Perricumer Ratsgeschichten - Von der Kunst (und) der Politik

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Odoardo von Quintian-Hohenfels saß an seinem wuchtigen Schreibtisch und betrachtete versonnen seine jüngste Erwerbung: Das Originallibretto zur Oper „Der Kalif von Unau“ aus der Feder des genialen Dorgando Paquamon. Wie viel Zeit, Mühe und vor allem Geld der Ankauf dieser Perle der Musikkunst doch verschlungen hatte, ging es dem kunstsinnigen Ratsherrn kurz durch den Kopf. Aber wer außer ein paar verachtenswerten Kreuzerfuchsern würde sich darüber schon empören, zumal er die Kosten der Stadtkasse nur zur Hälfte aufgebürdet und die andere Hälfte sogar selbst aufgebracht hatte?
Fast schon zärtlich fuhr die behandschuhte Hand über die vergilbten Blätter, als dieses Idyll jäh durch ein recht energisches Klopfen gestört wurde. Konnten diese unkultivierten Proleten ihm nicht zumindest einige Stunden Ruhe am Tag gönnen?
„Herein!“ grummelte der Magistrat unwirsch.
Ein hagerer Mann Mitte Vierzig betrat das Arbeitszimmer: „Verzeiht die Störung, hoher Herr, aber ich sollte euch doch an die Ratssitzung in einer Stunde erinnern.“
„Gut, gut, mein braver Egilmar, danke für die Erinnerung. Ich werde mich gleich auf den Weg machen. Sonst noch etwas?
„Nein, das wäre alles, hoher Herr.“ Mit einer kurzen Verbeugung verließ der Secretarius das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
Ein sardonisches Lächeln schlich sich nun auf das Antlitz des Ratsherrn. Wenn alles so lief wie geplant, würde er noch heute Abend Grund zum Feiern haben. Wallgrin hatte dem Magistrat lange genug vorgestanden; seine Korruptheit war ja noch zu ertragen gewesen, seine zunehmende Unfähigkeit überstieg jedoch mittlerweile jedes tolerierbare Maß. Kalt lächelnd dachte der Kunstliebhaber an die vergangenen Monate und deren politische Ränke zurück. Viele Beobachter auch innerhalb des Stadtrats hatten sich gewundert, warum Odoardo sich damals ausgerechnet als Kandidat für den Posten des Stadtkämmerers hatte aufstellen und dank diverser Absprachen auch wählen lassen. Die doch eigentlich so naheliegende Antwort war jedoch keinem von ihnen eingefallen: Wer das Geld hat, hat auch die Macht. So hatte der umtriebige Ratsherr in den folgenden Monden mit einer Mischung aus Können, der Hilfe guter Ratgeber und dem nötigen Quäntchen Glück das Stadtsäckel deutlich anschwellen lassen.
Nun hatte er nicht nur eine prallgefüllte Kasse für seine Pläne zur Verfügung sondern konnte sich dem Pöbel zudem als zupackender und vor allem erfolgreicher Rat präsentieren. Wichtig war aber auch, jeden Eindruck übergroßen Ehrgeizes zu vermeiden, um nicht mehr Argwohn als ohnehin schon bei seinen lieben Ratskollegen zu wecken. Sicher, er wollte, wie all die anderen Aasgeier im Rat auch, den tumben Wallgrin als Vogt beerben, doch beabsichtigte Odoardo nicht, mit seinem Griff nach dem höchsten Amt der Stadt bis zur regulären Wahl zu warten. Viel zu unsicher und vor allem: Viel zu teuer.
Irgendwie kam ihm sein Lieblingsdrama „Kusmina Galahan“ von Pherisjo ter Marloff in den Sinn; die Parallelen waren doch auch recht deutlich. Allerdings gedachte Odoardo ein besseres Ende zu nehmen als die Protagonistin des Stücks.
Vorsichtig legte der Kunstliebhaber das Libretto in den Tresor und verschloss diesen sorgsam. Dann machte er sich ohne jede Hast auf dem Weg ins Alcazaba Zolipantessa.
‚Mal schauen, ob Wallgrin sich dort ebenfalls die Ehre gibt‘, ging es dem schmunzelnden Odoardo durch den Kopf. Irgendein Vögelchen hatte ihm nämlich gezwitschert, daß der Reichsvogt sowohl zur Sitzung nicht erscheinen als auch darüber hinaus für eine geraume Weile das Licht der Öffentlichkeit meiden werde ...