Schlacht bei Zwingstein - Szenen einer Schlacht III

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24. Praios 1040 BF, Morgendämmerung

Es mochte die fünfte Stunde des neuen Tages sein. Das Madamal war über den Himmel gezogen und das Dämmerlicht des neuen Tages brach sich von Osten her Bahn. Wulfhart wusste nicht mehr, wie viele der unheiligen Chimärenwesen er im Laufe der Nacht erschlagen hatte. Er wusste nur, dass immer wieder immer neue Unwesen gegen ihre schwankenden Linien brandeten und dass sie das nicht mehr lange würden durchhalten würden. Wobei es ihn überraschte, dass sie überhaupt noch standhielten. Vor ihren Linien stapelten sich die Kadaver der Bestien aber auch die von Pferden und die Leichen ihrer Reiter wo die Kavallerie Ausfälle gewagt hatte. Nur wenige Schritt hinter ihm wurde indes die Reihe der aufgebahrten Toten und sterbenden immer länger. Schon längst wagte er es nicht mehr die schwer Verwundeten unter Bedeckung ins Lazarett bringen zu lassen wo man ihr Leben vielleicht hätte retten können. Er konnte es sich einfach nicht erlauben dafür Kämpfer abzustellen. Mutter Trautmunde tat was sie konnte, doch meist blieb ihr nicht viel mehr als den Sterbenden die Augen zu schließen und sie Rethon anzuempfehlen. Wenigstens die Eslamsgrunder Reserve war vor einiger Zeit eingetroffen. Ihr Lanzenführer hatte ihm gesagt, dass er Edelbrecht zum Lazarett geschickt hatte und da der Junge bisher nicht wieder aufgetaucht war, hatte er dem Befehl wohl gehorcht. Wulfhart war es zufrieden. Als Melder konnte er ihn in der jetzigen Situation sowieso nicht mehr gebrauchen. Es gab schlicht keine Reserven mehr die man hätte anfordern können und sollten die Linien zusammenbrechen, würden sie das jetzt im Schein der aufgehenden Praiosscheibe auf dem Feldherrenhügel rechtzeitig genug erkennen. So wusste er seinen Pagen wenigstens in Sicherheit.

Der Greifenfurter hatte sich zu einer Gruppe Landwehr gestellt, die die Verbindung zum zentralen Frontabschnitt hielt. Mit ihren Lanzen und Piken hielten sie eine Schar mutierter Eberkäfer in Schach, derweil Wulfhart und sein Knappe Leuthardt mit ihren Schwertern die Panzer aufbrachen, um den langen Spießen weiche Stellen als Ziele zu liefern. Zwei Schwestern, die aus einem kleinen Weiler in der Nähe stammten, hatten es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht ihre Piken unter das erste Beinpaar zu haken und die Käfer dann auf den Rücken zu drehen, wo sie hilflos zappelnd liegen blieben bis ihnen der Todesstoß in den dünneren Bauchpanzer versetzt wurde. ‚Zumindest diese Welle’, dachte der alternde Ritter bei sich, ‚werden wir noch aufhalten können.’

Plötzlich machte sich rechts von ihm Unruhe breit. Aus dem Unterholz der Dämonenbrache war eine Gruppe dornenbewehrter Stachelfanten getreten und lief nun zügig auf die ausgedünnte Linie der Schwertkämpfer zu, die dort die Stellung hielten. Wulfhart war sofort klar, dass diese den Ansturm nicht würden aufhalten können. Er übertrug Leuthardt das Kommando über die Landwehreinheit und eilte ein paar Schritt hinter die Frontlinie um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Sogleich war Mutter Trautmunde bei ihm, das geweihte Nudelholz hielt sie fest in ihrer Rechten. Die Augen der Geweihten waren erst schreckensgeweitet, verengten sich dann aber zu todesmutiger Entschlossenheit. Ihr Nudelholz war schon mit Chimärenblut besudelt, war sie doch ebenso am Kampf beteiligt wie die anderen. Als sie die Wundversorgung unter Ihre Obhut stellte, hatten vereinzelt durchbrechende Chimären Bekanntschaft mit dem guten Stück aus Steineiche gemacht. Wulfhart kannte diesen Blick. Er hatte ihn schon dutzende Male gesehen, wann immer Kampfgefährten drauf und dran waren das Letzte zu wagen, wissend, dass es für sie keinen nächsten Morgen geben würde. Doch diesmal würde er das nicht zulassen. Mit starker Hand hielt er Trautmunde am Arm zurück und ließ sich auch nicht von ihrem heiligen Zorn beeindrucken, als sie sich wie eine Furie zu ihm umwandte und versuchte sich los zu reißen.

„Nein, Euer Gnaden! Das kann ich nicht zulassen! Nicht solange ich die Kraft und Möglichkeit habe es zu verhindern. Da sei Travia vor!“ Mit diesen Worte drehte er den Kopf zur wartenden Reserveeinheit die Edelbrecht ihm besorgt hatte. „Eslamsgrund! In die Bresche! Vorwärts!“

Ohne zu zögern setzte die leichte Eslamsgrunder Reiterei ihre Pferde in Bewegung. Mit gesenkten Lanzen donnerten sie nur wenige Meter an Wulfhart und Trautmunde vorbei auf die Stelle zu, wo die letzten Schwertkämpfer gerade wie Fliegen beiseite gefegt wurden. Atemlos sahen die beiden Greifenfurter dem Geschehen zu. Der erste Stachelfant wurde einem halben Dutzend Lanzen getroffen. Er bäumte sich auf die Hinterbeine auf und brach dann todwund zusammen, wobei er den graubärtigen Lanzenführer samt seinem Pferd unter sich begrub. Wulfhart spürte wie die Geweihte in seinem Arm zusammenzuckte. Nachdem sie ihre Lanzen eingesetzt hatten, waren die restlichen Reiter ihrer einzigen wirksamen Waffen beraubt. Mit ihren Reitersäbeln kamen sie kaum an die großen Ungetüme heran, die sie mit ihren schnellen Pferden umkreisten. Einer nach dem anderen fielen sie den Stacheln und Stoßzähnen zum Opfer oder wurden einfach zertrampelt. Trautmunde schluchzte in den Armen des Ritters. Mit tränennassen Augen sah sie ihn vorwurfsvoll an.

„All diese jungen Menschen! Ihr habt sie geopfert, meinetwegen!“ Ihre tränenerstickte Stimme stockte. „Das hättet Ihr nicht tun dürfen! Ich hätte sie vielleicht retten können! Das ist es nicht wert. Das bin ich nicht wert!“

„Doch Euer Gnaden, das seid Ihr.“ Die letzten Eslamsgrunder ritten gerade einen selbstmörderischen Angriff auf die stachelfreie Frontpartie eines der übrigen Stachelfanten. Mit einer energischen Drehung des Kopfes fegte er die Pferde mit seinen Stoßzähnen beiseite und ließ ihre Reiter wie Puppen durch die Luft wirbeln. Bestimmt schob sich Wulfhart vor Trautmunde und wappnete sich. Der tief traviafromme Ritter würde um keinen Preis zulassen, dass der Geweihten etwas zustieß. Ob ihr das nun genehm war oder nicht!

In diesem Moment erklangen von den Mauern der nahen Reichsstadt Fanfarenstöße und die Stadttore öffneten sich. Daraus hervor quollen hunderte gewappnete Spießbürger, deren Rüstungen und Piken im Schein der aufsteigenden Praiosscheibe rotgolden glänzten. In geschlossener Formation gingen sie gegen die Flanke der Chimärenarmee vor und trieben sie in Unordnung vor sich her. Wulfhart ließ seine ihm verbliebenen Einheiten aufrücken und die Bresche schließen. Die verbliebenen Stachelfanten wurden eingekreist und fielen unter den Speeren der Landwehr. Nach einem halben Stundenglas war die Schlacht beendet und die wenigen überlebenden Chimären waren in die undurchdringlichen Sümpfe der Dämonenbrache geflohen.

Der Keilholtzer ließ seinen Blick bekümmert über die lange Reihe der Toten wandern. Dort lagen auch die Eslamsgrunder, aufgespießt, zerquetscht, zermalmt. Sie waren seinem Befehl ohne zu zögern gefolgt und sehenden Auges in den Tod geritten. Er hatte entschieden, dass sie sterben mussten, damit Mutter Trautmunde leben konnte. Die Geweihte war mit seiner Entscheidung nicht glücklich, doch er wusste, dass er es sich nie hätte verzeihen können, wenn er ihr ihren Willen gelassen hätte. Er hoffte, dass sie ihm eines Tages vergeben konnte. Eine weitere Welle der Trauer überkam ihn, als er zwischen den Toten auch die beiden Schwestern erkannte, die so wunderbar Eberkäfer töten konnten. An Rethons Seelenwaage würde sich heute eine lange Schlange bilden. Weiter hinten lagen die schwer Verwundeten. Man verband ihnen die schlimmsten Wunden, bevor man wagte sie weiter ins Lazarett zu transportieren. Sein Knappe Leuthardt war unter ihnen. Ein Eberkäfer hatte ihn an der Seite erwischt, hatte Kettenhemd, Gambeson und das Fleisch darunter mit einem einzigen Hieb zerfetzt. Mutter Trautmunde war bei ihm und Wulfhart wusste ihn in den besten Händen. Hätte er die Geweihte nicht von ihrem Opfergang abgehalten, hätte er seinen Knappen wohl verloren bis Hilfe aus dem Lazarett bei ihnen gewesen wäre. Die Wege der Götter waren unergründlich.

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24. Pra 1040 BF zur morgendlichen Hesindestunde
Szenen einer Schlacht III
Szenen einer Schlacht II

Kapitel 11

Abmarsch
Szenen einer Schlacht II

Kapitel 27

Abmarsch
Autor: Benutzer: Robert O., Benutzer:Great-l