Praiotisches Chaos in Kressenburg I

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Praiotisches Chaos in Kressenburg I
20.PER 1041 BF, Markt Tsanau

Der Vogt von Tsanau war an diesem Abend früh zu Bett gegangen. Es war Saatfest im Dorf und traditionell feierte die Dorfjugend ausgelassen bei Spanferkel und einem Fass Gerstenbräu das der Ritter gestiftet hatte. Aber da es eben ein Fest für die Jugend war, hatte sich der alte Mann nach einem Anstandshumpen verabschiedet. Seit seiner schweren Turnierverletzung im letzten Sommer fiel es ihm sowieso zunehmend schwer sich den ganzen Tag auf den Beinen zu halten. Die Erschöpfung und das Bier ließen ihn gut und schnell einschlafen.

„Euer Wohlgeboren! Euer Wohlgeboren! Wacht auf bitte. Es passiert etwas Schreckliches!“

Gorm schreckte aus dem Schlaf auf. Die Hand des alten Ritters suchte instinktiv nach dem Schwert an seiner Seite. Doch er griff nur leere Laken. Blinzelnd gewöhnte er sich an der Licht der Laterne in der Dunkelheit seiner Schlafstube.

„Lucian? Bist du das?“

„Ja, Herr.“

„Was ist denn los?“ Etwas behäbig hob Gorm seine alten Knochen über den Bettkasten. „Ist der Schwarzpelz im Ort oder ein Lindwurm aus dem Wald gekrochen?“

„Nein Herr, das nicht. Aber sie wollen den alten Perainfried lynchen!“

„Was? Wer will hier wen lynchen?“ Endlich hatte der Tsanauer Vogt sein Schwert gefunden, das in seiner Scheide an der Wand gelehnt hatte.

„Die Jungbauern! Die sind auf einmal alle ganz wild geworden. Die haben doch heute Nacht gefeiert, weil doch Saatfest ist. Und da war dieser Fremde dabei, dieser Wanderprediger des Praios. Nazarius heißt er glaube ich.“

„Und den wollen sie Bauern lynchen?“ Der alte Ritter war jetzt vollkommen verwirrt und blieb vor Schreck fast in seinem Obergewand stecken, das er gerade überstreifte.

„Aber nein, Herr! Der alten Perainfried wollen sie lynchen. Weil doch Seine Gnaden verkündet hat, das es Frevel sei sich über Seinesgleichen zu erheben und der Flussmüller doch so reich ist und Dorfschulze geworden ist, obwohl er doch auch nicht besser als die Bauern ist. Jetzt wollen sie ihn lynchen, damit Praios sein Urteil über den Frevler fällen kann.“

Gorm streckte gerade das zweite Bein in die abgetragene Hose und verharrte kurz. „Was ist das den für ein Unfug! Die Zwölfe, der Herr Boron voran, entscheiden, wann eines jeden Zeit gekommen ist an Rethons Seelenwaage zu treten. Dort entscheidet sich wer Frevler ist und wer in die Zwölfgöttlichen Paradiese einziehen darf.“

„Das mag sein Herr, aber die Jungbauern sind ganz wild und alle raus zur Mühle und wollen den Perainfried lynchen, weil Seine Gnaden gesagt hat, dass er ein Frevler ist und büßen muss.“

„Geh und lass mein Pferd satteln! Wollen wir doch mal sehen was es mit diesem Aufruhr auf sich hat.“ Ritter Gorm überlegte kurz, ob er noch in die Rüstkammer gehen und sich wappnen sollte, fand das aber zu lächerlich. Die Dorfjugend hatte beim Saatfest offensichtlich einen über den Durst getrunken. Er würde sie mit ein paar strengen Worten zu Bett schicken, morgen musste vielleicht einer für ein paar Tage an den Pranger und damit wäre die Sache vergessen. Mit ein paar letzten Handgriffen gürtete er sein Schwert als Zeichen seiner Autorität und begab sich in den Hof, wo der Stallknecht ihm eilig das aufgezäumte Pferd brachte.

„Herr, soll ich vielleicht mitkommen?“, fragte Lucian den Vogt besorgt.

„Sei nicht albern Junge. Ich schicke nur kurz die Buben und Mädel wieder nach Hause, damit sie ihren Rausch ausschlafen können. In einem halben Stundenglas bin ich wieder zurück.“

Der Heißwassern setzte sein Pferd in Bewegung und hatte sehr bald die letzten Häuser des Marktfleckens erreicht. Draußen hinter den frisch besäten Feldern erkannte er den Schein mehrerer Fackeln, ungefähr dort der Kieselbach sich durch die Auen schlängelte und die alte Wassermühle stand. Gorm achtete darauf, auch in der Dunkelheit die Pfade am Feldrand zu nutzen, um die frisch bestellten Äcker nicht zu ruinieren. Als er in den Hof den Mühlenguts einritt sah er, dass Lucian anscheinend nicht übertrieben hatte. Gut zwei Dutzend junge Männer und Frauen hatten sich dort versammelt und schauten zum großen Mühlrad. Was der alte Ritter dort im Fackelschein sah, verschlug ihm kurz die Sprache. Die aufgebrachte Menge hatte den alten Müller aus dem Bett gezerrt, ihn noch im Schlafrock an das Wasserrad seiner Mühle gebunden und dieses in Bewegung gesetzt. Gerade tauchte er wieder japsend aus dem Wasser des Kieselbachs auf und bettelte um Gnade. Die jungen Bauern johlten und riefen etwas von Praios Gnade, machten aber keine Anstalten ihn loszubinden. Sie gierten viel mehr darauf den alten Mann wieder untertauchen zu sehen und jubelten ihm zu, er würde im Wasser von seinem Frevel gereinigt werden.

Am anderen Rand des Hofes stand Peraindfrieds Ältester hilflos rufend in der Tür des Gutshauses, das, wie Gorm wieder einmal bemerkte, deutlich größer und prachtvoller war als sein eigenes Amtsgebäude am Marktplatz, und wurde von zwei angetrunkenen Jungbauern mit Mistgabeln in Schach gehalten. Durch die halb geöffneten Fensterläden lugten noch einige andere Familienmitglieder erschrocken auf die unwirkliche Szenerie.

„Genug davon!“ Gorms voluminöse Stimme übertönte das Geschrei der aufgestachelten Menge. „Bindet den Mann sofort los! Das hier ist der Späße eindeutig zu viel!“

Die Menge vor dem Vogt teilte sich und eine stämmige junge Frau mit einem Dreschflegel in der Hand trat zwischen den anderen hervor. „Das hier ist kein Spaß! Seine Gnaden hat gesagt, die anmaßenden Frevler in unserer Mitte müssen gereinigt werden, damit Praios wieder gnädig auf uns schaut! Wir erfüllen nur den Willen Praios’!“

„Jolanthe?“ Ritter Gorm erkannte die Erbin eines der größeren Höfe Tsanaus. Sie war schon immer ein streitbares Mädel gewesen, nicht auf den Mund gefallen, einen halben Kopf größer als die meisten anderen und Oberarmen stark wie Karrenachsen. „Hast du das hier angezettelt?“

„Seine Gnaden hat uns die Augen geöffnet! Die Frevler müssen gereinigt werden, sonst wird Praios’ Zorn uns treffen! Die Felder wird er uns im Sommer verdorren lassen und das Vieh krepieren, wenn die Frevler nicht Buße tun.“ In ihren Augen lag mehr als nur der Glanz von zu viel Gerstenbräu. „Das hier ist Praios’ Wille!“

„Mädel, du hast doch gar keine Ahnung von Praios’ Willen!“ Erbost und ärgerlich stieg Gorm aus dem Sattel und ging auf die Jungbauern zu. Er kannte sie alle, jeden einzelnen von ihnen, seit ihrer Geburt. Jolanthe, Gerfried, Brun, Tsalind, Bärwald, Alrike und all die anderen. „Hört sofort auf mit dem Unfug und helft mir den Müller vom Rad zu schneiden. Sonst blüht euch morgen deutlich mehr als der Pranger, das schwöre ich euch!“ Entschlossen ging er an Jolanthe vorbei, die eingeschüchterte Menge hielt ihn nicht auf und betrat das Mühlengebäude. Irgendwo musste der Hebel sein, der den Mechanismus stoppte. Hinter sich hörte er die Dorfjugend nachkommen und freute sich, dass seine ernsten Worte sie erreicht hatten. Es wäre ihm sehr schwer gefallen einen von ihnen wegen Mordes hängen zu müssen.

„Seine Gnaden hat uns auch von Euch erzählt, Wohlgeboren.“ Jolanthes Stimme klang dicht und feindselig hinter dem alten Ritter. „Ward Ihr nicht ein einfacher Fischer, irgendwo oben in Hundsgrab? Bis Ihr Euch über Euresgleichen erhoben habt? Auch ihr seid ein Frevler vor Praios, Gorm!“

Noch bevor sich der Vogt ganz umgedreht hatte, traf ihn der schwere Dreschflegel seitlich am Kopf und ließ ihn in wie einen Mehlsack zu Boden sinken.

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Gorm wusste nicht wie lange er bewusstlos gewesen war. Er schmeckte Blut in seinem Mund, roch Qualm und sah ein helles Flackern wie von vielen Fackeln vor seinem noch immer getrübten Blick. Ächzend drehte er sich auf die Seite, fand Halt an einer Fensterbank und kam mit Mühe auf die Beine. Er hörte das Knarren des Mühlrades und das leise Rauschen des Kieselbachs. Das Fenster an dem der Vogt sich festhielt, diente dem Müller sonst zur Überwachung des Mühlrades. Jetzt sah Gorm den alten Perainfried, noch immer ans Rad gebunden, an sich vorbei gleiten. Zuerst tauchte der Kopf aus dem Wasser, mit glasigen Augen die trübe ins Nichts starrten, dann der Rest des leblosen Körpers, gehüllt in das durchnässte Nachtgewand wie in ein Leichentuch.

Der Brandgeruch wurde stärker. Das Knacken von Balken ließ Gorms Blick nach oben wandern. Erschrocken stellte er fest, dass es nicht Fackeln waren die ihm Licht spendeten, sondern dass die ganze Mühle in Flammen stand. Von draußen hörte er jetzt wieder den lauten Jubel der Jungbauern, die etwas von Praios’ reinigendem Feuer und Gerechtigkeit grölten. Wie es aussah, musste er sich seinen Weg nach draußen freikämpfen. Aber er hatte gegen Orks gefochten, da würden ihn ein paar verwirrte Jugendliche nicht aufhalten. Entschlossen griff er nach seinem Schwert…und stellte fest, dass die Schwertscheide leer war.

Das letzte was Ritter Gorm hörte, als eine Druckwelle ihn gegen die Steinwand der Mühle schmetterte und ihm das Kreuz brach, war ein Knall, der ihm die Trommelfelle zerfetzte.

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Ein viertel Stundenglas später war das halbe Dorf auf den Beinen, geweckt von der Mehlstaubexplosion in der Mühle. Viele waren mit Eimern bewaffnet und retteten zumindest die Scheuer und das Wohnhaus der Müllersfamilie. Die Mühle aber lag in Trümmern und brannte lichterloh. Das Mühlrad war zur Seite gekippt und lag am anderen Ufer des Kieselbachs, die Leiche des ertrunkenen Müllers noch immer daran gebunden. Auf dem Mühlenhof aber lag niedergestreckt die Bauerntochter Jolanthe, das Schwert des Junkers fest mit einer Hand umklammernd und neben ihr das Bruchstück des schweren Mühlsteins das ihr den Schädel eingeschlagen hatte.