Sommer auf Rosskuppe - Führungsschwäche

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Breitenau

Grenzreiterlager in der Baronie Donfanger

Mitte Ingerimm 1033 BF

Dramatis Personae

Auch Rondrian und Praiolin waren ihnen zu den Zelten gefolgt. Dem Geweihten war anzusehen, dass er etwas auf dem Herzen hatte. Noch bevor er zu Sprechen begann, kam Urion ihm zuvor: „Ich denke, bis die Mängel abgestellt sind und die Befehlsausgabe kommt, haben wir noch genügend Zeit. Deshalb werden wir uns hier einigermaßen einrichten. Praiolin und Mechthild, Ihr geht jetzt zu Torwache und fragt sie nach den Holzvorräten, dann bringt ihr soviel Holz herbei, damit es für ein kleines Wärmefeuer in den nächsten Nächten ausreicht.“

Die Knappin nickte eifrig und machte sich auch sofort auf den Weg zum Tor des Lagers. Praiolin, der etwas von dem zu ahnen schien, was gleich geschehen würde, zögerte noch einen Moment, aber da Mechthild forsch weg stapfte und Rondrian nichts weiter dazu sagte, blieb ihm keine andere Möglichkeit, als sich dem Befehl seines Oheims zu beugen. Mit einem missmutig verzogenen Gesicht rannte er hinter Mechthild her, bis er sie eingeholt hatte.

Nachdem die beiden sich entfernt hatten legte Rondrian los. „Rondra hilf, Urion, dieser aufgeblasene von Bärwitz. Sein Gehabe geht mir mächtig auf die Nerven. Eine Vielzahl dieser Mängel hat auch er mit zu verantworten und ich sehe bei ihm auch nicht das wirkliche Verständnis für das Führen einer Truppe. Hinter vorgehaltener Hand murren die Leute. Ich habe heute und in den letzten Tagen mit mehreren gesprochen. Einige Unteroffiziere sind auch dabei gewesen. Sie tragen die Hauptlast der Führungsschwäche. Von Bärwitz stolziert wie ein Gockel durchs Lager und hat noch kein einziges Mal an einer Ausbildung teilgenommen. Er hockt nur auf seinem Pferd auf dem Feldherrenhügel, statt mit der Schwadron zu reiten. Tu endlich was dagegen! Vor allem für die Männer und Frauen ist es wichtig, dass sie sich auf die Führer verlassen können und gut ausgebildet sind. Auch wenn er edel geboren ist, brauchen wir so einen bei den Grenzreitern nicht.“

Urion hob die Augenbrauen. „Ich kenne deine Einstellung von Bärwitz gegenüber. Er war dir immer schon suspekt. Aber ich werde keine Maßnahmen ergreifen, bis nicht zweifelsfrei bewiesen ist, dass er der Aufgabe nicht gewachsen ist. Dennoch will ich deine Vorwürfe nicht abtun. Ardo, wie ist dein Eindruck von Leutnant von Bärwitz? “

Der Kressenburger Baron war nicht minder überrascht von der Heftigkeit mit der der junge Geweihte den Kommandanten der Schwadron der Unfähigkeit bezichtigte. Er ließ den Blick vom jüngeren zum älteren Bruder wandern und versuchte, sich einen Moment lang darauf zu besinnen, wie er den jungen Leutnant bisher wahrgenommen hatte.

„Ich denke, dass der Leutnant durchaus von sich überzeugt ist. Er legt große Selbstsicherheit und Förmlichkeit an den Tag, ganz so, als wolle er vermeiden, dass eben jener Eindruck entsteht, den Rondrian von ihm gewonnen hat. Unfriede bei Mannschaften und Unteroffizieren sollte man auf keinen Fall unterschätzen. Es ist damit zwar noch nicht bewiesen, dass von Bärwitz unfähig ist, aber solch zersetzendes Gerede kommt nicht von ungefähr. Wenn es rumort, gibt es immer einen Grund. Die Mängel am Lager sind allerdings unübersehbar. Wir waren kein halbes Stundenglas hier und haben solcherart gravierende Fehler beim Aufbau gefunden, dass deren Ausbesserung fast genauso viel Zeit kosten wird wie die ursprüngliche Errichtung des Lagers. Es ist offensichtlich, dass dem Herrn Leutnant entweder das Wissen, das Interesse oder das Auge für diese wichtigen Details fehlt. Als Kommandant der Einheit muss er auf so etwas achten.“

„Danke, dann schlage ich vor, dass ich den Herrn Leutnant für den morgigen Tag persönlich als Führer bei den Truppenübungen einsetze. Ich denke jeder von uns kann einschätzen, wie gut oder schlecht er sich dabei anstellt. Was die Schwadronsführung angeht, habe ich sowohl in der ersten als auch in der dritten Schwadron jeweils einen Leutnant, die beide lebens- und dienstälter sind. Da die beiden bereits regulären Dienst tun stehen, haben sie mehr Erfahrung. Dies könnte dann eine Umsetzung rechtfertigen. Aber ich will dem Leutnant die Gelegenheit geben, sich zu beweisen. Was haltet ihr davon?“

Rondrian nickte. „Gut, wenn er sich beweist, ist es mir recht.“

Kurz darauf kehrten Knappin und Novize zurück, jeder mit einem großen Stapel Holz beladen. Rondiran hatte eine Feuerstelle ausgehoben und mit Steinen ausgelegt. Geschickt schichtete Mechthild etwas Zunder und trockene Holzscheite auf und entzündete sie. Bald prasselte ein munteres Lagerfeuer, an dem sie zusammen saßen. Es wurde kaum gesprochen und jeder wartete auf die Meldung des Leutnants.

Kurze Zeit nachdem das Praisogestirn völlig vom Himmel verschwunden war und einem nahezu vollen Madamal Platz gemacht hatte trat Weibel von Jungingen aus dem Dunklen ans Feuer. Er meldete das alle Mängel abgestellt und überprüft worden seien. Ferner bat er um die Erlaubnis, den Soldaten die Freiwache befehlen zu dürfen.

Urion nickte und erhob sich. „Jawohl Weibel, Freiwache wird befohlen, nachdem die Streifen und Posten eingeteilt sind, kommt ihr sofort danach zur Besprechung.“

Ardo hatte beim Eintreten des Weibels vom Feuer aufgeblickt und wunderte sich noch immer, dass dieser und nicht, wie von Urion befohlen, dessen Vorgesetzter erschienen war. „Weibel von Jungingen? Es freut mich zu hören, dass die Mängel so schnell beseitigt werden konnten. Zu wissen, dass die Grenzreiter so effektiv arbeiten, wird mich im Hinterland etwas ruhiger schlafen lassen. Aber wo befindet sich eigentlich Leutnant von Bärwitz? Ich nehme doch an, dass er die Abnahme der Ausbesserungsarbeiten gemacht hat? Deswegen, und weil es ihm so befohlen war, wäre es doch wohl an ihm gewesen Meldung zu machen.“

„Herr Baron, Hochgeboren, der Herr Leutnant hat mir befohlen die Mängel abzustellen und dem Herrn Rittmeister Vollzug zu melden. Es steht mir nicht an, zu beurteilen, ob es an Herrn Leutnant gewesen wäre, selbst diese Meldung zu machen. Für mich is halt der letzte Befehl da gewesen und der gilt.“

Urion runzelte die Stirn, während Rondrian ihn angrinste. Ihm war der Ungehorsam des Leutnants aufgefallen. „Danke Weibel. Die Frage des Herrn Barons richtete sich lediglich auf die Klarheit meiner Befehle. Wie habt Ihr ihn verstanden und wie hättet Ihr gehandelt.“

„Herr Rittmeister, euer Befehl war klar und ich hätt' an seiner Stelle selbst kontrolliert und gemeldet. Aber will sagen, dass der Leutnant noch jung und unerfahren is'.“

„Danke Weibel, dass wissen wir, deshalb sind wir ja mit den Männern und Frauen zum Üben hier her gekommen. Und jetzt ab mit Euch zu den Posten.“