Seelensuche – Hier gibt es keine Tobrier

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Gut Sigmansruh, Junkertum Eibenhain, Königlich Neerbusch, Anfang Boron 1040 BF:

Yann Bellentor drückte den Kragen seines Fellmantels etwas enger an seinen Hals. Es war nun schon empfindlich kalt geworden. Bald würde der grimmige Firun das Land fest in seinem eisigen Griff haben. Auch wenn sich Yann mittlerweile wohl in Waldstein fühlte, den Winter hier mochte er überhaupt nicht. Das Leben schien still zu stehen und alles wartete nur darauf bis die milde Ifirn ihren eisigen Vater erweichen und das Land wieder frei geben würde.

Nun aber herrschte geschäftiges Treiben auf dem Gut. Vorräte für den Winter mussten verstaut werden und die letzten Kisten der wohlbekannten Schnäpse Eibenhainer Feentraum und Bärenfang warteten darauf ihre Reise nach Njerbusch oder gar Hirschfurt anzutreten. Der Halbbruder seines Herren, Darion von den Wildwassern, beaufsichtigte die Waren die auf die „Schwanentochter“ gebracht werden sollten. Der große, schlanke junge Mann war ob seiner langen, weißblonden Haare, seiner hellen Haut und seiner dunklen Augen wahrhaft eine Erscheinung hier im Dorf. Auch floss ein gehöriger Anteil Elfenblut in seinen Adern. Doch die Dorfbewohner respektierten ihn. Er hatte sich schon des öfteren im Namen der Schwanentöchter als ehrbar erwiesen. Und das war es war hier am Rande des Reichsforstes zählte.

Junker Edorian, der wegen seiner vielseitigen Aufgaben nun hauptsächlich am königlichen Hof auf der Hochnjerburg verweilte, hatte seinen Knappen nach Sigmansruh geschickt, um Yann zu unterstützen. Linnert, der am Tag der Jagd am 1. Firun seinen Ritterschlag erhalten würde, kümmerte sich derweil um die Falken. Denn das war seine wahre Leidenschaft, die Falkenjagd und nicht das hantieren mit dem Schwert. Er würde aber auch einen guten Verwalter abgeben, stellte Yann fest. Und seines Wissens nach, strebte Edorian für Linnert auch einen ebensolchen Posten an. Hier in Waldstein oder gar in der Kaisermark. Aber erst einmal sollte der Junge auf das neu gegründete Rechtsseminar in St. Ancilla geschickt werden.

Yann Bellentor hauchte sich seinen heißen Atem in seinen kalten Hände, als ein eher schäbig gekleideter Mann auf ihn zu kam.

„Den Göttern zum Grüße, edler Herr. Mein Name ist Wolffried Ertel aus Prainefurten. Im Namen des tobrischen Herzogs Bernfried von Ehrenstein bin ich gekommen um die tobrischen Flüchtlinge auf die heimische Scholle zu geleiten, wie es nach alten Recht Brauch ist.“

„Firun zum Gruße“, Yann musterte den Mann fortgeschrittenen Alter, „So, wollt Ihr das… Ich muss Euch leider enttäuschen, wir haben hier keine tobrischen Flüchtlinge, nur garetische Bauern und Leibeigene. Ich wünsche Euch aber viel Erfolg bei Euren Bemühungen. Auf das Tobrien bald wieder erblühen möge!“ Der Vogt von Sighelmsruh drehte sich genervt ab und rollte mit den Augen.

„Wie soll Tobrien wieder erblühen ohne seine Bauern? Ich muss Euch nicht daran erinnern vor Praios die Wahrheit zu sagen, ich habe im Dorf die tobrische Mundart gehört.“

„Ich bin nicht verpflichtet Euch Auskunft über die Untertanen meines Herren zu geben.“ Yann wurde ungehalten. Der Tobrier ging ihm auf die Nerven. „Wie ich schon sagte, wir haben keine tobrischen Flüchtlinge, nur garetische Bauern. Wenn Ihr hier rumlauft und die Untertanen meines Herren aufwiegelt und zur Schollenflucht auffordert, so ist das wider Praios Gesetzt und wird aufs härteste bestraft werden.“

„Dann will ich mit Eurem Herren sprechen. Führt mich zu ihm!“ Der Tobrier schien mehr als entschlossen zu sein.

„Der ist nicht hier!“ Zorn lodert in den Augen des Vogtes auf.

„Dann warte ich eben!“

„Ich fürchte das wird nicht möglich sein“, Yann platze gleich der Kragen, „Mein Herr ist in Njerbusch, wenn Ihr ihn unbedingt sprechen wollt, nur zu. Allerdings geht die Sonne gleich unter und der Weg ins Njertal ist nachts zu gefährlich. Steigt in der Herberge Schwalbennest ab und reist morgen weiter. Die dortige Wirtin wird Euch zeigen was waldsteiner Gastfreundschaft bedeutet.“

Als sich der Tobrier entfernt hatte, rief Yann Linnert zu sich.

„Hole bitte Mythalla, sie ist unten am Hafen. Sie soll noch heute nach Njerbusch aufbrechen. Edorian und Leomar werden Besuch bekommen und der soll doch standesgemäß empfangen werden.“ Ein zufriedenes Lächeln huschte über das Gesicht des Vogtes. Für ihn war die tobrische Frage nun so gut wie gelöst.