Plitzenbergs Fallen - Hinfallen

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Schauriges Kreischen gellte durch die Gänge der Burg. Immer wieder tönten dumpfe Schläge gegen das Mauerwerk durch die Wände. Ein Brüllen stieg aus dem Keller, als wären Dämonen eingedrungen. Barnemund war aus seinem Traum erwacht und hochgeschreckt. Eben noch war er gefallen, gefallen, gefallen. Doch nun hörte er in seiner Kammer im Haupthaus die schrecklichen Schreie nicht mehr schallen. Aber in den Namenlosen Tagen habe es ununterbrochen diese Geräusche gebegen, wie ihm erzählt worden ist. Er schluckte. Das blasse Zwielicht des milchigen Tages weckte keine Lebensgeister, sondern ließ ihn sich fühlen wie der Belag am Ende seiner Zunge.

Er stand auf, zwang sich dazu. Seit vielen Tagen, seit Wochen konnte er sich kaum aufraffen. Danos tot! Er war am Hof geblieben, nachdem er den Leichnam des Freundes heimgebracht hatte, um Rumhilde beizustehen und irgendwie auch den Kindern. Aber dann waren es Ederlinde und Lechmin, die allen Halt gaben, die Danos nahe gestanden hatten. Barnemund war es, als wäre er dabei gewesen, als die Todesnachricht gekommen war, und in den tagen danach, so oft hatte die Familie mit ihm über die schweren Stunden gesprochen.

Drego hatte mehrere Tage geheult, obschon er nun rechtmäßiger Graf von Reichsforst war und als Einziger zumindest etwas gewonnen hatte. Die beiden Töchter hatten sich hingegen schnell gefangen: Ederlinde dachte gleich praktisch und wollte Beerdigung, Krönung und Rechtsfragen klären. Lechmin hingegen besaß ein so sonniges naturell, dass sie selbst in tiefster Trauer den anderen ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte.

Rumhilde hatte es schwer genommen. Sehr schwer. Der schlimmste Alptraum sei wahr geworden, meinte sie. Doch da war sich Barnemund keineswegs sicher. In den Tagen der Namenlosen Tage des letzten Jahres hatte sich Burg Luring mit irgendetwas Schrecklichem gefüllt. Irgendein böser Geist – oder böse Geister – hatten in den Gängen und Hallen Einzug gehalten und verbreitete Angst und Schrecken. Ausgerechnet dieser Tage weilte der Hofgeweihte Raulbrin im heimatlichen Kosch und war bis heute nicht zurückgekehrt. Zwar waren die schrecklichen Geräusche wieder gegangen, aber der dumpfe Schleier über der Burg war noch da. Unsichtbar, unfühlbar, aber da.

In den schlimmen Tagen hatten die Bediensteten sich die in die Stadt zurückgezogen, die dort Familie hatten. Die anderen hatten sich um den Küchenmeister Awarißt geschart, der seine Küche im Fundament der Burg kommandierte wie einen Außenposten in den Schwarzen Landen. Bis heute gingen die Diener nicht mehr gerne in die Keller. nur die Küche war davon ausgenommen.

Barnemund zwang sich auf, zwang sich in den Rock, gürtete mechanisch sein Schwert und begab sich nach unten zum Frühstück im Remter.

Auf dem Weh durch die Burg begegnete Barnemund niemandem.

Dann aber hörte er Schritte, die waren nicht eingebildet: In schnellstem Lauf schoss der kleine Adhemar um die Ecke in den Gang und rasselte mit Barnemund zusammen. Der Junge sah aus, als wäre ihm der Namenlose auf den Fersen.

„Ritter Barnemund! Ohje, Ihr … ich … die …“ Adhemar rappelte sich auf und rannte weiter, bog scharf rechts in den Gang hinunter zum Burghof.

Kurz darauf kamen die Verfolger angekeucht: Es waren die anderen Mündel des Grafen, Molwene und Rondger von Granfeld, in ihrem Schlepptau der dicke Ritter Moribert und der Mann, den Barnemund von allen am wenigsten hier sehen wollte: Langenlob. Jetzt „Edler“.

Die Verfolger blieben vor Barnemund stehen, als hätte er sie aufhalten wollen.

„Wo ist er hin?“, rief Molwene aufgeregt.

„Zum Hof hinunter“, antwortete Barnemund.

„Also zum Wappensaal“, schnappte Langenlob und scheuchte die anderen los. Als er an Barnemund vorbeikam, zischte er ihm ins Gesicht: „Na, hingefallen?“ und rammte ihm das Knie zwischen die Beine, dass Barnemund tatsächlich zu Boden ging. Dann trabte Langenlob los.

Barnemund kam ächzend auf die Beine. Hatte er doch gewusst, dass Langenlob mit der Wahrheit nicht klar kommen würde! Dann wandte er sich hinunter zum Hof.

Unten entdeckte er den Pagen nicht. Überhaupt war niemand auf dem weitläufigen Hof zu sehen. Doch – da! Der schlaksige Magier Dexter von Punin trat soeben vor seinen Turm. Er bewohnte zusammen mit seiner Frau, der nominellen Hofmagierin Dregos und den beiden gemeinsamen Kindern einen kleinen runden Eckturm am Nordrand der Burg.

Dexter schaute sich um. Er spähte regelrecht. Da war Barnemund klar, dass er dem kleinen Adhemar Zuflucht gewährt haben musste, und setzte sich zu ihm in Bewegung.

Noch ehe sie so recht Höflichkeiten austauschen konnten, hörten Ritter und Magier Scheppern von einer der Treppen: Da kamen sie! Moribert von Goyern hatte sogar einen Dolch gezogen.

Was soll das? Dachte Barnemund, doch zog er den Magier schnell durch die feste Turmtür ins Innere des Turms. Sie verriegelten von innen.

„Gibt es noch einen Eingang?“ fragte Barnemund.

„Ja, oben am Wehrgang. Der geht durch den Turm durch. Mittlerweile hämmerte Moribert von außen gegen die Tür.

„Gut, Dexter, dann verschwinde ich mit Adhemar oben raus. Ist er hier?“

„Ja, er ist auch schon nach oben gegangen.“ Dexter hielt den Ritter zurück. „Was ist denn hier los? Gehen wir jetzt aufeinander los?“

„Ich weiß es nicht, Dexter, aber ich muss jetzt zur Gräfin, zur Alt-Gräfin, um ein Problem zu lösen.“

Barnemund nahm drei Stufen auf einmal und passte Adhemar oben am Wehrgang ab, als er gerade durch eine der Türen hinaus linste. Er schnappte sich den jungen und zog ihn schnell über die Mauer zurück ins Haupthaus und dann eine der Dienstbotentreppen hinab. Wer doch gelacht, wenn er sich in dieser Burg nicht besser auskennen würde als die Zugezogenen!

Keuchend erreichten sie den Aufgang zur Kemenate und verharrten hinter der angelehnten Tür um zu lauschen und zu Atem zu kommen. Dann huschten sie hinüber zum Vorraum, in denen ihnen unvermutet Lechmin Rondara entgegenkam. Sie schloss den Jungen schnell in die Arme.

„Was ist los?“, fragte Lechmin.

„Langenlob und Moribert haben ihn gejagt.“

„Soweit ist es also schon. Kaum ist Papa tot, zeigen sei ihr Gesicht. Zumindest uns, den Schwachen. Uns, die wir hie reingeschlossen sind. Und Drego begreift gar nichts.“

Barnemund wollte nicht zugeben, dass er auch nichts begriff, aber sein Gesicht war offensichtlich gut lesbar.

„Adhemar ist etwas Besonderes, Barnemund. Papa hat ihn gehütet wie einen eigenen Sohn. Wie einen richtigen Sohn. Ich weiß, dass Adhemar im Testament meines Vaters erwähnt wird. Ich weiß nur nicht warum. Aber das finden wir heraus.“

„Wie?“, fragte Barnemund.

„Keine Ahnung. Aber jetzt müssen wir erst einmal weg hier. Helft Ihr uns?“

„Gewiss, Lechmin. Kommt erst einmal zu mir nach Ginsterhort. Odo ist auch dort. Der weiß bestimmt Rat.“

Odo? Das ist gut.“ Lechmin nahm Adhemar an die Hand, der aus seiner passiven Starre zu erwachen schien, dann machten sie sich auf den Weg, auf eigenen Pfaden die Burg zu verlassen, ohne dabei noch einmal hinzufallen.

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Texte der Hauptreihe:
K7. Hinfallen
K8. Fall
Autor: BB
Wappen Graeflich Luring.svg
Ereignis:
Adhemar Hilberian und Lechmin Rondara von Luring fliehen von Burg Luringen, auf der seit den Namenlosen Tagen das Lachen verstummt ist
Datum:
3. Ron 1040 BF