Spenden für die Ostmarken – Hesindes Gaben

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Hesinde-Kloster St. Ancilla, Kaiserlich Gerbaldsmark, Mitte Boron 1040 BF:

Andächtig stand Adran von Feenwasser vor dem Hochaltar der Allwissenden im Tempel des Klosters. Seit einigen Wochen verharrte er hier ein wenig länger als üblich, den kürzlich war sein väterlicher Freund Taramon von Eschenborn von der Allwissenden in ihren Hain berufen worden. Wie kein zweiter hatte dieser Adran in jungen Jahren geprägt. Seine Weisheit und innere Ruhe waren dem Abt immer ein Vorbild gewesen. Auf dem Tag genau an Taramons 82sten Tsatag verstarb er im Kreise seiner Lieben. Alle waren sie versammelt: Traviane, Maline, Yerodin und deren reiche Kinderschar. Adran natürlich auch. Er hielt seinem Freund bis zum Schluss die Hand. Der arme Yerodin, dachte sich der Abt, er war nach außen hin immer so stark, doch überspielte er seinen inneren Gefühle mit übermäßiger Heiterkeit. Aber auch Adran traf der Tod seines langjährigen Weggefährten sehr.

Der Abt wandte sich vom Hochaltar ab und schritt über das im Boden eingelassene Schlangenmosaik. Hinter ihm, in gebührenden Abstand, wartete bereits Yurika von Aimar-Gor. Die Prolocutorin des Klosters lächelte den Abt milde an.

„Yurika, die Allwissende hat unserem Freund ein langes Leben geschenkt. Wir sollten dankbar sein!“ Der Abt straffte sein Ornat. „Aber nun müssen wir nach vorne Blicken. Wann werden die Bauarbeiten am Rechtsseminar und an der magischen Fakultät fertiggestellt sein?“

„Wir sind dem Zeitplan voraus, weiser Vater. Meisterin Bugenhog arbeitet noch mit äußerster Hingabe und Detailverliebtheit an der Fassade.“ Aus den Worten der Hesinde-Geweihten sprach echte Hochachtung. „Ansonsten ist der Gebäudekomplex fertig. Die gelehrten Damen Greifstein, Teckelwitz und Bleichenwang haben bereits ihre Quartiere und Forschungsräume bezogen. Die Gilindor wird in Kürze folgen. Das Rechtsseminar muss nur noch möbliert werden. Die hohe Rechtsgelehrte Zweiseen ist bereits eingetroffen, Meister Suderstedt wird in einem Mond erwartet.“

„Ausgezeichnet“, der Abt tätschelte väterlich Yurikas Schulter, „dann steht der feierlichen Eröffnung am Erleuchtungsfest ja nichts im Wege, sehr gut!“

Die beiden gingen schweigend den langen Säulengang entlang, der den Tempel der Allwissenden mit dem Kapitelsaal verband.

„Wie war dein Besuch bei deinem Bruder?“, unterbrach der Abt schließlich die Stille.

„Sehr erbaulich, er ist dem Kloster sehr zu getan und ist Feuer und Flamme für das Almosensammeln für die Ostmarken. Auch wenn ich ihm ein gewisses politisches Kalkül unterstelle.“

„Löblich“, der Abt nickte anerkennend, „unsere Antwort auf den Aufruf steht noch aus. Wir sollten uns unverzüglich darum kümmern. Rufe bitte Bander und Darilius zu mir! Raulbrin ebenfalls!“ Die Hesinde-Geweihte nickte.

Wenig später versammelten sich in den Arbeitsräumen des Abtes der Präfekt des Klosters Bander Linderhold und der Camerarius Darilius Schlangentreu. Der Abt und die Prolocutorin waren bereits anwesend. Prior Raulbrin von Hartwalden-Hartsteen war es schließlich der die Runde komplettierte.

„Meine Herren“, erhob der Abt das Wort, „wir alle wissen warum wir hier versammelt sind. Er geht um unseren Beitrag für die Gesundung des östlichen Marken. Vorschläge?“

„Die finanzielle Situation des Klosters ist sehr gut.“ Die Stimme des Camerarius ließ keine emotionale Regung erahnen. „Wir habe reichlich Zuwendungen bekommen. Des weiteren werfen unsere Güter Grünau und Weissenborn hohe Erträge ab. Ich sehe einigen Handlungsspielraum.“

„Zumal die noch anstehenden Kosten für das Rechtsseminar und das magische Kollegium bereits gegenfinanziert sind, nicht war?“ Stolz klang bei den Worten des Präfekten mit. Bander Linderhold war der Initiator dieses Vorhabens. In wenigen Monden würden die ersten Eleven dort ihre Studien aufnehmen. Der Präfekt hatte große Pläne. Elenvina und Beilunk waren fern. Das Rechtsseminar zu St. Ancilla sollte einmal zu den renommiertesten Einrichtungen auf dem Gebiet der Rechtskunde und des Staatswesen werden.

„Sehr richtig!“ Der Camerarius verzog keine Miene. Doch war hinlänglich bekannt was er von dem Präfekten und seinen hochtrabenden Plänen hielt. Die Öffnung des Klosters für Nicht-Geweihte war ihm suspekt. Weder die adelige Elitenbildung des Abtes noch das neue Rechtsseminar waren Sachen für die sich der spröde Geweihte begeistern konnte. Seiner Meinung nach sollte die Aufgabe des Klosters sein, Wissen zu sammeln und zu horten und nicht an irgendwelche Adelschnösel oder gar Bauernkindern weiterzugeben. „Für eine größere Spendensumme sehe ich durchaus die Möglichkeit!“

„Warum Gold spenden und nicht im Geiste der Allwissenden handeln?“, fragte Yurika in die Runde, wofür der Prolocutorin fragende Blicke erntete. „Die Menschen in den Ostmarken müssen wieder in den Schoss der Zwölf geholt werden und da braucht es vor allem den erhellenden Geist Hesindes. Ich plädiere dafür eine Hesindeschule zu stiften … sagen wir in Altzoll. So können wir sehr viel besser unseren bescheidenen Beitrag leisten.“

„Aber ist es das was die Menschen jetzt brauchen?“ Der Camerarius runzelte zweifelnd die Stirn. „Zu aller erst werden Saatgut gebraucht um die Äcker zu bestellen und Schwertarme ums dem Land Sicherheit zu geben.“ Trotz der gut gefüllten Truhen wollte der so wenige Mittel aufwenden wie möglich.

„Darilius, mit Verlaub, ich bin der Meinung das ist zu kurz gedacht!“ Yurika schüttelte den Kopf.

„Bevor wir in die Ferne schweifen und dort Hesindeschulen bauen, sollten wir lieber sicher stellen in unseren Landen das Wort er Allwissenden zu verbreiten und hier weitere Hesindeschulen stiften.“ Der Stimme des sonst für seine sanften Töne bekannte Prior wirkte unerwartet harsch.

„Raulbrin, machst du dir nun auch dieses `Garetien zuerst´ Gerede zu eigen? Du erinnerst mich gerade sehr stark an gewisse Adlige…“ Yurika lachte laut auf.

„Spotte du nur“, Raulbrin zog seine rechte Augenbraue hoch, „wir sollten eben bei allem Weitblick nicht das wesentliche aus den Augen verlieren und das sind unsere Aufgaben hier, in den Städten und Weilern der Goldenen Au … und natürlich in der Brache, wie die Chimären-Schlacht gezeigt hat.“

„Meine Lieben die ihr alle von Geiste der Allwissenden beseelt seid“, erhob der Abt schließlich das Wort. „Aus jedem von euch mag hesindegefällige Wahrheit sprechen, denn die Allwissenden kennt derer viele. Wir werden dem hehren Anliegen ein Golddukaten pro Untertan zukommen lassen. Die drei Erlauchten werden am besten wissen wofür diese Mittel eingesetzt werden sollen. Des weiteren“, der Abt machte eine Kunstpause, „werden wir dem Markgrafen der Rabenmark anbieten eine Hesindeschule in Altzoll zu stiften. Auf das der Geist der Allweisen auch wieder in die Lande des Raben einziehen möge.“

Der Abt schaute in die Runde. Disput und Dissens waren der Allwissenden zum Wohlgefallen, denn sie führten zu Erleuchtung. Doch waren die hier Anwesenden uneins wie schon lange nicht mehr. Besonders Sorgen machte sich der Abt um Raulbrin. Der Prior schien den lange als Konsens geltenden Weg verlassen zu haben. Volksbildung und Erforschung der Dämonenbrache, das war die Politik der Vorgänger des Abtes. Nach seiner Meinung war das Kloster für was anderes bestimmt. Des wegen verfolgte er stringent den Umbau des Klosters zu einer elitären Bildungsanstalt für adlige Zweit- und Drittgeborene, sowie wohlhabende Patrizier. Es würde sich zeigen auf wen wirklich Verlass war.

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Texte der Hauptreihe:
K17. Hesindes Gaben
K41. Geißel
K50. Im Loch
K64. 2 Selos
Autor: Bega