Reichstag in Beilunk - Danke für deine guten Gaben

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Im Traviakloster zu Hutt, Ende Boron 1040 BF

Ungeduldig kniete Horulf in während des Traviadienstes neben dem reich gedeckten Tisch. ›Um den geht es doch, Heiliger Sankt Alrik, warum beten die so lange, statt ›Mahlzeit‹ zu wünschen?‹ Er schüttelte leicht das Haupt, woraufhin die Spinnroder hinter ihm erneut zischte. Der Cantzler wurde hier streng beobachtet und war keinesfalls Herr des Verfahrens. Seiner Base Firine wegen war er hier, die über den Tod ihres Bruders Danos noch nicht hinweggekommen war und mit Horulf sprechen wollte. Eben hub Äbtissin Firine zum »Danke für deine guten Gaben« an, als die Pforte zum Remter sich öffnete und eine schlanke Gestalt hereingeschlüpft kam. Fridega von Isppernberg schlug das Traviazeichen, blieb zurückhaltend am Eingang stehen und nickte dem Cantzler kurz zu. Der reagierte sofort, stemmte seine morschen Knochen hoch, griff sich ein frisches Brötchen vom Tisch, zuckte entschuldigend zu seiner Base, der Äbtissin, murmelte »… Staatsgeschäfte …« und folgte seiner Secretärin aus dem Remter.

»Du kommst zur rechten Zeit, Fridgea, ich war am Verhungern! In einem Traviakloster!«

»Ich habe auch Hunger, Ewex. Komme gerade aus Gareth und habe heute früh nur einen Löffel kalte Brühe bekommen.« Fridega führte den Cantzler die Gänge hinunter zum Gästeflügel.

»Dann hättest du dir auch ein Brötchen vom Tisch nehmen sollen«, sagt er und machte keine Anstalten, ihr etwas von seinem Brötchen abzugeben oder sich darüber auch nur einen Gedanken zu machen, was Mutter Travia von seinem Egoismus hielte. Dann waren sie in den Räumen des Cantzlers angekommen, wo Quendan von Ahrenstedt wartete, der als Lurings Leibwache fungierte, wenn dieser verreiste, und keine Lust verspürt hatte, dem Traviadienst beizuwohnen.

»Domna Fridega«, verbeugte sich Ahrenstedt.

»Schlange«, zischte die Angesprochene.

»Wie ich sehe, versteht ihr euch immer noch so gut«, kommentierte Luring teilnahmslos und setzte sich an den Tisch im Empfangsraum der Zimmerflucht für Gäste hohen Standes. »Nun lasst das mal, wir haben Arbeit. Wie war es in Beilunk?«

»Ihr habt gefehlt, Ewex.« Fridega setzte sich dem Cantzler gegenüber. Ahrenstedt lümmelte sich wieder auf einen Sessel nahe der Tür in Lurings Rücken und bedeute Fridega mit einer obszönen Geste, was er dachte, warum der Cantzler Fridega in Beilunk gefehlt hätte. War ja ein offenes Geheimnis.

Fridega unterdrückte einen Kommentar und fuhr fort: »Man merkte dem Reichskongress an, dass die Zeit der großen Juristen und Staatsmänner vorbei ist. Gareth kann es nicht. Noch nicht, wird aber noch werden.«

»Gareth? Rohaja oder Alarich?«, hakte Horulf nach.

»Alarich. Bei dem gibt es Entwicklungsmöglichkeiten. Ich glaube aber nicht, dass er das Format eines Hartuwal erreichen wird.«

»Tja, Hartuwal. Der hat ein paar Strippen zu viel gezogen. Das soll uns immer eine Lehre sein!« Horulf nahm die Dokumente entgegen, die Fridega mittlerweile aus ihrer Tasche gezogen hatte, und studierte sie, während die Secretärin ihren Bericht fortsetzte. Darin ging es um die großen Themen des Congresses:

»… Glaubensfragen im Zusammenhang mit dämonisch verseuchter Ländereien in Tobrien wie auch im Kontext des sogenannten Sternenfalls«, ratterte Fridega die Themen runter, »der Götterzehnt und ein möglicher Dispens zugunsten der Zeiten des Wiederaufbaus …« 

»Für unsere armen Brüder und Schwestern im Osten«, unterbrach Luring schnippisch.

»… die Folgen des Haffax-Feldzuges; das Aufspüren von immer noch unentdeckten Haffax-Gefolgsleuten«, Fridega machte eine Kunstpause, in der Luring den Kopf hob und seine Secretaria scharf anblickte: »Was ist?«

»Hierzu steht mein Lohn noch aus, Ewex. Ihr wisst: Ich habe Euch meinen eigenen Vater geliefert. Und einen guten Teil der Tauristar

»Das soll auch nicht umsonst geschehen sein, Fridega. Du bist ein außerordentliches politisches Talent und als solches steht dir eine große Zukunft offen.«

»Wann?«

»Bald«, antwortete Luring, jetzt schon ungeduldiger.

»Gut. Zurück zum Kongress. Es gab wieder einmal militärische Fragen, hier zu Flotten und solchen Dingen. Kontrovers war die Tobrierfrage.«

»Was für Tobrier?«, fragte Luring scheinheilig, um sogleich meckernd loszulachen.

»Genau«, sagte Fridega humorlos, »genau diese. Lêiane von Corish, mit der ich zum Kongress gereist bin, erzählte mir, dass sie und ihr Bruder Aldegiff überlegen, die Kleinau als Lehen zurückzufordern. Ansonsten haben die Garetier alles richtig gemacht und alle Tobrier angeboten, die im Herzen des Reiches noch gibt: den Garether Gossenabschaum. Leomar von Zweifelfels hat sich hier geschickt angestellt. Außerdem wurde der Nachfolger von Pelion Eorcaïdos gekürt, ein Albernier.«

»Hm«, Luring zuckte mit den Achseln. »Erst ein Aranier …«

»Und«, fuhr Fridega fort: »Tobrien hat mit Jarlak von Ehrenstein jetzt einen geritterten Kronprinzen und Grafen von Tobimora. Bald werden in allen Provinzen die jungen Wilden am Ruder sein.«

»Nun in Garetien nicht«, warf Ahrenstedt vom Sessel ein. »Da gibt’s nur alte Wilde!«

»So ähnlich hat es Burggraf Alarich auch gesagt, als er sich mit Burggraf Oldebor gestritten hat«, rief Fridega zu ihm hinüber.

»Ach haben sie?«, hakte Luring nach.

»Kurz. Da ging es darum, dass Alarich im Zedernkabinett schon auf Oldebors Schoß gesessen hat …«

»Genug, die Geschichte kenne ich schon«, unterbrach Luring, als im selben Moment die Äbtissin Firine mit einem Tablett das Zimmer betrat. Alle erhoben sich.

»Horulf, du hast das traviageheiligte Mahl verpasst. Darum bringe ich dir und deinen Begleitern eine Kleinigkeit.« Sie stellte das Tablett ab und blickte Fridega und Ahrenstedt streng an. »Ihr beiden solltet zuvor aber noch einmal in den Tempel kommen«, tadelte sie mild, aber entschieden.

Ahrenstedt und Fridega schlossen sich der Äbtissin an, doch die Secretärin drehte sich noch einmal um: »Nur kurz noch: Herzlich Grüße vom Hof des Markvogtes. Ich traf Spalotin, der aus Trallop kam, und ein paar von Barnhelms Kreaturen. Tsaducchi schreibt eine neue Oper. Über Rinder.«

»Rinder?« Luring starrte seine Secretärin an.

»Ja, über Weidener Rinder. Später mehr.«

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25. Bor 1040 BF
Danke für deine guten Gaben
Wolf im Schafspelz

Kapitel 7

Autor: BB