Rot und Schwarz 2 - Liebe und Pflicht

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1031BF, 30. Travia, Frühmorgens

Wütend warf Malebor die Zinnfigur, einen Ritter, quer durchs Zimmer, die Dienerin wich erschrocken zurück: „Aber mein junger Herr, ihr müsst nun mal euer Praiostagsgewand tragen. Eure werte Frau Mama hat es so bestimmt.“ Mit sanften Gesten versuchte sie ihn zu beruhigen, aber er griff schon nach der nächsten Figur, einem aus Zinn gegossenem Bluthund. „Ich trage dieses kratzende Ding nicht, ein für allemal Nein!“. Mit Wucht warf er den Hund nach der Dienerin, die das Gewand abwehrend hochhob. Zu seinem Ärger traf er allerdings nur die Tür, laut krachte die Figur dagegen um dann ebenso laut auf dem Boden zu landen. Schon waren Schritte den Gang entlang zu hören, deren verräterisches Klacken ihm Angst einjagte. Und noch ehe er es sich richtig überlegen konnte wurde die Tür aufgerissen und in ihrer ganzen schrecklichen Erscheinung stand seine älteste Tante vor ihm. „Was geht ihr vor? Warum trägt der Prinz noch nicht sein Praiostagsgewand?“ Schluchzend warf sich die Dienerin auf die Knie: „Oh werte Vögtin, verzeiht, ich hab alles versucht, aber der Prinz mag es nicht anziehen.“. „Dummes Ding!“ und mit zwei schallenden Ohrfeigen unterbrach die Vögtin das Gejammer. Malebor grinste zufrieden, um Sekunden später selbst zwei knallrote Backen zu haben. Wie ein düsterer Turm baute sich seine Tante Magnata vor ihm auf und deutete mit ihrem mageren rechten Zeigefinger auf die Kleidung: „Du ziehst das jetzt an und basta! Und ich rate dir dich zu beeilen, denn wenn ich nochmals erscheinen muss bringe ich die Rute mit. Haben wir uns verstanden!“ Kleinlaut nickte Malebor, es gab nur Wenige vor denen er sich fürchtete, seine Tante gehörte dazu.

Mürrisch lies er sich nun in den schwarzen Anzug helfen, mit dem steifen weißen Kragen und den Spitzen am Ärmel. Wie er diesen Anzug hasste, ein Kettenhemd wäre im lieber gewesen. Mit zittrigen Fingern steckte ihm die Dienerin die silberne Brosche in Form eines Fallgitters an. Beinahe hätte diese dumme Gans ihn noch dabei gestochen. Mit einem vernichtenden Blick strafte er seine Dienerin und ging aus dem Zimmer. In Nymphenhall herrschte ein unglaubliches Tohuwabohu, noch nie hatte er solch Betriebsamkeit erlebt. Die letzten Jahre waren seit dem Tod seines sechs Tage alten Bruders Malento eher still gewesen. Diener; Knechte und Mägde eilten umher, angetrieben von dem Kastellan Monorus, einem weiteren Mitglied ihrer großen Sippe und natürlich von seiner schrecklichen Tante Magnata.

Der Blick in den Herrenhof faszinierte ihn, jede Fensterreihen war mit Girlanden verziert, Herbstblumen, Rankwerk und Ackergaben zu bunten Sträuchern gebündelt fanden sich überall im Schloss. Ja seine Mutter hatte Geschmack, seit Woche hatte sie auf diesen Tag hingearbeitet. Gerade als er die Treppe erreichte, sprang hinter der Ecke seine kleine Schwester Morgai hervor und machte ein lautes: „Buuuhhhhhhhh“. Erschreckt fuhr er zusammen und wollte schon aus Zorn zuschlagen. Aber es liefen zuviel Zeugen herum, dass hätte nur weiteren Ärger gegeben. Sie trug ein rotes Kleid aus Samt, die Haare zu Zopfschnecken geflochten mit bunten Bändern darin. Es ging als noch schlimmer dachte er, wobei sich seine kleine Schwester bestimmt gefiel. Sie baute sich vor ihm auf und mit dem nachgeäfften Tonfall der Vögtin: „Das wurde aber auch Zeit. Hat sich der Prinz geziert seine hübschen Kleider anzuziehen?“ Malebor war nicht in der Stimmung sich die Gemeinheiten seiner kleinen Schwester gefallen zu lassen: „Schnapp dir einen Besen und flieg von dannen, Hexe!“ Knallrot wurde das Gesicht von Morgai, die Augen wurden feucht und schon kullerten die Tränen. Oh ja, das würde wieder Ärger geben dachte Malebor noch, und schon tauchte wie nicht anders zu erwarten seine Tante Magnata auf. „Was ist hier los?“

Unschuldig dreinblickend hob Malebor die Schultern, doch schon verpetzte ihn seine kleine Schwester: „Er hat mich Hexe genannt >heul<!“ Die Kopfnuss kam schneller als ein Schlangenbiss: „Ein für allemal, lass das. Du hast Morgai nicht Hexe zu nennen! Wahrt die Contenance, alle Beide. Und du wisch dir die Tränen aus dem Gesicht.“ Sie reichte Morgai unwirsch ein Tuch, die sich kräftig schnäuzte und dabei triumphierend ihren Bruder anblickte. „Folgt mir, und keine weiteren Fisimatenten.“, artig folgten sie ihrer Tante, Malebor rechts und Morgai an ihrer linken Seite. Doch sie ließen sich einen halben Schritt zurückfallen und zogen sich gegenseitig wüste Grimassen. Dann endlich betraten sie den großen Saal, der überfüllt mit Leuten war, die wenigsten davon kannte Malebor. Es war schrecklich, alle Tanten und Verwandten kamen auf ihn zu, tätschelten und kniffen ihn in die Backen, dass ihm all der Speichelleckerei übel wurde. Immerhin erging es seiner Schwester nicht besser. Am Ende des Saales standen auf dem Thronpodest seine Eltern, sein Vater elegant wie immer im schwarzen Gehrock mit den dicken Silberknöpfen und gut sichtbar den Greifenstern in Silber tragend. Daneben im roten Brokatkleid seine Mutter mit erhabenem und stolzen Haupt und einer mit Perlen besetzten Haube auf dem Kopf.

Sein Vater unterhielt sich mit einem alten dicken Mann, der selbst bei dieser Feierlichkeit nicht auf sein Kettenhemd verzichten wollte. Der Wams war Grün mit goldenem Laub darauf, und er trug eine Augenklappe. Der alte Kämpe hatte etwas Abenteuerliches an sich und weckte sofort das Interesse von Malebor. Neben ihm stand ein blasser Jüngling, in Platte mit dem gleichen Wams, der ziemlich unglücklich wirkte. Das musste Praioslob von Eychgras sein, der zukünftige Gemahl seiner Tante Morgana. Als ihm seine jüngste Tante einfiel drehte er suchend den Kopf und erblickte sie alsbald. Sie trug ein elegantes Kleid aus rotem und schwarzem Samt, dass Haar zu Locken bis zu den Schulter drapiert mit einem silbernem Diadem geschmückt. So bezaubernd hatte er seine Tante noch nie gesehen, normalerweise lief sie ihm Kürass und Reitstiefeln rum. Sie stand bei den Familienoberhäuptern der Ritter von Höllenwall, den Garms, den Monserval und sogar dem Albensteyn, lachte und scherzte mit ihnen und bedachte ihrem zukünftigen Gemahl mit keinem Blick. Ja mit Morgana würde der nichts zu lachen haben, die hatte ihren eigenen Kopf. Wochenlang hatte der Streit in der Familie getobt, bis sie tatsächlich der Vermählung zugestimmt hatte. Ganz anders sein Onkel Mort, der stand an der Seite seiner Braut Alissa von Erlenstamm und die beiden strahlten wie Honigkuchenpferde. Schrecklich!. Malebor seufzte, er würde seinen Onkel Mort vermissen, von alle seinen Tanten und Onkels war er ihm der liebste gewesen. Noch lieber hatte er nur noch den Opa Oldebor, der war immer so großzügig und bedachte ihn mit reichlichen Geschenken. Wenn er nicht nur immer soviel Worte machen würde, obwohl er dies ja eigentlich gar nicht wollte. Aber von der Sippe der Weyringhaus war leider keiner anwesend. Auch aus dem Haus von Erlenstamm waren nur wenige angereist, von den Eychgraser allerdings einige mehr. Da die Helburger traditionell Schwarz trugen, war dies die dominierende Farbe im Saal, man mochte fast meinen man wäre auf einer Beerdigung.

Beim Onkel Mort stand auch seine Tante Malepia, die extra aus Weiden angereist war. Wo immer das auch lag. Neben ihr stand der jüngste seiner Onkel, den er auch am wenigsten mochte, der ehemalige Vogt Martus-Melcher, inzwischen Ritter zu Bockshorn. Wäre es nach seiner Mutter gegangen, so hätte dieser Onkel nicht kommen dürfen. Doch in diesem Punkt lies sein Vater nicht mit sich verhandeln, er wollte die gesamte Familie dabei haben. Was auch bedeutete, dass irgendwo sein unheimlicher Onkel Magnus sein müsste. Und tatsächlich, der Magier stand in einer der hinteren Ecke und beobachtete mit grimmer Miene die versammelte Gesellschaft. Als er den Blick von Malebor bemerkte, nickte er ihm kaum merklich zu. Er war noch nie ein besonders geselliger Typ gewesen.

Dann endlich war alles für den Aufbruch bereit. Die Brautpaare, die Familien und Gäste verließen Nymphenhall, und die ganze Gesellschaft ritt zum Kloster Marmonte, im Vallis Viridi Draconi. Malebor war begeistert, vor der Burg stand eine ganze Stadt aus Zelten, weil alle Gäste unterzubringen Burg Nymphenhall nicht vermochte. Hoch zu Ross saßen die Ritter des Landes, seine Eltern, selbst die Brautpaare. Er freute sich darauf auch auf einem Pferd mitreiten zu dürfen, er war talentiert was das reiten anging. Umso herber die Enttäuschung, als man ihn zusammen mit seiner Schwester Morgai zur Kutsche brachte.

Malebor schmollte, nun saß er in der engen Kutsche, neben ihn seine Schwester, ihm gegenüber die Vögtin und daneben Onkel Magnus. Schlimmer hätte es nicht kommen können. Sein Onkel, der ein Magier war, befragte ausgiebig Morgai nach ihren Kräften. Sie erzählte ihm voll Stolz von dem einen oder anderem seltsamen Ereignissen, und das sie fleißig seine Übrungen befolgte. Tante Magnata, die wie Malebor selbst über keinen Funken arkaner Kraft verfügte, verfolgte die Unterweisungen ihres Bruders sorgfältig. Immer dann wenn sie meinte er ginge zu weit, räusperte sie sich. Und in der Tat, der sonst so eigenwillige Magnus lenkte ein.

„Übertreib es nicht mit deinen Übungen. Sie kommt noch früh genug auf eine Akademie.“

„Pah, womöglich auf eine der Weißen. Ich bin und bleibe für Fasar oder einem privaten Lehrmeister, ich selbst könnte sie unterrichten.“

„Das haben wir schon tausendmal im engen Kreis der Familie diskutiert, du kennst ihre Meinung hierzu.“, Magnus schnaubte verächtlich und zeigte trotz der Ermahnung seiner Nichte weitere Übungen. Malebor war dies gleich, zeitweise war er auf die Gabe seiner Schwester eifersüchtig gewesen, doch sein Vater hatte ihn einmal in einem langen Gespräch zur Seite genommen, und ihm Wege aufgezeigt, die wiederum seiner Schwester für immer verschlossen blieben. Letztlich ist es egal mit welcher Art du dein Volk im Zaume hältst, Hauptsache es gelingt dir, so pflegte er es Malebor immer zu predigen.

Das Vallis Viridi Draconi glich einem verwunschenen Tal, nichts davon erinnerte an die raue Landschaft von Caldaia. Die Laubbäume herbstlich gekleidet, ein sattes Grün auf den Wiesen, der beschaulich fließende Mons, die sanften Bergrücken die es umschlossen, es hatte etwas Anheimelndes. Es gefiel Malebor viel besser als die enge, düstere Klamm des Niffeltals. Sie kamen vorbei an der Runine Monsgard, an dem Dorf Rauffenmund mit seinen Exiltobriern, die nicht mehr zurück in ihre Heimat wollten. Und schließlich erreichten sie das Kloster Marmonte, das stolz und schön sich an der nördlichen Bergwand erhob.

Malebors Augen leuchteten bei Anblick des Klosters, nichts in Höllenwall verströmte solch eine Pracht wie das filigran auf die Felswand erbaute Kloster der Innocensier, einem kleinem Orden der Travia. Das Monasterium, gekrönt von einer goldenen Gans, zeigte den Reichtum des Ordens. Denn dieser besaß seit ewigen Zeiten die Abbaurechte über die grünen Marmorbrüche im Vallis Viridi Draconi. Sein Vater und die Sippe der Helburger teilte diese Ansicht nicht, ihnen war der Orden ein Dorn im Auge. Doch Ondinai seine Mutter, war streng Traviagläubig, ihr war der Orden wiederum heilig. Sie hatte auch darauf gedrängt, die Hochzeitzeremonie im Kloster abzuhalten. Ein Zeichen der Aussöhnung in Anbetracht des Schadens den einst der Müllermönch angerichtet hatte.

Kloster Marmonte war reich an Statuen, Reliefs und Verzierungen, es gab viel zu sehen und zu staunen. Die Mönche zählten zu den besten Bildhauern im ganzen Land. Im großen Monasterium, wo die ganze Schar Platz fand, segnete der Abt persönlich den Bund der Treue, bei jedem der Paare. Zudem war auch ein Praiosgeweihter zugegen, der mit dem Abt die Zeremonie abhielt, darauf hatte sein Vater bestanden. Malebor und seine Schwester standen in der ersten Reihe, gleich neben ihren Eltern. Sie grinsten Beide über alle Backen, den Morgana verstand es Praioslob selbst bei der Zeremonie zu ignorieren, als wäre er gar nicht anwesend. Hingegen Alissa und Mort im Glück schwelgten. Die Zeremonie dauerte mindestens eine Stunde, anschließend stiftete das Kloster seinen Gästen im vorhandenen Rittersaal eine Stärkung. Es wurde verdünnter Wein gereicht und eine kräftige Suppe ausgeschenkt. Die Stimmung war ausgelassen, Helburger, Eychgraser, Erlenstammer, die Familien der Ritter, alle unterhielten und amüsierten sich. Mit Ausnahme von Morgana und Praioslob, doch das wurde von allen Teilnehmern geflissentlich übersehen. Malebor schritt durch die Menge, überall wurde über die Brautpaare gesprochen, bis er plötzlich seinen Namen fallen hörte. Neugierig blickte er sich um, und sah eine Gruppe von Rittern aus Höllenwall in unmittelbarer Nähe stehen. Offensichtlich hatten sie ihn nicht bemerkt, und Malebor nutzte eine der vielen Säulen der Halle als Deckung, um die Ritter zu belauschen.

„Der Prinz kommt nun in das Pagenalter, wem wird wohl der alte Malepartus diese Aufgabe anvertrauen?“

„Euch Gewiss nicht, und auch keinem der anderen. Man munkelt in dem Ehekontrakten sind Klauseln enthalten, die solche Dienste unter den Familien vorsehen.“

„Die Dame Ondinai wird niemals zulassen, dass man ihren Sohn in eine solch umkämpfte Region wie Hartsteen schickt, und der Baron wird kaum erpicht darauf sein, den Kronprinz im Dunstkreis des Halhofers oder derer von Erlenstamm zu wissen. Ich denke es wird für eines unserer Häuser die Gelegenheit kommen.“

Nun meldete sich der dritte Ritter, mit einer überraschend melodischen Stimme: „Macht euch nichts vor meine Herren. Der Junge wird mit Sicherheit auf die Akademie zu Eslamgrund geschickt, und genauso ein Tunichtgut zu werden wie sein Vater. Die ritterlichen Tugenden sind im Haus Helburg doch nur spröde Lippenbekenntnisse. Seht euch nur den Ritter zu Bockshorn an, eine Schande des gesamten Rittertums. Man müsste die Dame Ondinai davon überzeugen, wie wichtig es wäre, den Kronprinzen als aufrechten Ritter zu erziehen.“

In diesem Augenblick wurde ein Gong geschlagen, und die Aufmerksamkeit der Halle richtete sich zu den Brautpaaren, wo sich der alte Kämpe aus Eychgras anschickte eine Rede zu halten. Malebor hörte nicht hin, dass Interesse der Ritter an seiner Person und an seiner künftigen Ausbildung beschäftigten ihn. Mit einem Schlag war ihm nun Bewusst geworden, dass seine Zeit daheim endete, man würde ihn irgendwo hinschicken. Der Gedanke missfiel ihm, auch wenn er etwas Aufregendes an sich hatte.

Malebor war selbst noch in den Gedanken um sich versunken, als sie wieder in der Kutsche zurück nach Höllenwall saßen.

Erst die große Feierlichkeit am Abend, mit Spanferkel, Fisch und reichlich Geflügel lenkten ihn von seinen trüben Gedanken ab. Leider wurden er und seine Schwester beizeiten zu Bett geschickt, so das sie den ausgelassenen heiteren Teil der Feier verpassten, ebenso wie sie am nächsten Tag nicht an der angesetzten Jagd teilnehmen durften. Es wurde Zeit das er Ritter wurde, dann könnte er bei alledem dabei sein, mit diesen Gedanken schlief er ein.