"-wir vorerst nicht behelligen. Warten wir erst einmal die weitere Entwicklung ab. Und wenn es unvermeidbar sein sollte, werde ich selbst das Gespräch mit ihm suchen."
Die Nacht brachte Selinde zwar keine Alpträume, dafür aber wieder einmal nur wenig Schlaf. Der Zustand Elissas und insbesondere die Grübelei über ihre merkwürdigen Worte verhinderten dies. Und das Mitleid sowie das Verantwortungsgefühl, das die Baroness zu ihrer eigenen Überraschung für ihre Halbschwester entwickelt hatte.