Unruhige Zeiten - Kapitel 8

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Ende Tsa 1043 BF, Kaiserlich Randersburg, Wegkreuzung zwischen Radeberg und Ettingen

Wulfhelm und Gerion benötigten fast fünf Minuten, um über den verschneiten Weg zur Kreuzung zu gelangen. Endlich angekommen sahen sie, dass die Kutsche von einem Dutzend Spießknechten umstellt worden war. Zwei Söldlinge mit Armbrüsten standen ein paar Schritt entfernt neben einem großen barhäuptigen grau-blonden Ritter in Plattenrüstung und hatten auf die Kutsche angelegt.

„Im Namen des Pfalzgrafen Udilbert von Hardt, gebt den Weg frei!“ Die Kutscherin mit dem Randersburger Wappenrock hatte sich auf dem Kutschbock erhoben und die Hand unerschrocken auf den Griff ihres Kurzschwertes gelegt.

„Das hier ist keine Reichsstraße“, knurrte sie der Ritter ungehalten an, „und wir befinden uns nicht auf der Pfalz Randersburg. Das hier ist Reichsforster Boden und mit denen liegen wir in Fehde. Du bist also gut beraten, wenn du brav von deinem Bock heruntersteigst und die Waffe streckst, bevor ich die Geduld mit dir verliere.“

„Das Land und die Straßen hier gehören zu den Ländereien der kaiserlichen Pfalz! Ihr mögt aus der Kaisermark kommen, aber Ihr habt kein Recht uns mit Gewalt anzuhalten!“

„Holt sie herunter!“

„Diese Ländereien gehören der Kaiserin! Wenn der Pfalzgraf das erfährt, kommt ihr vor das Reichsgericht und…“

Eine Sehne surrte und ein Bolzen drang durch das linke Auge der Kutscherin in ihren Schädel. Die Wucht des Geschosses riss sie nach hinten. Sie war tot, bevor sie noch auf das Dach der Kutsche prallte und langsam daran herabglitt. Der knöchelhohe Schnee ließ ihren Aufprall auf dem Weg dumpf klingen.

„Nein!“

Die beiden Greifenfurter waren auf fast zwanzig Schritt herangekommen. Die Kaisermärker hatten sie nicht bemerkt, da der Schnee das Hufgeklapper ihrer Pferde gedämpft hatte. Bei Wulfhelms Aufschrei fuhr der zweite Schütze erschrocken herum und ließ seinen Bolzen fliegen. Mit geübten Reflexen zog Wulfhelm seinen Schild nach oben und ließ das schlecht platzierte Geschoss abprallen. Fast gleichzeitig schlug der Panzerhandschuh des Kaisermärker Ritters im Gesicht des Schützen ein und schickte diesen benommen zu Boden.

„Auf diese beiden zu schießen habe ich nicht befohlen!“, schnauzte er den am Boden liegenden Soldaten an. Wenn er vom Auftauchen der Greifenfurter überrascht war, so ließ er es sich nicht anmerken. Offensichtlich fühlte er sich mit einem Dutzend Spießknechten im Rücken sehr sicher.

„Wer seid ihr und was ist euer Begehr?“ So selbstsicher, als stünde er auf der Schwelle seines Gutes, baute sich der großgewachsene Kaisermärker auf der Mitte der Straße mit in die Hüften gestemmten Fäusten auf. Er strotze vor Kraft, doch die tiefen Falten in seinem Gesicht und die vielen grauen Strähnen zwischen seinen blonden Haaren verrieten Wulfhelm, dass sein Gegenüber bereits auf sein sechszigstes Lebensjahr zugehen mochte.

„Mein Name ist Wulfhelm von Keilholtz, Ritter zu Kressenburg, und ich fordere Euch auf mir die Kutsche, samt der Insassen sofort zu übergeben. Wir haben den Auftrag sie zur Pfalz Randersburg zu eskortieren und bei Rondra, das werden wir tun! Wer seid Ihr, dass Ihr es wagt eine Kutsche mit dem Wappen den Pfalzgrafen auf pfalzgräflichen Boden zu überfallen?“

Sonnwin von Ehrenbrecht, Ritter zu Askheim.“ Er kannte weder die Familie Keilholtz, noch das Lehen Kressenburg, ließ sich aber auch davon nicht beirren. „Ich befehlige die Vorhut der kaisermärkischen Truppen, die gekommen sind, um euch streitsüchtige Reichsforster zu befrieden.“

„Ich bin kein Reichsforster, Ritter Sonnwin, sondern Greifenfurter. Doch habe ich meine eigenen Gründe in diesen Zeiten für Graf Drego zu streiten. Hier und jetzt aber bin ich zufürderst Ritter und folge den Geboten, welche mein Schwertvater mich lehrte. In Rondras Namen fordere ich Euch also erneut auf, mir die Kutsche, samt der Edeldamen darin, unverzüglich zu übergeben, damit ich sie zur Pfalz Randersburg geleiten kann.“

„Ihr seht, Ritter Wulfhelm, auch ich bin ein Rittersmann und nur zu geneigt, Eurem edlen Ansinnen stattzugeben. Zumal Ihr es furchtlos und unerschrocken im Angesicht einer erdrückenden Überzahl äußert.“ Sonnwin neigte für einen Moment respektvoll den Kopf. „Allein widerspricht dies meinem Auftrag, niemanden durch unsere Reihen schlüpfen zu lassen, der irgendwelche Informationen über unser Vorgehen weitertragen könnte. Ihr seht also, wir befinden uns in einem Dilemma.“

„Ich werde nicht weichen, bis meine Forderung erfüllt ist!“ Wulfhelm verlieh seiner Stimme alle Festigkeit, zu der er fähig war, wusste er doch, dass der ungleiche Kampf gegen ein Dutzend Spießknechte und Armbrustschützen für ihn und Gerion den sicheren Tod bedeuten würde.

„Wohlan“, sprach da Ritter Sonnwin, „dann möge Rondra entscheiden. Ritter Wulfhelm, ich fordere Euch zu einem Kampf auf das dritte Blut, sodass niemand hernach von uns sagen kann, wir hätten unseren jeweiligen Auftrag nicht bis zum Ende verfolgt!“

„Ihr gebt Euren Vorteil ohne Not auf, Sonnwin von Ehrenbrecht“, sprach Wulfhelm bedächtig, „und das gereicht Eurem Namen zu Ehre. Ich bitte Euch jedoch noch um eine weitere Sache. Sollte Rondra Euch den Sieg schenken, so gestattet Ritter Gerion von Sturmfels“, er deutete auf seinen Begleiter, „meinen Leichnam und meine Habe zurück zu meiner Familie zu bringen. Wie gesagt, ich stamme nicht von hier und wünsche mir, in heimatlicher Erde begraben zu werden.“

„Diesen Wunsch will ich Euch gerne gewähren, Wulfhelm von Keilholtz. Sollte ich siegen, soll euer Gefährte frei sein zu gehen und Euch und Euer Habe mit sich nehmen. Doch nur unter der Bedingung, dass er hernach das Königreich Garetien auf dem schnellsten Wege verlässt und seine Grenzen erst wieder überschreitet, wenn diese Fehde offiziell begraben worden ist. Diese Bedingung muss ich stellen, damit meinem Auftrag genüge getan ist.“

„Es sei!“, antwortete Gerion ohne zu zögern und schlug sich mit der zur Faust geballten Schwurhand vor die Brust.

„Sehr gut. Dann will ich Euch, Ritter Wulfhelm, bei meiner Ehre und vor Rondra den Schwur geben, dass Ihr, sollte Rondra Euch gewogen sein und sie mich am heutigen Tage an ihre Tafel ruft, frei seid zu gehen und Euren Auftrag für den Pfalzgrafen auszuführen.“ Er wandte sich an eine der Spießknechte mit den Rangabzeichen einer Weibelin. „Frigida, Ihr erhaltet hiermit den Befehl, Ritter Wulfhelm und Ritter Gerion samt der Kutsche und der Personen darin ziehen zu lassen, sollte er mich im Zweikampf besiegen. Habt Ihr mich verstanden?“

„Ja, Euer Wohlgeboren.“ Die Anführerin der Söldlinge nahm den Befehl mit verkniffenen Gesicht entgegen und gab ihren Leuten dann ein Zeichen, die Weggabelung zu räumen, damit die Ritter Platz hatten ihr Duell auszutragen.

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Texte der Hauptreihe:
K8. Kapitel 8
25. Tsa 1043 BF 11:45:00 Uhr
Kapitel 8
Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9
Autor: Keilholtz