Sonnendämmerung - Erlebnisse einer Nacht in Edlenhof

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Edlenhof, Baronie Herdentor, Ende Praios 1042 BF:

Das durch das offene Fenster nach drinnen scheinende Sonnenlicht kitzelte Nedime in der Nase. Sie räkelte sich und merkte dann, dass der Platz neben ihr im Bett leer war. Noch etwas schläfrig zog sie sich ihr Nachtgewandt wieder an und ging zum Fenster. Dort begrüßten sie das satte Grün der Wiesen auf denen die hiesigen stolzen Rösser grasten. In der Ferne reckten sich die üppigen Weinberge der Brendiltaler Berge zum Praiosmahl. Sie atmete tief ein. Wahrlich, dieser Ort musste einem wie eines der alveranischen Paradiese anmuten. Das herrschaftliche Herrenhaus mitsamt der veritablen Pferdezucht diente ihrer Verwandten Sulamith als Landsitz, doch zog diese die palastartige Residenz Reichsgarten am Golf von Perricum vor. Für Nedime war das kaum nachvollziehbar.

Das Klopfen an der Tür riss Nedime aus ihren Tagträumen. Es war ihre Mutter Yurika.

"Mein Kind, du bist schon wach. Lass mich dich ansehen ... ah ... du siehst beglückt aus."

Dem ach zu kecken Augenzwinkern ihrer Mutter bedachte Nedime mit einem missbilligenden Augenrollen.

"Mutter, ich bitte dich. Ich habe im Rahjaunterricht durchaus aufgepasst ... aber irgendwie hat Yaron das Weite gesucht."

"Naja, er scheint ja nicht elfisch veranlagt zu sein wie dein Onkel, oder?"

"Nein, er war ... sehr zurückhaltend ... aber auch sehr einfühlsam. Dennoch ... es war ein eigenartiges Gefühl ... ich meine, ich habe ihn erst zweimal gesehen und nun sind wir verheiratet. Ich meine ... mit der rahjagefälligen Liebe hat das doch nichts zu tun."

"Das, mein Kind, ist die Bürde des Adels, denn wir sind nicht nur mit einer Person verheiratet, sondern auch mit dem Land und somit auch unseren Untertanen verpflichtet. Es ist die Erfüllung eines zweifachen Bundes." Yurika strich ihrer Tochter liebevoll über die Wange. "Aber lernt euch erstmal kennen."

"Wie sollen wir uns kennenlernen, wenn wir jetzt wieder getrennte Wege gehen ... ich muss zurück an den Markgrafenhof und er auf die Tränen."

"Wenn das Glück dir holt ist, wird zwischen euch echte Liebe erwachsen. Ansonsten sei froh wenn es zumindest keine Abneigung ist. Deine Aufgabe als zukünftige Baronin von Herdentor ist wichtiger als die deinem Gemahl eine liebende Ehefrau zu sein."

"Jetzt weiß ich wie sich die Zuchtstuten im Gestüt fühlen müssen." Der ironischen Unterton Nedimes war kaum überhörbar, was ihre Mutter mit einem verständnislosen Kopfschütteln beantwortete.

"Und genau das bist du mein liebes Kind!" Die sonore Stimme von Nedimes Onkel Reto surrte durch den Türrahmen ins Schlafgemach. "Aber sei unbekümmert, du bist noch viel mehr als das und aus dir wird noch sehr viel mehr werden. An der Seite dieses Jüngelchens wirst du Herrin dieses Landes sein, ihm Erben gebären ... aber glaube mir, am Ende werden es deine Erben sein."

"Ich verstehe nicht, Onkel."

"Das musst du jetzt auch noch nicht, meine Gute." Reto grinste seine Nichte mit seinem ihm bekannten breiten Lächeln an. "Aber nun husch husch mein Täubchen, die Kutsche wartet."

"Wie, jetzt schon?"

"Aber ja mein Augapfel, dein Vater ist schon in der Frühe im Eilritt los, aber wir werden ihn dann in Punin treffen. Es wird Zeit dich auf dem diplomatischen Parkett einzuführen."

"Und was ist mit Yaron?", wollte Nedime wissen. Würden sie sich wenigstens verabschieden können? Wolltes sie das überhaupt, sich verabschieden? Oder war sie gar froh sich nun einfach heimlich davon stehlen zu können? Wobei, hatte er sich nicht eigentlich heimlich davon gestohlen?

"Täubchen, was soll mit ihm sein?", fragte Reto sichtlich irritiert, "er ist ein Brendiltaler ... also wird er sich bestimmt im Stall in frischen Pferdemist suhlen."

"Reto, bitte!", Yurika warf ihrem Bruder einen tadelnden Blick zu. Seine zuweilen bissige Ehrlichkeit erinnerte sie stark an ihre Mutter.

In die allgemeine Heiterkeit platzte Nedarna von Waraqis mit ihren beiden jungen Schülerinnen Loyiella und Yaniha.

"Hohe Herrschaften, es ist Zeit. Die Kutsche wartet." Die Hauptfrau der Rash'Waharis deutete eine Verbeugung an.

"Siehst du mein Kind, die Kutsche wartet, wie ich schon sagte." Und mit einem spöttischen Lächeln fügte er hinzu: "Der Jugend von heute muss man aber auch alles zweimal sagen."

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Sanft streichelte Yaron das weiche Fell des jungen Hengstes. Hier, bei den Pferden, fühlte er sich am wohlsten, denn sie waren rein und ohne Hintergedanken. Es gab für ihn nichts schöneres als auf dem Rücken eines Pferdes durch das Land zu reiten. Schmerzlich vermisste er dies auf den Efferdstränen, denn dieses schroffe, felsige Eiland war für seine Seelentiere nicht gemacht. Seit einigen Götterläufen schon lebte er am Hof des Reichsvogt Leobrecht von Ochs, damit aus ihm ein standesgemäßer Adliger und zukünftiger Herrscher werden sollte. Er verstand durchaus warum man ihn aus Herdentor, seiner Heimat - von seiner Familie weit weg, auf die Tränen geschickt hatte. Nicht nur des Lernens Willen, sondern auch in Sicherheit, denn seine Heimat war nicht ungefährlich für ihn. Viele trachteten ihm, den jungen Erben des verblendeten Martok, nach dem Leben. Ja, er verstand es, auch wenn es für ihn bedeutete von seiner Familie getrennt zu sein.

Die ersehnte Rückkehr in seine Heimat war nicht so, wie er sie sich nahezu jede schlaflose Nacht ausgemalt hatte. Das Land hatte sich verändert, das spürte er. War es noch sein Land? Hatte er sich zu sehr von ihm entfernt? Er wusste nicht mal mehr wer er wirklich war. Wäre es nach seinem Großvater Eslam gegangen, wäre aus Yaron ein stolzer nebachotischer Krieger geworden. Er hätte das Zeug dazu gehabt – den agilen Körperbau, die Leidenschaft zum Reiten. Doch Eslam war tot, die nebachotischen Stammesstrukturen nahezu zusammengebrochen und im Chaos. Selbst sein Vater, der große Krieger Martok wählte für sich einen anderen Weg – den der Entrückung. Was bedeutete es in diesen Zeiten ein junger Nebachot zu sein? Sollte er alles Neue als lästerlich ablehnen und sich auf alte, glorreiche, aber längst vergangene Zeiten berufen? Sollte er sich wie sein Vater den Raulschen anbiedern, ohne aber zu ihnen zu gehören, ohne sie zu verstehen? Yarons Weg war ein anderer – er würde beide Welten in sich vereinigen müssen um in der neuen Ordnung zu bestehen. Doch wie sollte das gelingen?

Hinzu kamen nun auch die Pflichten eines künftigen Barons – die politische Ehe. Nedime empfand er als einschüchternd. Sie sprühte nur so vor Selbstbewusstsein. Aus ihr würde einmal eine starke Frau werden – etwas, was viele Nebachoten bewunderten. Doch wie würde er ihr zugetan sein? Sie kannten sich fast gar nicht. Waren sie nicht eher das Produkt eines Bündnisses? Konnte das die Basis für die Zukunft sein? Für ihn, für Nedime, für Herdentor?

Nachdenklich blickte er aus dem kleinen Stallfenster. Er sah, wie Nedime und ihre Familie eine schwarze Kutsche bestiegen. Ohne ein Wort des Abschiedes würden sich ihre Wege nun erstmal wieder trennen. Bereute er seine morgendliche Flucht aus dem Ehebett? Ja? Nein? Er wusste es nicht.

"Sie ist nun fort!" Am Tor des Pferdestalls stand ein Mann mit vernarbtem Gesicht. Es war Hamir von Turatal, der Hauptmann der Tiefschwarzen Sonnenrösser. "Ich werde Euch nach Etiliashaven bringen. Dort wartet ein Schiff auf Euch."

"Zurück auf die Tränen?" Unergründliche Traurigkeit legte sich auf Yarons Gesichtsausdruck.

"So ist es Euer Schicksal."

Liebevoll fuhr der junge Nebachote ein letztes Mal durch das Fell des Hengstes.

"Du hast es gut mein Freund. Du bist freier als ich, obwohl man dich in diesen Stahl eingesperrt hat."