Saat und Ernte - Vermächtnis

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Am Brunnen des Marktes Waldwiesen, Phex 1033 BF

Der Graf und sein Gefolge bevölkerten den ganzen Markplatz: Überall standen Rösser, die von Knechten und Mägden getränkt wurden, Ritter stolzierten umher, Dienstleute brachten Erfrischungen, ein Ritter rief nach einem Schmied, an anderer nach Bier, ein Dritter nach seiner Knappin. Die Waldwiesener starrten das Schauspiel an - auch wenn der Graf häufig hier Rast hielt, wenn er von Luring nach Rubreth ritt oder umgekehrt -, denn spannend anzuschauen war es immer!

Graf Danos selbst hatte auf dem Rand des Brunnens Platz genommen und schöpfte mit einem Zinnbecher kühles Nass heraus.

Ein kleiner Junge kam herangelaufen; er trug gute Gewänder, wie ein Page, hatte glattes schwarzes Haar und wache blaue Augen.

»Na, Kleiner. Komm her. Willst was trinken?«

Der Bub nickte und nahm den Zinnbecher aus der Hand des Grafen entgegen.

»Wie heißt du denn, Kleiner?«, fragte der Graf leutselig und strubbelte dem Jungen die Haare.

»Adhemar von Luring«, piepste jener.

Graf Danos hob die Augenbraue und runzelte die Stirn. »Von Luring, sagst du? Wie kommst du denn darauf? Weiß du, dass ich auch von Luring heiße?«

Der Junge nickte eifrig: »Ja, die Mama hat’s mir gesagt. Sie hat gesagt, du bist mein Onkel Danos. Und ein ganz großer Ritter! Und ein Held! Und du bist gut zu mir!«

»So, so«, murmelte Graf Danos und hielt nach der Mutter Ausschau. Er ahnte, wen er sehen würde. Und richtig: Unter der Kopfweide am Rande des Trubels stand sie, schlank und schön wie eh und je: Halva Selissa. Die geheimnisvolle Frau von Praiodan. Er winkte sie heran.

»Halva! Dich außerhalb von Schloss Morgenfels zu sehen, ist ungewöhnlich!«

»Hochwohlgeboren!«

»Lass das. Ich bin Ritter Danos, nennt mich so. Ich nehme an, dass dieses Treffen hier mit Eurem Brief zu tun hat? Ich bekam ihn vor ein paar Wochen.«

»Ja, Ritter Danos. Ich wollte Euch auf Burg Luringen treffen, aber als ich sah, wie Ihr hier Rast hieltet, habe ich Adhemar zu Euch geschickt.« Der Junge hatte sich nun an das Bein seiner Mutter geklammert und verfolgte das Gespräch aufmerksam, als würde er verstehen, worum es ginge.

»Was ist es, das Ihr mir anvertrauen wollt? Ich glaube, Euer Brief war etwas undeutlich.«

»Seinen Sohn. Er wird Page an Eurem Hof«, antwortete Halva selbstsicher.

»Ach? wird er das?« Graf Danos wirkte überrascht und nahm einen Schluck aus dem Zinnbecher.

»Praiodan meinte, ich solle Euch an Euer Versprechen erinnern, wenn ich etwas bräuchte. Euer zweites Versprechen. Adhemar ist genauso Familie wie Eure Nichten und Neffen, auch wenn Ihr ihn heute zum ersten Mal seht.«

»Schon gut, Halva, schon gut. Rumhilde wird sich seiner annehmen und ihn bei den Pagen unterbringen. Und du?«

»Ich muss verreisen. Ich werde Praiodans letzten Willen befolgen und an seiner Statt eine Pilgerreise unternehmen. Jetzt, wo Adhemar groß genug ist, um bei Euch bleiben zu können, kann ich aufbrechen.«

»Wohin?«

»Nach Balträa. Ich bringe Praiodans Sphärenkugeln dorthin.«

»Und dann?«

»Gebt gut acht auf meinen Sohn, Ritter Danos. Er ist Blut von Eurem Blut. Und ich habe ihn in meinen Visionen häufig gesehen. Er trug das Gesicht Wellmars; und Eures. Doch nie das Gesicht Eures Sohnes. Gebt gut auf Adhemar acht, Graf Danos. Erzieht ihn zu einem aufrechten Ritter und zu einem guten Mann. Ihr habt die Gelegenheit, ihm das Erbe des Hauses Luring zu vermachen: Tradition, Ehre, Götterfurcht und Aufrichtigkeit. Nutzt diese Gelegenheit, sie ist vielleicht Euer Ausweg.«

Graf Danos wirkte verstört und schwieg. Sein Blick wanderte von der Mutter zum Sohn und zurück. Dann nickte er. »Ich verstehe. Ich danke Euch. Mögen die Götter Euch auf Eurer Reise behüten!«

Er stand auf und umarmte die schlanke Frau. Diese kniete sich dann neben den Jungen, flüsterte ihm ins Ohr, küsste ihn auf beide Augen und auf den Mund und legte dann die kleine Jungenhand in die mächtige Pranke des Reichsforster Grafen - und ging.

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20. Phe 1032 BF zur mittäglichen Praiosstunde
Vermächtnis
Es ist ein Junge

Kapitel 9

Autor: BB