Res populi - Im Herzen des Irrgartens

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Es ist der 1. Boron und das Wetter macht dem Tag der Toten alle Ehre. Dichte graue Dunstschleier verhüllen die Straßen und Gassen der Kaiserstadt und dämpfen die Schritte der wenigen Passanten, die sich an diesem Abend aus der Sicherheit ihrer Häuser nach draußen gewagt haben. Der dunkel gekleidete Mann vermag kaum die tastend ausgestreckten Fingerspitzen zu sehen, sie suchend die Hauswand entlang fahren. Zum Glück kennt er den Weg und so schälen sich schließlich koboldig-grinsende Steinfratzen aus dem Dunst. Das „Geschlossen“-Schild ignorierend betritt er --------------------------------- unter den lauernden Blicken der Wasserspeier. ------------- verbirgt ihre Pracht und präsentiert sich in wispernder Dunkelheit. Lediglich die schwach erleuchten Umrisse der Tür zum Salon lassen auf die Anwesenheit anderer schließen. Vorsichtig nähert er sich, lauscht einen Moment, und als er sich sicher ist nicht in eine Falle zu tappen, betritt er den Nebenraum.

Die Gespräche verstummen und die Blicke, die man ihm zuwirft, reichen von erwartungsvoll und erfreut bis reserviert. Er mustert die Versammlung, weniger als erhofft, mehr als erwartet, und mehr werden es wohl auch nicht. Mit schnellen Schritten durchquert er den Raum und lässt sich auf den noch freien Platz an der Stirnseite nieder. Der Hausherr zu seiner linken begrüßt den Neuankömmling mit einem traurigen Nicken als er die Stimme erhebt:

„Vertraute! Freunde! Irrgärtner! Es ist lange, viel zu lange her, seit wir uns zuletzt trafen. Ihr fragt euch sicherlich, warum ich euch alle hierher eingeladen habe. Ich werdet es bald erfahren, doch zunächst: Jeder, dessen Herz nicht mehr hell und stark für unsere Sache brennt, jeder, den vielleicht Zweifel plagen oder der sein Lebensglück mit Frau und Kindern nicht verlieren will, der erhebe sich jetzt und verlasse diesen Raum. Keiner hier wird schlecht darüber denken. Vergesst das Treffen und erinnert euch des Eides, den wir alle einst geschworen haben.“

Er schaut in die Runde. Doch obgleich sich einige fragende Blicke zuwerfen erhebt sich keiner.

„Seid euch dessen gewahr, dass, wenn ihr bleibt, kein Weg mehr zurück führt, höchstens durch Borons Hallen. Was wir tun werden, ist nichts weniger als Hochverrat!“

Als sich immer noch keiner zum gehen wendet, fährt er fort, und zum ersten Mal seit langer Zeit umspielt ein Lächeln seine Lippen. „Ich wusste immer, dass auf euch Verlass ist. Ich lege mein Leben in eure Hände, wie früher, wie immer! Es ist so furchtbar viel geschehen, seit sich der Studienkreis zuletzt traf. Jahre, in denen zumindest ich unsere alten Ideale verriet. Ja, ihr habt recht gehört. Ich ---------------------------------------------- ein Krieg der Edlen Herren und Damen, wer nun welchen Bauern knechten darf. Ich sah unermessliches Leid, verursachte es selbst. Einige von euch haben mitgekämpft, auf der einen oder anderen Seite. Ihr wisst, welche Unmenschlichkeiten von den Unmenschen mit den Kronen befohlen wurden. Bauer gegen Bauer, Bruder gegen Bruder und warum? Gekränkte Eitelkeit und falscher Stolz, Habgier und Machthunger! Alles, wogegen wir damals eintraten. Wogegen wir heute wieder eintreten werden!...“

Er hatte eine Rede vorbereitet, nächtelang an Worten gefeilt, doch sie waren weggeweht wie Herbstlaub. Seine Worte kommen aus dem Herzen, Worte die jahrelang eingesperrt und unterdrückt waren. Die Anwesenden hängen an seinen Lippen.

Er steht auf. „... und das Verbot der Nandus-Kirche ist der letzte Tropfen. Die Herrschaft des Adels, die Regentschaft der Kaiserin... sind nichts weiter als Tyrannei und Oligarchie. Zerfressen von Standesdünkel und Machtgier! Ein jeder von Ihnen kennt nur ein Ziel: weiter die Leiter emporzusteigen, die schon blutig ist vom Leid des Volkes. Der Aufstieg ist ihnen alles! Jeden Preis sind sie breit zu zahlen. Aber ich sehe was am Ende der Leiter ist, in den höchsten Höhen, jenseits von Wolken und von Sternen. Chaos! Ein Meer aus Blut und Tränen. Ich sage: Genug! Nicht länger werden wir tatenlos zusehen, nicht länger wird das Volk geknechtet. Wir werden uns erheben! Noch einmal wird Blut fließen und Yaquir, Darpat und den Großen Fluss rot färben. Wir haben das nicht gewollt! Doch es gibt keinen anderen Lösung mehr. Wir sind die ULTIMA RATIO, der letzte Ausweg, die letzte Hoffnung! Ein freies Volk, geeint in Frieden und Vernunft! Nicht mehr und nichts darunter! Keine falsche Herrschaft von falschen Herren mehr. Est igitur res publica res populi! Es ist also der Staat eine Sache des Volkes, lehrt uns Nandus. Und so soll es sein!“

Erschöpft fällt er auf den Stuhl zurück. Einen Moment herrscht Stille, dann erhebt sich zuerst -------- und streckt seine Faust in die Höhe. Einen Herzschlag später folgen ihm die Anderen. In den Augen der Anwesenden ist nur noch Entschlossenheit zu lesen, als -------- die Stimme erhebt: „Er hat recht! Zu lange haben wir tatenlos zugesehen, damit ist jetzt Schluss. Wir sind die Ultima Ratio, der letzte Ausweg. Ich werde kämpfen, für die gerechte Sache, für die einzige Sache, für die es sich zu sterben lohnt. Wir sind die Ultima Ratio, Freiheit oder Tod!“. Die anderen stimmen ein und aus jeder Kehle erklingen die Worte: „Wir sind die Ultima ratio! Freiheit oder Tod!“

Schließlich beginnt er wieder zu reden: „Ich wusste, dass wir wieder vereint stehen werden. Ein jeder von uns wird seinen Teil tun. Und mein Pfad führt in die Dunkelheit, doch vergesst nie: Ich bin einer von euch! Ein Teil des Irrgartens, jetzt und für immer. So lasst uns nun den alten Schwur erneut schwören!“

Sie alle stehen aufrecht, die rechte Hand erhoben, die linke als Faust über dem Herzen geballt, als sie wie eine Stimme die Schwurformel sprechen, jahrealte Worte, doch jeder kennt sie auswendig:

Ich, der mit wachem Geist und einer lauteren Seele den heiligen Irrgarten des Nandus betrete, schwöre bei dem Mal des Praios, das mich erwärmt, dem Leib der Sumu, der mich ernährt, vor den Zwölfgöttern und ihren Abkömmlingen, beim Blut meiner Ahnen, bei meiner Ehre und bei meinem Leben, dass ich von diesem Augenblick an bis zu meinem Tode auf meinem Weg durch den Irrgarten alle Regeln der Gemeinschaft treu befolgen und stets bereit sein werde, ihr alle Opfer zu bringen.

Ich schwöre vor den Zwölfen, bei meiner Ehre und bei meinem Leben, dass ich allen Weisungen und Befehlen widerspruchslos folgen werde, um die ungerechte Herrschaft des falschen Adels zu stürzen und die Herrschaft des Volkes zu fördern.

Ich schwöre vor den Zwölfen, bei meiner Ehre und bei meinem Leben, dass ich alle Geheimnisse des Irrgartens mit ins Grab nehmen werde.

Mögen die Zwölfe und meine Kameraden im Irrgarten über mich zu Gericht sitzen, wenn ich wissentlich diesen Eid breche oder umgehe.

Die Worte verhallen und jedem ist klar, dass eine Umkehr unmöglich ist. Sie werden den Pfad gemeinsam beschreiten. Bis zum Ende.

Schließlich erhebt er erneut die Stimme: „Der Krieg gegen Haffax bietet uns die beste Gelegenheit, doch die Zeit drängt. Hört zu, dies ist mein Plan...“

Confiserie Storath, einige Stunden später.

-------------------------------------------- sitzen noch zusammen am Kaminfeuer, nachdem die anderen bereits gegangen waren.

„Mir gefällt der Plan nicht, ganz und gar nicht“, beginnt ------------------- erneut.

„Ein jeder muss seine Rolle spielen. Glaube mir, mir gefällt es auch nicht. Aber es muss getan werden. Und ich bin bereit den Preis zu zahlen!“, entgegnet ihm ---------------------. „Vertrau mir, alter Freund. Und sollte ich meine Rolle nicht mehr spielen können...“

„Dann sollte wenigstens einer den ganzen Plan kennen. Verstehe schon. Es gefällt mir trotzdem nicht.“

„Was ist eigentlich mit unserem Freund?“

„Du tatest gut daran, ihm ein falsches Datum zu schicken. Wie mir berichtet wurde, treibt er sich neuerdings mit höchst dubiosen Suspekten herum...“

„Ich hatte Recht? Er kann mir Kontakt zu ihnen verschaffen?“, Hoffnung und Furcht mischen sich in ------------------ Stimme.

„Wahrscheinlich, doch ich bitte dich! Sei bloß vorsichtig! Mit denen ist nicht zu spaßen!“

„Glaub mir, dass weiß ich. Und dennoch, es ist der einzige Weg! Ich werde mich wie besprochen morgen mit ihm treffen.“

„Phex mit dir, alter Freund!“, ------------------- Lächeln ist voller Trauer, denn sie beide wissen, dass am Ende seines Weges nur der Tod auf ----------------- warten wird.

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Texte der Hauptreihe:
K2. Im Herzen des Irrgartens
1. Bor 1037 BF zur abendlichen Phexstunde
Im Herzen des Irrgartens
Die Wege des Irrgartens

Kapitel 2

Die Falle im Irrgarten
Autor: Anonymus