Rot und Schwarz 9 - Geflüster im Grünen Drachen

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Stadt Höllenwall, 22 Rondra 1037BF.

Ihre Hand strich gedankenverloren über die alte Tischplatte. Kratzer, Kerben und willentlich zugefügte eingeritzte Worte und Symbole überzogen das alte Eichenholz. Ihre Augen suchten ein altes Symbol, und als sie es endlich fand strich sie versonnen mit der Fingerkuppe darüber. Ihre Gedanken glitten Jahre zurück, als sie noch jung war und über das Land fegte wie der heiße Sommerwind über die Hügel der Caldaia. Damals war dieses Hinterzimmer im grünen Drachen gemütlicher gewesen. Die alten Wandteppiche waren leider verschwunden, die nackte alte Bretterwand blickte einem unverhohlen entgegen.
Überhaupt hatte der Grüne Drache schwer nachgelassen, die alten Wirtsleute hatten sich im Jahr des Feuers an den Aufständen beteiligt, und waren nach dessen Niederwerfung gehängt worden. Der neue Wirt war ein Zugezogener aus Darpatien, und selbst nach fast einem Jahrzehnt wurde er von den Einheimischen nicht akzeptiert. Entsprechend heruntergekommen war die Kneipe. Vor ihr stand ein Krug Wein, ziemlich verdünnt, ein Höllinger aus einer nicht so guten Ernte. Keine zehn Pferde hätte sie je wieder hierher geführt, aber es war der einzige neutrale Ort für die Zusammenkunft. Unbehagen beschlich sie, dieses Treffen war nicht nach ihrem Geschmack und eine Zeitlang hatte sie sich erfolgreich dagegen gesträubt. Aber es gab eine uralte Übereinkunft, wenn eines der Oberhäupter zum Gespräch bat, kamen die anderen. Zumindest jene die zu diesem Treffen geladen waren. Heute waren es nur Drei.
Es klopfte und die Dame Avallona bat herein, die lange schlanke Gestalt musste sich bücken um sich nicht den Kopf am Sturz anzuschlagen. Eladrin von Albensteyn betrat mit einem Lächeln das Hinterzimmer. Sie umarmten sich zur Begrüßung, lachten, scherzten und tauschten Neuigkeiten aus.
„Er ist noch nicht da, sieht ihm ja ähnlich zu seinem eigenen einberufenem Treffen zu spät zu kommen.“, Eladrins Stimme zeigt deutlich Verachtung, auch er wollte dieses Treffen nicht. „Hast du eine Ahnung weswegen er dieses Treffen einberufen hat?“.
Avallona schüttelte den Kopf: “Nein, und ich habe auch ein schlechtes Gefühl bei der Sache. Wenn die Helburger davon erfahren, wird der Höllenwaller nicht gerade begeistert sein.“.
Die Tür wurde aufgestoßen und eins massige Gestalt kam herein. Der Neuankömmling zeigte sich in martialischer Gewandung und mit einem: „Rondra zum Gruß!“ begrüßte er die Anwesenden, setzte sich und schenkte sich einen der Becher voll Wein ein. Baldus Elgor Garm war in die Jahre gekommen, das Gesicht verhärmt, die Haare grau und seine Augen erschienen ein wenig trübe. Es ging das Gerücht um das er nur noch schlecht sah, und er deswegen seinen liebsten Zeitvertreib, die Jagd, nicht mehr frönen konnte. Nachdem er den Becher mit einem Zuge geleert hatte, und sich erneut nachschenkte begann er zu reden:
„Ich komme gleich zur Sache, es geht um die Folgen dieser elenden Geschichte mit den Ogern. Jedes unserer Häuser hat einen mehr oder minder hohen Blutzoll entrichtet. Und die Herren der Hel, flanieren als wäre nichts weiter gewesen. Zwei Götterläufe verschollen, und danach sind alle Teilnehmer dermaßen gestört das sie dem Leben nicht mehr Herrn werden. Ich verlange eine Erklärung, und ich fordere Genugtuung, zumindest eine Entschädigung!“, energisch stemmte Garm Baldus die Fäuste auf die Tischplatte, dass die Becher und der Krug gefährlich zu schwanken begannen.
„Das ist nicht euer Ernst, auch die Helburger haben Blut gelassen!“, Eladrin nickte der Erwiderung Avallonas zustimmend zu.
„Blut, die Helburger? Etwa die Söldinge die sie auf der Helburg gegen unsere Knappen ausgetauscht haben, oder dieser tulamidische Leibwächter? Wie immer das Blut von Fremden, nicht das eigene. Nein meine Liebe, nur unsere Häuser mussten den Frevel des Höllenwallers bezahlen. Ich sage wir fordern hierfür Wiedergutmachung.“
Avallona schluckte ihren aufkommenden Groll herunter, war den Garm Baldus um den Verstand gekommen. Niemand wagte es mehr dem Höllenwaller mit irgendwelchen unverschämten Forderungen zu kommen. Seit seiner Rückkehr richteten sich seine Wutausbrüche sogar gegen die eigene Familie, von Frau und Kindern einmal abgesehen. Erst ein längerer Aufenthalt vergangenen Jahres in Marmonte hatte zu einer Beruhigung geführt. Doch jeder wusste das der Baron einem brodelnden Vulkan glich der jederzeit wieder ausbrechen konnte.
Doch Garm Baldus gab nicht auf:“ Und dieser elende Wicht von einem Bruder, hat sich in der Zeit schön den Arsch breitgesessen auf der Hel, und unsere Knappen bewacht. Eine feine Geiselnahme war das, geht man so mit seinen Vasallen um. Ich habe diese Brut satt, der Malagant hat recht, wir brauchen eine neue Herrschaft in Höllenwall!“.
„Es reicht! Ich will von euren Aufwiegelungen nichts mehr hören. Wir sollten dem Höllenwaller dankbar sein das er die Knappen gegen Söldlinge ausgetauscht hat. Sonst wären auch sie verloren gewesen. Niemand, nicht einmal der Höllenwaller konnte ahnen dass sie so lange Zeit verschollen blieben. Und die Baronin hat binnen kürzester Zeit die Knappen wieder nach Hause gesandt, als sie von deren Schicksal erfuhr. Die Ogerplage wurde beendet, ja es hat Opfer gegeben, aber am Schicksal von Garm Thorm und seinem Sohn tragt ihr Mitschuld. Ihr habt nichts unternommen um den offensichtlichen Gemütsverirrungen entgegen zu wirken. Und erwähnt diesen Widerling Malagant nicht in meiner Gegenwart, ich hätt mir ja gleich denken können woher dieser übel Wind weht der euch zu diesem Treffen getrieben hat.“
Avallona und Garm Baldus starrten sich an, Hass in den Augen des Einen, Wut und Trotz in den ihren.
Mühsam beherrscht presste der Garm seine nächsten Worte heraus: “Ihr meint wohl so wie euer Sohn Alrond, der sein Schwert gegen die Kutte getauscht hat. Weicheier und Träumer, aus euch wird nie was werden. Ich werde mein Haus zu Größerem führen, mit oder ohne euch.“
„Lieber ein Leben im Kloster, als tot und begraben. Mein Sohn hat Weisheit gezeigt, und ich weiß dass es ihm gut geht. Ihr aber solltet darauf achten, dass der Malagant für euch kein zweiter Answin wird. Einst hat es euch die Edlenwürde gekostet, vielleicht diesmal die Rittergüter, wenn nicht noch mehr.“, diese Worte sprach Avallona mit solcher Ernsthaftigkeit, dass ihre Kontrahent zurückwich. Grußlos verlies Garm Baldus das Hinterzimmer und donnerte die Tür hinter sich zu.
Eladrin erhob sich, und nickte anerkennend Avallona zu, sie sah den Schmerz in seinen Augen. Sein Bruder war es gewesen der dem Höllenwaller folgte, und sich für immer in die Tiefen des Silva Vetusta zurückgezogen hatte.
„Seid mein Gast heute Nacht, Waldeswacht ist nicht weit und ihr habt sicherlich nicht vor im selben Gasthaus abzusteigen wie der Garm.“, mit einer freundlichen Geste reichte der Albensteyner ihr den Arm. Und beide verließen zusammen den grünen Drachen.

Als die ritterlichen Gäste gegangen waren, schlich der Wirt durch den Gang zum Hinterausgang, der direkt an das Hinterzimmer grenzte. Vorsichtig löste er die Verriegelung zu einem kleinem dunklen Raum. Eine schwarz gekleidete Gestalt mit einem strengen Dutt und eiskalten Blick wand sich elegant aus dem kleinen Kabuff. Sie wirkte zufrieden und gab dem Wirt eine kleine aber gut gefüllte Geldkatze: „Das hast du gut gemacht, weiter so.“, und noch als sie den Grünen Drachen durch die Hintertür verlies sprach sie zu sich selbst: „Interessant, wirklich sehr interessant.“

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22. Ron 1037 BF zur abendlichen Phexstunde
Geflüster im Grünen Drachen
Süße Aussichten

Kapitel 11

Geflüster im Grünen Drachen
Autor: Malepartus