Unruhige Zeiten - Kapitel 1

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11. Ingerimm 1042 BF, Stadt Kressenburg

"Hiermit eröffne ich die einundsiebzigste ordentliche Sitzung des Rates der Stadt Kressenburg. Ich stelle fest, dass die Ratsmitglieder vollzählig erschienen sind. Ebenfalls anwesend ist seine Wohlgeboren, Stadtvogt Kasimir von Kieselholm, als Vertreter seiner Hochgeboren, Baron Ardo von Keilholtz. Die Mitschrift der Sitzung wird angefertigt von der Gesellin Rahjamunde von Schroffenstein-Grünfels. Als Gast des Rates ist zudem anwesend Seine Gnaden Angarimm."

Nach den zeremoniellen Eröffnungsworten durch den Ratsmeister und Kressenburger Zwergenältesten Durac, Sohn des Dugramm, nahmen alle Stadträte auf ihren Stühlen Platz.

"Erster Punkt der Tagesordnung ist die Verkündung des Jahresorakels für die Kressenburger Lande, welches Seine Gnaden Angarimm im Gebet gesandt wurde. Bitte Euer Gnaden, lasst uns an der Weisheit Ingerimms teilhaben."

Gemessenen Schittes trat Angarimm in die Mitte des Saales:

"Die Esse glüht. Zorn treibt sie an. Wo zuvor nur Glut, springen Flammen empor, heißer als je zuvor. Der flackernde Schein der Esse erleuchtet den Pfad in die Zukunft, welcher der Esse entspringt und lässt ihn golden strahlen. Asche wirbelt empor, sinkt hernieder und bedeckt den goldenen Pfad. Der Wind regt sich, denn ein Sturm ist vorrüber und ein Sturm zieht auf. Der Wind hebt die Asche und offenbart erneut den Pfad. Er hat sich gegabelt. Der eine Pfad strahlt weiter golden, der andere ist pechschwarz und bedeckt von Blut. Welchen Pfad die Zukunft nimmt ist noch ungewiss. Die Esse glüht."

Monoton trug der Ingerimm-Geweihte das Jahresorakel vor. Als er geendet hatte, gab es ein lautes Murmeln im Saal. Wie Durac erwartet hatte, verunsicherten die düsteren Worte die meisten Anwesenden zutiefst. Auch ihn hatten die Visionen seines Sohnes zuerst erschreckt. Doch nachdem sie die ganze Nacht über der Deutung und Bedeutung der einzelnen Bilder zugebracht hatten, hatte er sich etwas beruhigt. Die Bilder waren sicherlich ein Grund zur Sorge, aber gewiss kein Grund in Angst zu verfallen. Unruhige Zeiten würden kommen, aber das wusste man nun und konnte sich entsprechend darauf vorbereiten.

"Ruhe bitte meine Freunde." Durac schlug mit dem zeremoniellen Schmiedehammer auf den Tisch und sofort ebbte das Gemurmel ab. "Natürlich klingen die Visionen Seiner Gnaden erst einmal nach schweren Zeiten für uns. Doch nichts spricht dafür, dass das Orakel mit aller Bestimmtheit das Schicksal der Kressenburger Lande offenbart. Ich bin mit Seiner Gnaden einer Meinung, dass Feuer und Asche in seinen Visionen nicht für eine kriegerische Auseinandersetzung in Kressenburg stehen, sondern eher für die Gefahren, die uns, der Mark und dem Reich ganz allgemein drohen. Insofern sehe ich in dem Orakel vor allem eine Chance. Vor allem, da es die glühende Esse zu Beginn und am Ende hervorhebt."

"Und was glaubt ihr, Meister Durac, könnte diese Chance sein, die sich uns hier aus einem wahrscheinlich aufkommenen kriegerischen Konflikt erwächst?" Der Ton von Ratsfrau Linde Zweihofer war wie gewohnt bissig. Sie war, wie sie gerne betonte, eine 'echte' Kressenburgerin und entstammte keiner der Koscher Familien, die einstmals mit Baron Ulfried aus dem Fürstentum zugezogen waren. Zudem war sie fest davon überzeugt, dass sie und ihre Zunft der Stadtbauern, Müller und Bäcker die Stadt am Leben hielten. Dass statt ihrer die Schmiede und Zwerge den Stadtrat dominierten, wurmte sie sehr. "Aus Krieg und Brand ist noch nie etwas Gutes erwachsen!"

Durac hob beschwichtigend die Hände und antwortete in seinem gwohnt bedächtigen Ton. "Wir alle wissen inzwischen, dass sich die Finsterzwerge im Kamm regen und mehrfach Dörfer überfallen und niedergebrannt haben. Der Ork ist sowieso eine permanente Bedrohung. Selbst wenn der dunkle Feind im Osten bezwungen ist, bleiben an unseren Grenzen genug Gefahren, die es abzuwehren gilt. Genauso wie diese Gefahren ist uns auch bekannt, dass unser Herr Baron ein eifriger Verteidiger der Kressenburger Lande und der Mark ist. In den letzten Götterläufen sind die Aufträge an unsere Zunftbrüder und -schwestern für die herrschaftliche Waffenkammer stetig gestiegen. Wie alle hier aus dem letzten Zunftbericht ersehen konnten, sind die Auftragsbücher der Schmiede übervoll. Kein Kunde wartet gerne lange. Wenn wir die Aufträge nicht schaffen, werden sie anderswo vergeben."

Geschäftsmäßig sah er auf das vor sich liegende Pergament mit der Tagesordnung. "Vor allem aus diesem Grund steht als zweiter Punkt der heutigen Tagesordnung der Antrag zur Zulassung eines weiteren Meisters der Rüstungs- und Waffenschmiede, da die derzeit zugelassenen Meister mit der Arbeit nicht hinterherkommen. Ich bin zudem davon überzeugt, dass die zu erwartenden unruhigen Zeiten zu weiteren lukrativen Aufträgen führen werden, die letztlich allen Gilden zu Gute kommen. Deswegen stelle ich den Antrag, dass wir heute nicht wie vorgesehen nur einen Altgesellen in den Rang eines Meisters erheben, sondern deren zwei."

Wieder branndete Gemurmel auf. Man konnte leicht erkennen, dass sich die Ratsmänner und -frauen uneins waren. Wieder war es Ratsfrau Zweihofer, welche ihre Stimme zur Widerrede erhob. "Ich muss mich doch sehr wundern, Meister Durac! Eine weitere Schmiedewerkstatt sollte doch völlig ausreichen, um den aktuellen Auftragsüberhang zu bewältigen. Auf Grund des Orakels auf weitere Geschäfte zu hoffen, halte ich für sehr gewagt. Wenn diese Zeiten der Unsicherheit, die Ihr in dem Orakel erkannt haben wollt tatsächlich eintreffen, können sie genauso gut den Fernhandel zum Erliegen kommen lassen. Dann sitzt ihr Schmiede am Ende des nächsten Götterlaufs auf einem Berg von Schwerter, Piken, Helmen und Kettenhemden für die ihr keinen Abnehmer mehr findet. Eure Meister werden keine Aufträge und Einkünfte mehr haben und müssen durch die Zunftkasse versorgt werden. Solche Unvernunft hätte ich gerade von Euch nicht erwartet! Wir sollten lieber beim Baron einen Antrag stellen, weitere Felder in Stadtnähe roden zu lassen. Kressenburg ist nach wie vor viel zu sehr davon abhängig, Getreide aus dem Norden der Baronie und den benachbarten Baronien zu beziehen. Sollte das nächste Jahr wirtschaftlich schlecht laufen, halte ich es für das Beste, wenn in dieser Richtung vorgesorgt ist."

"Natürlich besteht ein Restrisiko, Meisterin Zweihofer, das will ich nicht verhehlen. Aber manchmal muss man etwas wagen um zu gewinnen. Und seid versichert, dass die Schmiedezunft für eventuelle schlechte Zeiten finanziell gut gewappnet ist." Durac gönnte sich ein hintersinniges Lächeln, dass Linde Zweihofer wohl verstand. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Zunft der Schmiede in Kressenburg über mehr Silber in den Kassen verfügte als der Baron selbst. "Ich stimme Euch aber insofern zu, dass die permanente Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln auch bei wachsender Anzahl Handwerker gewährleistet sein muss. Deswegen werde ich Euren Vorschlag im Protokoll aufnehmen lassen, dass wir in der nächsten Sitzung über einen Antrag zur Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Gemarkung der Stadt abstimmen." Er gab der Gesellin Rahjamunde ein kurzes Handzeichen, das sie mit einem Nicken quittierte und eilig das Besprochene niederschrieb.

"Ich freue mich, dass Ihr in diesem Punkt einsichtig seid und werde den Antrag natürlich mit Freuden unterstützen. Trotzdem bleibe ich bei meiner Meinung, dass zwei neue Meister der Schmiedezunft mindestens einer zu viel sind." Fast trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust und lehnte sich in das weiche Polster ihres Stuhles zurück.

"Wohlan, ich glaube wir haben dann alle bedenkenswerten Einwände vernommen. Ich bitte sodann um Handzeichen, wer dem Antrag, zwei weitere Schmiedemeister zu ernennen, zustimmt."

Durac selbst hob die Hand und mit ihm die anderen Schmiedemeister und Zwerge. Auch der Vertreter der Händlergilde stimmte für den Vorschlag. Die Müllerin Jolande Habemus schien ebenfalls zustimmen zu wollen, doch nach einem Seitenblick auf das verkniffene Gesicht ihrer Zunftmeisterin, beließ sie es dabei sich mit der erhobenen Hand eine Haarsträhne hinters Ohr zu schieben und sie sodann wieder sinken zu lassen. Der alte Zwerg nahm dies amüsiert zur Kenntnis, benötigte er ihre Stimme für seinen Antrag doch schon gar nicht mehr.

"Ich stelle fest, dass der Antrag mit fünf Stimmen, bei zwei Gegenstimmen, angenommen wurde. Herr Stadtvogt, wollt Ihr gegen den Beschluss einen Einspruch anmelden?"

Der Kieselholmer hatte sowohl das Orakel als auch den Rest der Sitzung interessiert aber schweigend verfolgt. Sicherlich hätte er sich zu Wort melden und einmischen können, aber ihm war nicht daran gelegen sich mit dem Rat der Stadt anzulegen, wenn es nicht sein musste. Sollten die Bürgerlichen ihre kleinen Freiheiten haben und auskosten. Solange sie sich in diesem Gremium gegenseitig aufrieben, gab es weniger unzufriedenes Gemurmel in Richtung des Barons. Außerdem nahmen ihm der Stadtrat und die Zünfte eine Menge Verwaltungsarbeit ab, für die er sonst Beamte aus der herrschaftlichen Kasse hätte bezahlen müssen.

"Nein, Meister Durac. Ich bin davon überzeugt, dass Seine Hochgeboren diesen Entschluss begrüßen wird. Ich werde zudem bezüglich der Ackerflächen für Euch vorfühlen, denn auch diesen Vorschlag halte ich persönlich für sinnvoll."

"Sehr schön, damit wäre das entschieden. Möge unser Entschluss der Stadt und unseren Zünften weiteren Wohlstand bringen. Kommen wir nun zum nächsten Punkt der Tagesordnung..."

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Texte der Hauptreihe:
K1. Kapitel 1
11. Bor 1042 BF
Kapitel 1

Kapitel 1

Kapitel 2
Autor: Keilholtz