Tauben und Wölfe - Gespräch unter vier Augen

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Burg Osenbrück, am frühen Mittag des 4. Peraine 1032 BF

Wulf wartete ein wenig, bis sich die Wogen geglättet hatten und wieder Ruhe auf dem Burghof eingekehrt war, bevor er sich auf die Suche nach Hilbert machte. Die Zeit bis dahin überbrückte er mit einem kargen Frühstück; in Anschluß berichten er und Gerban der inzwischen erwachten Alcara, was sich zugetragen hatte. Die Magierin nahm die Schilderung des Duells recht teilnahmslos auf; andererseits hatte sie weder zum einen noch zum anderen Duellanten irgendeinen Bezug. Jessa und Bertrand hingegen, die zwischenzeitlich wieder zu ihnen gestoßen waren, vertraten einhellig die Meinung, dass des Höllenwallers Entscheidung wohl politischer Natur gewesen sein müsse; sie konnten es auf jeden Fall nicht nachvollziehen, insbesondere weil Baron Malepartus sich ansonsten ja gerne korgefällig gab.

Mit ein wenig herumfragen fand er schließlich den Trakt der Burg, in welchen man den bewußtlosen Pfalzgrafen gebracht hatte. Er klopfte an die Türe der Kammer, die man ihm benannt hatte und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten.

Bestimmt eilte ihm Tumanjan, der Leibmedicus des Hartsteeners entgegen. »Hochgeboren, im Namen der gütigen Perän, Ihr könnt nicht so einfach an das Krankenlager eines Schwerstverwundeten stürzen.«

»Nur mit der Ruhe«, beruhigte Wulf den aufgebrachten Tulamiden, »ich möchte ja gar nichts Böses. Immerhin hat der Pfalzgraf mich um Unterstützung gebeten, und hier bin ich. Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich den ganzen Weg umsonst gemacht habe?«

»Dann gebt mir einen Moment, bis ich die Verbände gewechselt habe«, entgegnete der Medicus. Ohne einen weiteren Kommentar drehte er sich um und trat durch eine weitere Tür in das abgedunkelte Zimmer, aus welchem Wulf ein leises Stöhnen zu vernehmen glaubte.

Offenbar hatte der Schwerter-Orden dem Pfalzgrafen ein angemessenes Gästequartier bereit gestellt. Trotz allem rondrianisch karg und ohne überbordenden Prunk vermittelte es eine ruhige und entspannte Stimmung. Gelassen stellte sich Wulf vor den Gobelin ander Wand, den einzigen Schmuck im Raum, und schaute sich die dargestellte Szene an. Eine offensichtlich altertümliche Darstellung der Heiligen Ardare, hoch zu Ross und in der Hand einen Rondrakamm, wie kurz vor ihrem Tod während des Erntefestmassakers ihren Anhängern am Garether Tempel Mut zu sprach.

Es dauerte einige Minuten, bis der Medicus wieder erschien und den Baron von Uslenried in das Zimmer des Pfalzgrafen winkte.

»Mein lieber Hilbert, was hast Du Dir bloß dabei gedacht«, begrüßte der Uslenrieder den Sertiser, der noch mit geschlossenen Augen auf der einfachen Pritsche lag. Der Angesprochene riss erschrocken die Augen auf, beruhigte sich jedoch schnell wieder, als er Wulf erkannte.

»Wo bin ich?«, fragte Hilbert mit matter Stimme. »Scheint mir nicht eines der zwölfgöttlichen Paradiese zu sein.«

Wulf konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. »Nein, es ist nur Osenbrück. Der Höllenwaller hat Dein Leben verschont. Etwas, was ich nicht ganz verstehe; drittes Blut ist drittes Blut. Wir fürchteten schon, in Kürze zu Deinem Begräbnis reisen zu müssen. Wobei - anfänglich hast Du Dich ja recht wacker geschlagen...«

Ächzend versuchte Hilbert sich in seinem Lager aufzurichten. Der Tulamide, der schweigend in seiner Nähe gestanden hatte, drückte ihn sanft, aber bestimmt, zurück auf das Lager, ein paar leise Worte sprechend.

»Jaja, es ist gut, Tumanjan«, bemerkte Hilbert gereizt. »Lass mich mit dem Baron von Uslenried unter vier Augen sprechen. Wenn etwas ist, werde ich rufen.«

Wulf, noch immer ein Lächeln auf dem Gesicht, schaute dem Medicus nach. Als dieser die Tür schloss, wurde der Streitziger jedoch schlagartig ernst. »Jetzt raus mit der Sprache, Hilbert. Was ist auf Burg Niemith geschehen? Warum erklärt Dir der Baron von Höllenwall die Fehde?«

»Es kam zu einem seltsamen Zwischenfall während der Anreise von Prinz Storko«, begann Hilbert seinen Bericht. »Wir rasteten bei dieser unbekannten, verlassenen Burg im Reichsforst, seine kaiserliche Hoheit mit einigen anderen Adligen in der Burg selbst, die meisten von uns jedoch außerhalb. Jedem schien die Situation seltsam, aber weil seine kaiserliche Hoheit unbedingt in einem Bett rasten wollte, wagte niemand ihm zu widersprechen. Wir, die draußen übernachteten, hielten Wache und am Morgen war an der Stelle der Burg nur noch eine verlassene Ruine, kalte Mauerreste und keine Spur der anderen. Wie wir später herausfanden hatte vor der Gründung des Reiches offenbar an dieser Stelle ein Schwarzmagus einen Frevel an Satinav begangen und war nur durch das Eingreifen von seltsamen Kämpfern des Herren Praios, welche diesen nicht bei seinem wahren Namen nannten, gehindert worden. Eine mir bis dato noch nicht bekannte Sekte des Götterfürsten hatte seitdem über diesen Ort gewacht und durch Liturgien und Eingebungen des Herren selbst eine Katastrophe vom Ausmaß des Weltenbrandes verhindert. Einige der versammelten Adlige äußerten die Vermutung, dass die Vollendung des frevelhaften Rituals, welches vor Jahrhunderten begonnen und nie vollendet worden war, die in der Zeit gefangenen Edlen und Ritter, und seine kaiserliche Hoheit natürlich auch, zurückholen würde. Sie stützten ihre Meinung auf ein paar uralte Dokumente aus dem Besitz des Schwarzmagus und ihrer Hoffnung, dass die Worte eines Schänders der Weltenordnung die Wahrheit sprachen. Um dieses schändliche Ritual, dessen Ziel niemanden bekannt und dessen Hoffnung auf Wirksamkeit nur durch die Verzweiflung um das Leben seiner kaiserlichen Hoheit genährt wurde, benötigten sie eben jene Artefakte, mit welchen jene Sekte des Götterfürsten seit Jahrhunderten das schlimmste Unheil von uns abgehalten hatte, und welche der Priester, welcher sich Branos nannte, natürlich nicht bereit war freiwillig zur Vollendung eines götterlästerlichen Rituals herzugeben. Daher fasste Nimmgalf den Entschluss dem Diener des Praios jene Artefakte zu stehlen, diesen zu überwältigen und dessen Anhänger, etwa fünfhundert Bauern an der Zahl, marodierend durch das südliche Greifenfurt in den kaiserlichen Landen Kaiserleys herumziehen zu lassen, weil es sich, wie Nimmgalf es ausdrückte, bei diesen Weilern ja nicht um die unseren handle.«

Voller Unverständnis schüttelte Wulf kaum merklich den Kopf; ein bißchen mehr Verstand hatte er Nimmgalf eigentlich schon zugetraut. Auf gewisse Weise war der Hirschfurter ein wenig zu selbstherrlich; wahrscheinlich waren ihm seinen Turniererfolge doch zu Kopfe gestiegen und hatten ihn den Blick für das Wesentliche verlieren lassen. Wohin so etwas führte hatten sie alle ja erst vor kurzem in Leihenbutt erfahren müssen. In der Annahme, dass der Bericht des Sertisers noch andauern würde, zog Wulf einen Schemel heran und ließ sich darauf nieder. Hilbert nahm es aber kaum wahr und redete unverdrossen weiter.

»Vor der Ruine, in welcher einst das Ritual begonnen worden und wo seine kaiserliche Hoheit verschwunden war, trafen wir auf Prinz Edelbrecht mit seinen Mannen, welchem wir die Kristallkugeln, denn dies waren die Artefakte, aushändigten. Währenddessen unternahm ich nur meine mir durch die Kaiserin auferlegte Pflicht, und ermahnte die versammelten Adligen, ob dieser Zweck, die Vollendung eines Götterfrevels, das Ziel, die Rettung unserer Freunde und seiner kaiserlichen Hoheit, rechtfertige. Auf meiner Seite stand die Baronin von Dergelstein, welche wie ich in dem uralten Frevel an den Göttern eine zu große Gefahr sahen, und wie es unsere Pflicht war, forderten wir den höchsten Vertreter des versammelten Adels auf, für diese Unternehmung die volle Verantwortung zu übernehmen und unsere Bedenken zur Kenntnis zu nehmen. Den Zwölfen sei gedankt, dass wenigstens die Hoffnung erfüllt wurde und seine kaiserliche Hoheit mitsamt allen anderen Verschwundenen wieder auftauchte und dass der Schwarzmagus vom Adel erschlagen werden konnte. Der Baron von Höllenwall nun - aufgestachelt durch die Worte Greifenfurter Junker und Barone - dieser Schuft meinte, ich habe den garetischen Adel verraten und erklärte mir auf der feierlichen Belehnung der Pfalzgräfin zu Kaiserley die Fehde.«

»Und wegen so einer Lapalie meint der Höllenwaller, die Fehde erklären zu müssen, bloß weil Du Bedenken hattest und zur Vorsicht mahntest?« Fragend legte Wulf die Stirne in Falten. »Alles was recht ist, und ich will auch nicht gegen den Prinzen sprechen - die Götter bewahren - scheint mir das alles doch sehr zweifelhaft zu sein. Storko ist alt; und wer sagt, dass es nicht eine andere Lösung gegeben hätte. Weltenbrand hatten wie die vergangenen Jahre nun wirklich genug.«

»So ist es!«, redete Hilbert sich langsam in Rage. »In die Falle lockte dieser Niederhöllenhund mich, denn in meinem Zorn über diese verlogene Verleumdung, ließ ich mich auf dieses Duell auf das dritte Blut hier in Osenbrück ein. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass er von Anfang an die Absicht hatte, mich durch seine herablassende Verschonung nur noch weiter zu demütigen und meinen Namen in den Dreck zu ziehen. Aber etwas anderes, was ist mit den Wölfen

»Die Söldner stehen eine knappe Stunde vor der Burg«, beantwortete Wulf die kaum zuende gesprochene Frage. »Aus Uslenried ist man ja einigermaßen schnell heran; von den Deinen aus Sertis ist aber noch nichts zu sehen. Aber was - bei den Zwölfen - hast Du eigentlich vor?«

Hilbert nickte zufrieden. »Ich lasse ihn nicht davon kommen damit! Er wird solange hier auf Osenbrück bleiben, bis er sich öffentlich bei mir entschuldigt hat! Und wenn wir hier bis in die Ewigkeit warten müssen!«

Wulf blickte verständnislos drein. »Und was hat das Ganze mit den Wölfen zu tun?«

»Die werden dafür sorgen, dass er sich nicht heimlich aus dem Staube machen kann!«

»Und wie willst Du das anstellen? Die Burg belagern? Melapartus daraus entführen?« Ungehalten sprang Wulf vom Schemel auf. »Ist Dir eigentlich klar, dass das nicht des Höllenwallers Burg ist, sondern die Rondrianer darauf hausen?«

Hilbert wirkte mit einem Schlag verunsichert. »Nun ja, aber ich kann den Höllenwaller doch nicht einfach davon kommen lassen...« setzte er an, was Wulf innehalten ließ.

»Sicher, mein lieber Hilbert, der Höllenwaller ist ein arrogantes Schwein. Dies sind Andere aber zuweilen auch, wenn auch nicht auf diese bösartige Weise, die er immer an den Tag legt.«

In Hilbert keimte erneut die Hoffnung auf. »Das heißt, Du stimmst mir zu?« Erwartungsvoll blickte er den Uslenrieder an.

»Nein. Denn eigentlich ist das eine Schnapsidee, das will ich Dir sagen. Andererseits gehört ihm eine Lektion erteilt. Die Eslamsgrunder sind eh immer nur aufmüpfig, ganz gleich ob sie nun Höllenwall, Gallstein oder anders heißen. Ach, was rede ich, Gallstein kennst Du ja selbst, wahrscheinlich besser als einem lieb sein kann.«

Hilbert verzog nur angewidert das Gesicht, als Wulf den Namen seines ehemaligen Schwiegervaters nannte.

»Ich mache Dir einen Vorschlag: Ich bleibe mit den Söldnern hier und wir schauen, was aus der ganzen Sache wird. Bedenke, Du gehörst zu den Pfortenritter, Malepartus zu den Pulethanern. Die Streitigkeiten zwischen Euren Bünden gehen mich nichts an. Solange es eine Sache zwischen Dir und ihm ist, will ich Dir beistehen, darauf hast Du mein Wort. Schließlich wollen wir Höllenwall ja nur Manieren beibringen und ihn nicht an den Pranger stellen, was ihm aber auch gut zu Gesicht stünde. Sollten aber die Pulethaner hier aufmarschieren, so werde ich mich mit den meinen schön heraushalten und mich auf die Rolle des Beobachters und Vermittlers beschränken. Ist Dir damit gedient?«

Hilbert nickte. Ein Konflikt mit den Pulethanern, über diese Folge hatte er noch hat nicht nachgedacht. Aber so weit wollte er es auch gar nicht kommen lassen; eine Entschuldigung vor aller Welt, mehr wollte er gar nicht erreichen.

»Gut«, erwiderte Wulf. »Fehlte mir noch, das der Blutige Ugo hier auftaucht und in Waldstein zu wildern beginnt...« 

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4. Per 1032 BF zur mittäglichen Praiosstunde
Gespräch unter vier Augen
Ferne Zaungäste

Kapitel 8

Weiße Tauben aus Osenbrück
Autor: CD, Hartsteen