Praiotisches Chaos in Kressenburg II

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Praiotisches Chaos in Kressenburg II
22.PER 1041 BF, Stadt Kressenburg

„Praios vult!“, donnerte die sonore Stimme des Prätors über den Sonnenplatz.

„So sei es!“, erklang es aus vielen hundert Kehlen zur Antwort.

Zufrieden mit sich sah Prätor Badilak von Praiostann über die Köpfe seiner Schäfchen hinweg. Seine Praiostagspredigt war wahrlich gepfeffert gewesen und hatte einem jeden die Niederhöllen versprochen, der sich durch die falschen Einflüsterungen der Häretiker verlocken lassen würde. In Kressenburg, in seiner Stadt, würde es so einen Aufruhr wie in Tsanau oder Syllenwies nicht geben. Er würde es schlicht nicht dulden! Mit seinen Händen zeichnete er die segnende Praiosscheibe über seine Herde und entließ sie zu ihren weltlichen Verpflichtungen.

„Euer Hochwürden.“ Am Fuß der provisorischen hölzernen Kanzel die am Rande des Platzes vor dem halbfertigen Eingangsportal des wachsenden Tempelneubaus stand, warteten Bruder Praiomel und in dessen Schatten die Küsterin Alrike auf ihn.

„Ich glaube, wir werden in Kressenburg keine weiteren Probleme mit diesen Ketzern bekommen.“

„Die Menschen haben Euch auf jeden Fall sehr aufmerksam zugehört und Eure Beschreibung der ihnen drohenden Strafen ließ an Bildhaftigkeit wirklich nichts zu wünschen übrig.“

„Nur nicht so bescheiden Bruder. Immerhin stammte die Predigt aus Eurer Feder.“

„So bedurfte es doch Eurer Stimme und Präsens die Worte den Menschen zu vermitteln. Mein Verdienst ist da eher gering.“ Ehrliche Bescheidenheit sprach aus der Stimme des jüngeren Mannes.

„Wohlan, dann gehen wir doch zum nächsten Punkt des Tages über. Der Herr Praios duldet keinen Müßiggang. Alrike, bringt das Szepter zurück in die Sakristei. Bruder Praiomel, ich bin begierig darauf die Fortschritte auf der Baustelle zu sehen.“

Die Frau nahm das rituelle Szepter entgegen, schlug es in ein feines Tuch und eilte damit in Richtung eines bereits fertig gestellten Nebengebäudes. Die beiden Männer aber gingen gemessenen Schrittes die Stufen zum Eingangsportal hinauf, dessen Unfertigkeit den Prätor seit einiger Zeit ein Dorn im Auge war. Natürlich wusste Bruder Praiomel darum und sprach dieses Thema als erstes an.

„Der Kragstein kann noch vor dem nächsten Praiostag gesetzt werden. Baumeisterin Labenrahm hat mir versichert, dass nur noch ein letzter Feinschliff an den Ornamenten notwendig sein.“

Halbwegs zufrieden nickte der Prätor. „Nun gut, das soll mir vorerst genügen. Wie sieht es mit dem restlichen Bau aus?“

„Fertig sind bisher wie Ihr wisst neben den unterirdischen Teilen der Krypta, die Sakristei und Euer Domizil. Bei letzterem warten wir nur noch auf diverse Möbelstücke, damit es seinen Zweck erfüllen kann. Die meisten Schreiner der Stadt sind natürlich am Bau des Tempels selbst beschäftigt, aber es sollte dennoch vor dem Jahreswechsel bezugsfertig sein. Die Mauern des Tempels wachsen derweil täglich.“ Praiomel zeigte in die Runde zu den vielen Gerüsten die sie umgaben. „Frau Labenrahm zeigt sich zuversichtlich, dass wir noch im kommenden Rondra mit dem Bau der Kuppel beginnen können. Wenn alles gut läuft, ist das Dach im nächsten Götterlauf um diese Zeit bereits geschlossen.“

„Nun ja, wenn es nicht schneller geht, wird das genügen müssen.“ Badilak hatte gehofft die Predigten in den kalten Wintermonaten schon im Inneren des Tempels abhalten zu können um dabei nicht mehr auf dem zugigen Podest am Rande des Marktplatzes stehen zu müssen.

„Die Innengestaltung wird natürlich noch ein wenig länger dauern. Einige wertvolle Spenden edler Gönner sind bereits eingetroffen und lagern vorerst im Kloster, zusammen mit der Reliquie von Sankt Answin die seine Ehrwürden von Dergelstein dem Tempel gestiftet hat. Die ersten Goldbarren für das Blattgold sollen noch im Ingerimm eintreffen. Auch die werden bis sie benötigt werden im Kloster gelagert. Die besten Feinschmiede der Stadt sind bereits informiert und werden mit der Herstellung vorrangig beginnen, sobald wir das Blattgold benötigen.“

„Sehr schön. Ist daran gedacht worden, den Schutz des Klosters für die Dauer der Unterbringung der wertvollen Güter zu verstärken?“

„Natürlich Hochwürden. Uns wurden vier zusätzliche Bannstrahler zugesagt die zusammen mit dem Gold aus Gareth eintreffen sollen.“ Prätor Badilak quittierte dies mit einem wohlwollenden Nicken. Praiomel machte eine Pause und lenkte das Gespräch dann auf ein anderes Thema. „Darf ich noch einmal nachfragen, ob Ihr meiner Bitte entsprechen wollt die Trauerfeierlichkeiten für seine Wohlgeboren von Heißwassern zu leiten? Sein Leichnam, oder zumindest das was nach dem Feuer von ihm übrig ist, soll morgen hier eintreffen und gehört endlich in geweihte Erde um Ruhe zu finden.“

„Aber natürlich Bruder Praiomel.“ Badilak schenkte dem Kieselholmer ein gönnerhaftes Lächeln. „Der werte Vogt von Tsanau war der Gemahl Eurer Schwester nicht wahr? Ich werde Bruder Raultreu bitten Euch für die Einsegnung zur Seite zu stehen.“

„Habt Dank, Hochwürden. Dies bedeutet mir sehr viel. Ich…“

Aus dem Augenwinkel nahm Praiomel eine Bewegung oben auf dem Gerüst war, unter dem sie gerade hindurch gelaufen waren, und sah etwas fallen. Geistesgegenwärtig trat er einen schnellen Schritt zur Seite und versuchte auch den Prätor mit sich zu ziehen. Dieser hatte die Gefahr jedoch nicht erkannt und versteifte sich abwehrend, als der Glaubensbruder plötzlich Hand an ihn legen wollte. Das wurde Badilak zum Verhängnis. Mit einem dumpfen Schlag traf ihn ein schwerer Stein an der Schläfe. Mit einem Aufschrei ging er stark blutend zu Boden. Der Kieselholmer kniete sich sofort neben ihn, musste aber erkennen, dass er wenig ausrichten konnte. Als er seinen Blick wieder nach oben zum Gerüst richtete, sah er eine menschliche Gestalt im tiefen Schatten der Morgensonne davonhuschen.

„Mörder! Frevler! Halt!“

Aus Richtung der Sakristei kamen die Küsterin und der wachhabende Bannstrahler angerannt. Als sie das Unglück sahen erstarrten beide. Der kampferprobte Bannstrahler aber nur kurz. Er hatte Bruder Praiomels Rufe richtig verstanden zog sein Schwert und folgte dem Blick des Tempelverwalters.

„Dort läuft er!“ Praiomel deutet auf das hintere Ende des Tempelrohbaus, wo der Attentäter gerade mit Hilfe der Holzgerüste behände die noch niedrige Mauer überwand. „Greift ihn! Alarmiert alle Stadtwachen die Ihr finden könnt!“ Der Bannstrahler zögerte keine Sekunde und nahm die Verfolgung auf. „Alrike!“ Die Küsterin stand noch immer wie angewurzelt und versuchte zu begreifen was gerade geschah. „Alrike, du läufst so schnell du kannst zum Kloster und holst einen Geweihten hierher. Vielleicht kann man Seiner Hochwürden noch helfen. Lauf!“ Das letzte Wort brüllte er ihr förmlich entgegen und schaffte es damit tatsächlich sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Praiomel sah ihr kurz nach, bis sie durch das unfertige Eingangsportal verschwunden war. Dann sah er wieder auf den blutenden Schädel des Prätors zurück und griff kurz entschlossen zum Saum seiner langen Robe im verzweifelten Versuch die Blutung zu stoppen.