Spenden für die Ostmarken - Vier Todesfälle und ein Ritterschlag

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Lager des Spendenzuges in Rabensbrück, 9. Rahja 1040 BF

Missmutig sah Praiodan von Steinfelde gen Himmel, wo dichte graue Wolken sich anschickten, Efferds Segen über das Land zu ergießen, und weiter in das Rund des versammelten Adels, in dessen Mitte der Aspirant vor der mit dem gezogenen Schwert in der Hand wartenden Reichsforster Gräfin niederkniete und den Kopf beugte. Der Leib Korwinne von Lurings wölbte sich deutlich und es hatte Praiodan sehr gewundert, dass sie die Strapazen der Reise durch Garetien in diesem späten Stadium der Schwangerschaft angetreten hatte – oder vielmehr, dass ihr Gatte dies gestattete. Dass sie die gestrige Katastrophe doch so unbeschadet überstanden hatte, lag vor allem an dem jungen Kerl, der sie im Chaos der einstürzenden Brücke unter Einsatz seines eigenen Lebens noch aus der sinkenden Kutsche gezogen und schwimmend aus der Gefahr ans Ufer gerettet hatte. Ein Wunder, dass der Natternunhold nicht über sie hergefallen war – doch nein, wäre das überhaupt möglich? Obwohl das grausige Bild des Untieres immer noch deutlich vor ihm stand, wenn er die Augen schloss, war ihm mittlerweile klar, dass hier noch andere Dinge am Werk gewesen waren. Keiner der anderen Herrschaften, und auch aus dem Gesinde niemand, den er zu fragen gewagt hatte, hatte die Bestie in der Panik, von der schwankenden Brücke zu kommen, tatsächlich gesehen, was ihn zutiefst verunsicherte. Wurde er denn etwa verrückt? Nach der Erfahrung mit diesem Traum von Korgond konnte er das, was ihm hier ansichtig geworden war, nicht einfach ignorieren. Zugleich hatte er kaum Zeit sich darüber Gedanken zu machen, denn die Folgen des Unglücks erforderten einen Großteil seiner strapazierten Aufmerksamkeit.

Vier Tote waren bisher aus dem Fluss geborgen und am Rande des Lagerplatzes in einem eilig zum Boronschrein umfunktionierten Zelt aufgebahrt worden. Baron Alrik von Gareth hatte angeordnet, dass sie auf dem Boronanger der Stadt Rabensbrück ihre letzte Ruhe finden sollten und zu diesem Zweck noch ein Stück mit dem Spendenzug mitgeführt werden sollten.

Aber das war Praiodans geringste Sorge. Die Brücke war zerstört und alle Anstrengungen, die Hartsteener Säckel wieder zu füllen, vergeblich gewesen. Angesichts dessen schien nur der Anstand die anwesenden Schlunder Adligen daran zu hindern, ihre Schadenfreude allzu offen zur Schau zu tragen, so dass sie sich kaum von den spöttisch-abfälligen Blicke der Kaisermärker ob der vorgeblichen Hartsteener Unfähigkeit unterschieden. Er ballte unwillkürlich die Faust, als ihm das erste Gespräch über die Route des Spendenzugs mit dem Hinn kurz nach dem Verlassen Korgonds wieder in den Sinn kam: Hinns Drohung, dass Graf Ingramm die Brücke ‚abbauen’ würde. Und seine eigene Reaktion, die harte Konsequenzen für genau den jetzt eingetretenen Fall ankündigt hatte, dass die Brücke Schaden nahm. Doch um einen Schlag zu rechtfertigen brauchte er Beweise...

„.... Erhebt Euch, Ritter Renardo di Volperio“, beendete die hochschwangere Gräfin von Reichsforst inzwischen ihre Rede und ließ das Schwert sinken, mit dessen flachen Seite sie ihren Retter an beiden Schultern berührt hatte. Ein Mann aus dem Luringer Gefolge trat vor und umgürtete den frisch geschlagenen Ritter mit dem Zeichen des neuen Standes, während die anderen Reichsforster einen Hochruf anstimmten, welcher freilich nicht so recht auf die anderen Anwesenden überspringen wollte. Schnell wurde die Zeremonie beendet und das für einen Moment stillstehende Lagerleben wich dem kurz vor dem Aufbruch des Spendenzuges unvermeidlichen Trubel.

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„Sag mal Vater, hast du dir unseren neuen Ritter einmal genauer angesehen?“, hörte Praiodan seinen Sohn, der sich unbemerkt zu ihm gesellt hatte.

„Wieso?“

„Ich kenne ihn. Und du sicher auch“, stellte Helmbrecht fest.

„Ich? Diesen dahergelaufenen Söldling? Wie kommst du darauf?“

„Denk dir den Bart weg, einen Pagenschnitt dazu, und Hartsteener Farben.“

„Hmm...Jetzt wo du’s sagst...“

„Das da, Vater, ist Redenhardt von Fuchsbach.“

„Der Darpate, den der Gnisterholm vor – was, vier? – Jahren wegen ungebührlichen Verhaltens vom Grafenhof entfernt hat?“

„Genau der.“

„Warum hast du das nicht eher gesagt? Ich hätte intervenieren müssen!“

„Ich bin gerade erst gekommen, um dir Bescheid zu geben, dass wir etwas sehr Interessantes gefunden haben.“

„So? Was denn?“

„Nicht hier. Nicht jetzt. Aber ich verspreche dir, du wirst Augen machen.“

Eine vage Hoffnung keimte in Praiodan auf, als er seinem Sohn durch den einsetzenden Regen folgte.

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Texte der Hauptreihe:
K41. Geißel
K50. Im Loch
K64. 2 Selos
K85. Vier Todesfälle und ein Ritterschlag
9. Rah 1040 BF spät am Morgen
Vier Todesfälle und ein Ritterschlag
Die Marschentochter

Kapitel 85

Die den Titel tragen

Kapitel 15

Autor: Steinfelde