Schimpf und Schande - Teil 21

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Zorn eines Pfalzgrafen

Dramatis Personae:

Zedernkabinett, Gareth Anfang Tsa 1033 BF,

„Noch eine Sache, von Schroeckh. Wie konntet Ihr es wagen, meinen Vetter Nimmgalf zu entlehnen?“

Helmar von Hirschfurten war erst gestern von einer diplomatischen Visite im Bornland zurückgekehrt. Kaum auf Pfalz Goldenstein angekommen, wurde er sogleich von einem Boten seines Vaters Ungolf instruiert, welche Entwicklungen es jüngst im Königreich gegeben hatte. Nun war er eilends in die Kaiserstadt gereist, um den Staatsrat überaus erbost zur Rede zu stellen, nachdem ein Großteil der Ratsmitglieder und die Bediensteten den Saal bereits verlassen hatten. Lediglich Gsevino vom Prutzenbogen und Burggraf Alarich von der Sighelmsmark besprachen noch Dienstliches am Fenster.

Schroeckh blinzelte kurz. Dann – als würde er sich an etwas erinnern – straffte er sich, fasste mit den Händen den Saum seiner Schaube, richtete sich auf und sprach wie auswendig gelernt: „Die korrekte Anrede ist Exzellenz, Edelhochgeboren. Exzellenz. Dass Ihr aufgebracht seid, kann ich nachvollziehen. Ich habe auch Verständnis dafür, aber die Entlehnung Eures Vetters ist rechtens.“ Burggraf Alarich kniff die Augenbrauen zusammen: Schroeckh hatte wieder denselben selbstsicheren Tonfall wie weiland vor Gericht. Merkwürdig.

Hirschfurten hingegen war sichtlich aufgebracht: „So? Das glaube ich nicht! Was werft Ihr ihm vor – Vernachlässigung seiner Lehenspflichten? Das ich nicht lache. Da könntet Ihr sogleich den halben Waldsteiner Adel mit entlehnen, angefangen bei der Gräfin selbst. Das sieht mir nach einem ganz plumpen Versuch aus, Euch für die Anklage vor dem Reichsgericht von 1029 zu rächen. Hab ich nicht recht?“

Alerich beobachtete Schroeckh genau: Der Staatsrat zögerte vor jeder Antwort einen Augenblick, so als suchte er den richten Text zum passenden Stichwort. „Das ist doch wohl … Edelhochgeboren, es war zu erwarten, dass Ihr würdet ablenken wollen. Die alte Schule Eures Vaters …“, hier flocht Schroeckh eine offenbar wohleinstudierte Kunstpause ein, „… des hochverehrten Truchsessen Ungolf, ist hier nur allzu bekannt. Es geht um die Verfehlungen Eures Vetters, nicht um die anderer Leute. Soll ein Schuldiger davonkommen, nur weil andere womöglich auch Dreck am Stecken haben?“

„Ich will keine Ausflüchte hören, von Schroeckh!“

„Aber ich habe es schriftlich von ihrer königlichen Majestät - die Entlehnung ist rechtens!“

„Wenn dem so ist, dann doch wohl nur, weil sie ihr Gesicht nicht verlieren will, indem sie eine offenbar vorschnelle Entscheidung ihres Staatsrates revidiert.“ Helmar blickte nachdenklich und erzürnt zugleich.

„Pure Unterstellung, von Hirschfurten. Und ich kann Euch nur raten, Eure Zunge zu hüten!“ Schroeckh reckte nun theatralisch seinen Zeigefinger. ‚Nicht ohne Bühnentalent‘, dachte Burggraf Alarich. Schroeckh fuhr dramatisch fort: „Eure Mutmaßungen haben hier nichts …“

„Ich werde Euch mal etwas sagen, Exzellenz. Der halbe Adel Garetiens ist über eine solche Eigenmächtigkeit empört – allen voran die alten Häuser, die nun zurecht befürchten müssen, dass von ganz oben an ihren Pfründen gezerrt werden soll. Noch einmal eine solche Aktion, und Ihr könntet im Kronrat für einen regelrechten Aufschrei sorgen – mit unüberschaubaren Konsequenzen. Ist Euch das nicht klar?“

„Was ist denn hier los?“ Mit hochgezogenen Brauen und einem ganz zum Fragezeichen verzogenen Gesicht betrat der Markvogt der Kaisermark erneut den Raum. Fahrig griff er seine vergessenen Handschuhe. „Wird hier gestritten?“

„Nun, also …“, Schroeckh hatte offenbar für diese Einmischung nicht viel übrig.

„Es geht um die Entlehnung meines Vetters Nimmgalf. Der halbe Adel Garetiens ist darob empört. Was sich der Staatsrat leistet ist impertinent! Ihr als Angehöriger des alten Hauses Rabenmund könnt sicherlich nachempfinden …“

„Was wollt Ihr mir damit sagen? Dass ich als Rabenmund meiner Königin nicht loyal sein würde?“ Barnhelm zischte förmlich. „Ich akzeptiere die Entscheidungen Ihrer Majestät vorbehaltslos, auch diese. Mag sein, dass heuer gilt: Narrenmund tut Wahrheit kund. Seid Euch versichert: Es tut Rabenmund Gehorsam kund.“

Helmar von Hirschfurten war irritiert, Burggraf Alerich war es nicht minder. Und Schroeckh, öffentlich als Narr bezeichnet, wand sich geradezu vor Unbehagen.

Helmar hob beschwichtigend beide Hände: „Die einzige Möglichkeit, diese prekäre Situation wieder zu entschärfen, ist dem Haus Hirschfurten sein angestammtes Lehen zu lassen. Natürlich kann man meinen geschätzten Vetter jetzt nicht wieder mit Leihenbutt neu belehnen – das wäre eine zu große Farce.“ Hirschfurten wandte sich nun wieder von Schroeckh zu: „Doch mein Vater und ich empfehlen Euch dringend, einen anderen von Hirschfurten, namentlich meinen Vetter Junkobald für die Nachfolge der Baronie Leihenbutts bei Ihrer Majestät vorzuschlagen. Das würde die Alten Häuser, allen voran das meinige, wieder milde stimmen, und Euch erlauben noch eine Weile weiter Euer Amt auszuüben.“

Von Schroeckh seufzte. Doch noch ehe er antworten konnte, erhob erneut Markvogt Barnhelm das Wort. Eine Zornesader war auf seiner Stirn geschwollen, doch zwang er sich zu ruhigem Tonfall. „Hirschfurten! Man wird der Königin nicht vorschreiben, wen sie mit Leihenbutt belehnt. Weder Ihr, noch Schroeckh noch erst recht Euer Vater! Nach meiner Kenntnis ist der Staatsrat im Begriff, zum Gerbaldsberg zu reisen, um mit Ihrer Majestät zu sprechen. Ich lade Euch ein, Seine Exzellenz zu begleiten und Eure Worte – Eure genauen Worte – der Königin noch einmal vorzutragen. Folgt Eurem Lehnseid und steht Eurer Herrin mit Rat und Hilfe zur Seite. Aber droht nicht.“ Damit packte Barnhelm seine Handschuhe fester, warf Schroeckh noch einen vernichtenden Blick zu und verließ das Kabinett.

Schroeckh lächelte verlegen: „Ich werde sehen, was sich machen lässt!“

„Das will ich auch hoffen. Zu Eurem eigenen Besten, von Schroeckh!“, gab Hirschfurten zurück und verließ ebenfalls das Kabinett.

Schroeckh drehte sich jetzt zu den beiden verdutzten Zuschauern: „Ob Ihr mir vielleicht diesmal Eure Kutsche leihen würdet, Dom Alarich? Den Markvogt mag ich jetzt lieber nicht fragen.“