Tratsch aus Perricum

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Vor dem Palas im recht winidig und unfreundlich gewordenen Garten seiner Burg saß der Herr von Haselhain auf der niedrigen Außenmauer und blickte hinunter in die Ebene. Widerspenstig zuckte und murrte das Stück Uniform immer wieder in seiner rechten Hand, als sich die Flasche des starken "Perricumer Magengrund" bewegte, denn nur widerwillig wollte der Page mit seinem Herrn trinken.

"Da, Hammuth, has' Du noch ainä Schluck," stopfte Simold dem Pagen die angebrochene Flasche in den Mund, bis das türkisfarbene nach Anis duftende Gesöff aus den Mundwinkeln des Jüngeren gurgelte.

"Guhdt, Hammuth", lobte der Herr den kleinen schier sich erbrechenden Bediensteten und warf die leere Flasche den felsigen Abhang hinunter. Schnell bückte sich Simold mit der Linken zu einer Kiste gleicher - noch voller Flaschen - hinunter: "Hab isch sogar noch mähr fier Disch", biß darauf in den Korken, öffnete die Flasche und schüttete sich nahezu die Hälfte des Inhalts in den eigenen Rachen.

"Marben?" ertönte eine anfte Frauenstimme hinter den beiden.

"Woas," fuhr der Baron herum. "Ist äs sowaidt?"

"Nein Marben", sprach die in regenbogenfarben Gekleidete.

Ruckartig wendete sich Simold wieder dem Abhang zu und ließ die Landschaft vor seinen Augen ziellos verschwimmen.

"Hat Sie starkä schmärzän?" fragte er die Geweihte leise.

"Nain Marben (*1)", wendete sich die Geweihte zum gehen, blieb aber noch einmal stehen und blickte den recht mitleiderregenden an: "Die Drogän wierkän."

Eine ganze Weile Verging, in welcher Simold vor sich hinsinierte und die spielzeuggroßen Pferde, Fuhrwerke und Häuser betrachtete.

"Da, trink!", forderte er den Kleinen erneut auf, bis sich dieser in lautem Getöse über die Mauer erbrach.

"Wieso machst Du dän Magän kapudtt?" ertönte eine rauhe Stimme hinter Simold, daß er leise Kichern mußte.

"Isch glaubä, daß är ein wänig Hilfä brauchdt, Eslam," zückte Simold eine neue Flasche hervor und warf Sie Eslam zu.

"Wie gähdt äs Ariana?" erkundigte sich der Brendiltaler, während er leicht schmuzelnd dem alsbald fliehenden Pagen hinterherschaute und sich auf die Mauer neben Simold setzte.

"Sie sagän, is' gudt," presste er die Antwort durch die Lippen.

"Und wie gäht äs Dier?", fragte Eslam, während Simold einen kräftigen Schluck aus seiner Flasche nahm.

"Weiß isch ärst morgän."

"Also schlächt," bemerkte der Ältere wieder, worauf der Haselhainer heftig mit dem Kopf nickte.

"Warum ist Sie eigäntlisch hier und nischt in Rashia'Hal (*2). Dort känntä Sie...?", wollte er seine Frage zu Ende stellen, als ihm Simold grob ins Wort fiel:

"Wail allä Herrscher Hassal'han Ammayins (*3) hier geborrän wurdän!"

Einen Moment schwieg der Ältere nachdenkend, denn irgend etwas lag in diesen Worten. Dann dämmerte es ihm und seine Augen wurden immer größer:

"Woas," zischte er Simold flüsternd an. "Där Herrscher? Waißt Du, was Du gradt gesagdt hast, Simold?"

"JA! Dän HERRSCHER," schrie Simold mit weit ausgebreiteten Armen die Worte hinab auf die Weiden bis in die dahinterliegende Stadt.

"Abär," riß Eslam den Jüngeren am Arm wieder zu sich herum. "Du weißt mähr von Garäthipolitik als isch. Das wärdän die Nischt gudt findän."

"Isch weiß," zuckte Simold mit den Schultern.

"Die wärdän eigänä Erbän von Dier sähän wollän und nischt ein Kiend von Deiner Schwästär, daß noch zudäm ohnä Vatär iesdt", redete er seinem jüngeren Freund zu: "Simoldt, wo kommän wier da hinn, Normalärweise solltä isch sowas, solchä Dummheitän machät und dann kimmärt es misch auch nischt, wuos die Andärän dänkän, abär Simoldt.....""

Simold hatte die ganze Zeit den Kopf geschüttelt, um sich schließlich mit einer energischen, wenn auch völlig betrunkenen Geste wieder das Wort zu erbitten: "In dän Adärn Arianas und ihräs Kindäs fließt iebär tausänd Jahre altäs Bludt. Das Bludt von Fierstän und Känigän. Weidt ädleres Bludt, als..."

"Das weiß isch auch," unterbrach ihn Eslam erneut. "Abär DIE gäbän keinän Kreutzär auf unsär Bludt. Sie verachtän uns. Und geradä in Pärrichium (*) weit mähr, als andärswo... Warum muß isch Dir das eigäntlisch sagän hä?" "Ja und!" setzte Simold erneut die Flasche an. "Isch verachtä ssssie dann auch."

"Du wiellsdt einän Bastard Deinär Schwästär..."

Simolds Faust unterbrach ihn Mitten im Satz und fällte den weit größeren Brendiltaler rückwärts zu Boden. In seinem Zorn hatte Simold all seine Kraft in den Schlag gelegt und den erfahreneren Kämpfer sehr unvorbereitet erwischt.

Einen Moment hörte man nur noch das Gekreische einer Formation Wildgänse, die schnatternd gen Süden zog. Schließlich stemmte sich Eslam wieder auf einen Ellenbogen.

"Simoldt ?!" knurrte der am Boden liegende.

"Hm," stampfte er betrunken von einem Bein auf das andere tretende; sichtlich darum bemüht das Gleichgewicht zu halten.

"Was hast Du da grad' gemacht?" richtete sich der Herr der Korosan (*4) drohend vor dem Kleineren auf.

"Mier die Hand gebrochän," kam flugs die Antwort zurück.

Wenige Augenblicke zögerte der Brendiltaler mit seiner Reaktion, während Simold sich geistig auf den Zorn Eslams vorbereitete. Und diesem hätte Simold nur schwerlich im nüchternen Zustand etwas entgegen zu setzen. "Wänigstäns," wischte sich Eslam grinsend mit dem Handrücken das Blut aus dem Mundwinkel, "hast Du wie ein Nebachodt die Diskussionn beändet und misch nischt värsucht niedärzuquatschän."

Wortlos standen sie einen Moment beisammen, blickten sich an, ohne daß ein Gesicht eine Regung zeigte. Lediglich der böige Wind zerrte an ihren Haaren, bis sie zuerst grinsen und schließlich wie kleine Jungs, die gerade etwas angestellt hatten kichern und dann lauthals lachen mußten.

Im Gegensatz zu Ihren sonst so lauten und wortschnellen Begegnungen, vergingen anschließend schweigende Augenblicke. Sie saßen auf der Mauer und ließen die Beine über dem Abgrund baumeln, während sie hinab in die Ebene blickten und hier und da mal stumm auf einen schönes Fohlen oder einen außerordentlichen Hengst zeigten.

Ein Aufschrei ließ beide herumfahren. Polternd flogen die losen Steine aus der Mauer den Überhang hinunter; zu schnell waren sie aufgesprungen.

Beschämt und demütig sammelte eine Magd wenige Schritt entfernt einen Korb mit heruntergefallenem Obst zusammen, um sich schließlich entschuldigend zu verneigen, bevor sie wieder Ihrer Arbeit nachging.

Simold saß der Schreck noch in den Gliedern. Kreidebleich und hektisch drückte er erneut die Flasche an seinen Mund:

"Eslam," schnaubte er.

"Hm," ließ sich dieser wieder gegen die niedrige Mauer fallen.

"Isch mächtä Disch bittän in nächstär Zeit nischt mähr mit Dainän Männärn wägzugähän aus Pärrichium (*)."

"Warum, hast Du Ankst, daß isch wiedär Straidt anfangä?" lachte der Angesprochene ein zu laut auf.

"Nain, abär där Al'Haresh (*5) hattä einän Traum..."

Ruckartig wich die Flasche vom Hals des Brendiltalers. Seine Augen weiteten sich einen Moment, bis sie sich zu schmalen Schlitzen zusammenzogen:

"Was hat är gesähän?"

Simold erwiderte den Blick des Al'Schuars (*6), nahm noch einmal einen Schluck aus seiner Flasche: "Brännändä Mauärn."

Begriffserklärungen:

(*1) Marben = neb. Sohn des Landes, sinngem. Baron

(*2) Rashia'Hal = Dreigöttinnenheiligtum in Perricum, ist den Göttinnen Rahja, Tsa und Peraine geweiht

(*3) Hassal'han Ammayin = neb. Name für das Stammesgebiet das heute die Baronie Haselhain umfaßt

(*4) Korosan = neb. Krieger bzw. Korbrüder

(*5) Al'Haresch = geistlich-philosophisches Oberhaupt der Nebachoten (vergl. hierzu: Haresh = neb. Berater)

(*6) Al'Schuars = neb. Hauptmann, hier Bannerherr

(*) Pärrichium = neb. Schwemme der Peraine, Bed. entstand durch das alljährliche Hochwasser des Darpats, das die Fruchtbaren Schlämme über die Felder verteilt, früher nur die Bez. für das Hochwasserdelta des Darapts, heute neb. Bez. für die polit. ges. Perricums.