Praiosgefällige Anarchie - Neuer Wind

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1. Firun 1036 BF, In der markgräflichen Residenz

Der Meister der Mark blickte genervt von seinem Schriftstück auf und fasste die Gestalt, die eben mit schweren Schritten in sein Arbeitszimmer geplatzt war, missbilligend ins Auge. Der Mann war hochgewachsen und füllte den kargen Raum annähernd, was weniger dem Übermaß an Kleidung - dem Wetter geschuldet - und mehr dem Übermaß an Kraft anzulasten war, mit dem der Besucher aufwartete. Unter den taxierenden Blicken Bredogars entledigte sich der Kerl seines Umhanges und förderte Oberarme zu Tage, die dem Meister der Mark prächtig als Oberschenkel gedient hätten. Stirnrunzelnd verfolgte der Meister der Mark die Vorbereitungen seines noch unbenamten Besuchers, der den Umhang über die Stuhllehne eines an der Seite stehenden Sitzmöbels warf und sich ein zweites solches heranzog, um sich darauf zu setzen, was eben jenes mit einem protestierenden Ächzen kommentierte, welches sich in einem kurzen Zucken der einen Augenbraue des Kanzler Greifenfurts widerspiegelte.

"Clemens Sensendengler, mein Name. Komme von Eslamsroden hier rauf und wollte eigentlich die Gräfin sprechen. Aber sapperlot, man lässt mich nicht zu ihr sondern schickt mich zu Euch."

Der Meister der Mark lehnte sich vorsichtig gegen die Rückenlehne und legte die Fingerspitzen aufeinander, während er den ihm gegenüber Sitzenden unverwandt ansah.

"Dabei habe ich klar gemacht, dass das eine Sache von größter Wichtigkeit ist und zwischen den höchsten Instanzen und der Stadt Eslamsroden geklärt werden muss."

"Mit Verlaub, die Greifin ist im Augenblick... beschäftigt." Die Stimme des Meisters der Mark war sehr leise, fast lauernd.

"Ach beschäftigt. Jeder ist beschäftig. Immer. Aber man muss wissen, wann es gut ist, sich frei zu machen und Zeit zu nehmen."

"Und genau jetzt wäre der rechte Zeitpunkt, dass sich die Markgräfin Zeit für die Stadt Eslamsroden nimmt?" Der Tonfall des Parsenburgers war eine winzige Nuance schärfer geworden, wobei er sich bedauernd eingestehen musste, dass die subtile Verbesserung des Titels Irmenellas von Wertlingen mit Sicherheit an die Ohren seines Besuchers verschwendet war.

"Aber genau. Immerhin greift sie die Stadt an."

Bredogar Eustachius von Parsenburg verdrehte innerlich die Augen. Nicht, dass er es nicht geahnt hätte. Die Greifenfurter waren losgeprescht, als sie ihre Pfründe in Gefahr sahen, und hatten Paragraphen, Obrigkeitsdenken, Menschenverstand - nein, das Letzte war zu streichen: Man war in Greifenfurt - hinter sich gelassen. Er hatte die Berichte der Beinahebelagerung täglich auf dem Tisch gehabt und nur die Weisung Irmenellas hatte ihn bislang zurückgehalten. Ja, die Greifin spielte in einer anderen Liga als ihre Untergebenen und hatte ihm bereits vor Wochen die Ereignisse in ihrer Abfolge vorhergesagt, als noch kein Pamphlet in der heimischen Mark aufgetaucht war. Und sie hatte ihm auch den Grund benannt, warum er die Füße stillhalten sollte. Und den Grund, aus welchem sie selbst alles still halten musste. Es war zum Auswachsen. Hier wurden mehr Hände voll an Gesetzen verletzt als Eslamsroden Einwohner hatte und trotzdem hatte die Greifin mit einem einzigen Verweis alle seine Bedenken hinweggestrichen. Und dummerweise machte ihr Handeln von ihrer Seite aus auch Sinn. Und brachte ihn in eine praiosvermaledeite Zwickmühle.

Aber ruhig und Eines nach dem Anderen.

"Zuallererst einmal Folgendes: Die Stadt Eslamsroden wird mitnichten angegriffen. Es haben sich lediglich einige Barone eingefunden, die Warenlieferungen gen Eslamsroden zu überprüfen..."

"Ermächtigt durch die Gräfin, wie ich anmerke!"

"Sagen Sie dies?"

"Nun, ähh..."

Und wieder verleierte der Meister der Mark innerlich die Augen. Genau hier saß schließlich eines seiner Probleme.

"Um genau zu sein..."

"...befinden sich jene Personen von Stand auf Besitz und Geheiß des Barons von Eslamsroden. Und genau jener hat hierzu Recht und Befugnis. Wenn er also beschließt, die durch sein Lehen passierenden Reisenden zu kontrollieren, dann ist dies seine Sache. Und wenn er sich dazu von befreundeten Edlen unterstützen lässt..."

"Dann ist das eine Belagerung!"

"Guter Mann, Ihr vergesst Euch." Ja, der Kerl hatte irgendwo Recht, aber das würde ihm Bredogar keinesfalls auf die Nase binden. Zumal nicht nach seinem Gespräch mit der Greifin.

"Wir werden uns direkt bei der Kaiserin beschweren!"

Bredogars Lippen verzogen sich zu einem schmalen Lächeln, während er sein Gegenüber ins Auge fasste. "Dann vergesst bitte nicht, von der Greifin schöne Grüße mitzunehmen und der Kaiserin auszurichten, dass es endlich gelungen ist, auch jene Kriegsfürsten festzusetzen, die sich zwischenzeitlich in Eslamsroden versteckt haben. Ich hoffe, sie haben euch diesen Dienst wenigstens vergoldet..."

"Was erlaubt Ihr Euch? Das ist eine hahnebüchene Beschuldigung, die..."

"... auf mir vorliegenden Beweisen beruht."

"Ich..."

"Werde mich jetzt verfügen und die Heimreise antreten?" Die Hoffnung ließ Bredogar ein Auge tränen.

"Ich verlange, zur Gräfin persönlich vorgelassen zu werden und nicht weiter mit einem Adlatus verhandeln zu müssen!"

"Die Greifin ist derzeit für NIEMANDEN zu sprechen. Reicht Euch diese Auskunft oder wollt Ihr es schriftlich?"

"Ihr..."

Glücklicherweise für das Gespräch und die daran Beteiligten öffnete sich just in diesem Augenblick die Tür des Arbeitszimmers und der Sekretarius des Meisters der Mark, Wahnfried von Schreckenfelde, trat ein, die schmalen Wangen unnatürlich gerötet und ein fast fiebriges Glänzen in den Augen; selbst seine Nasenspitze schien zu zucken. "Es ist da! Und es ist ein ER" Ein gestrenger Blick seines Arbeitgebers ließ ihn innehalten und nervös die Sachlage überschauen. "Verzeiht, aber... störe ich?"

"Mit Verlaub ja! Wer ist dieser Mann? Noch so eine Hofschranze?"

Bredogar merkte, wie er äußerlich wie innerlich ganz plötzlich völlig ruhig wurde. Sein Besucher hatte den Bogen nun endgültig überspannt und war weit über die Grenze getreten, die ein einfacher Bürgerlicher antasten durfte. Und sollte er auch noch so ein hohes Mitglied irgendeines städtischen Magistrates sein. "Dieser Mann, HERR Sensendengler, ist der HOHE HERR Wahnfried von Schreckenfelde, seines Zeichens mein Privatsekretarius und von Geburt weit über Euch stehend, was Ihr auch in Eurem bisherigen Leben an besonderen Taten vollbracht haben mögt, dass man Euch den Titel eines reichsstädtischen Rates angedeihen ließ. Und diese Information, die jener mir und Euch gerade eben in seiner freundlichen Art machte, ist die, dass Irmenella von Wertlingen, Ihres Zeichens Markgräfin Greifenfurts, soeben von einem Knaben entbunden wurde, was auch einem so unglaublich einsichtigen Mann wie Euch klar machen sollte, warum sie seit heute Morgen nicht zu sprechen war. Und nun verlassen Sie mein Arbeitszimmer, bevor ich mich hier und jetzt vergesse."

"Ich..."

"SOFORT."