Perricumer Ratsgeschichten - Schlaflos

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Burg Aubinge/Baronie Gnitzenkuhl, 27. Rahja 1036 BF


Der Fensterladen zum Schlafgemach der Junkerin stand weit offen und die hellen Vorhänge bewegten sich im Nachtwind, während eine Brücke aus Madalicht von den Gipfeln des Gebirges und über den Fluss bis vor eben jenes Fenster erglitzerte. Mit gelösten Haaren, barfuß und im Nachthemd stand Ginaya von Alxertis am Fenster und blickte sinnierend auf die träge dahingleitenden Fluten hinab.

Eine Tür knarrte und Ginaya drehte sich um. Es war Adalbert.

„Du bist noch wach“, stellte er eher fest als dass er sich erkundigte.

„So wie Du“, seine Fahne war nicht zu überriechen und die Junkerin wandte sich wieder dem Fenster zu. Immerhin war er nicht zu betrunken, um nicht zu merken, dass seine Frau etwas beschäftigte: „Was ist los?“

Wallgrin.“

Der Name genügte, um Adalbert etwas hellhörig zu machen und die dabei hochgezogene Braue war eine von den wenigen Dingen, die Ginaya an ihrem invaliden Ehemann gemocht hatte und so fuhr sie fort: „Irgendjemand hat seine Schwachstelle so gekonnt gepiekt, dass der vollkommen übergeschnappt ist. Er war nützlich, solange er funktioniert hatte. Und das war meist mit einem entsprechenden Lockmittel der Fall, wie zuletzt mit meinem Angebot zum Bau eines Efferdschreins am Darpatufer“, die Junkerin lächelte hintersinnig, „Als gäbe es in der Stadt nicht bereits einen prächtigen Tempel des Launenhaften. Aber mit derlei ist es jetzt aus und vorbei“, ihr Lächeln verschwand.

„Schade eigentlich. Was ist denn genau passiert?“, Adalbert setzte sich schwerfällig aufs Bett und begann sich mit seiner einen Hand die Schuhe auszuziehen.

„Das werden morgen alle Spatzen von den Dächern pfeifen. Wichtig ist jetzt vor allem das, was kommt“, Ginaya tippte mit ihren Fingern unruhig auf das Fensterbrett.

„Was soll denn kommen?“

„Es sieht so aus, als würde die Stadt bald einen neuen Reichsvogt brauchen. Nicht daran zu denken, wenn wieder so ein rückratloser Aufsteiger oder einer dieser geldgierigen Kaufleute die Kontrolle über die Reichsstadt erlangte: Da kann man auch gleich dem Haffax die Tore öffnen. Die Anzahl der Kaiserbilder in den Truhen dieser Krämerseelen sagt wenig über ihre Eignung.“

„Was hast du vor?“, Adelbert hatte sich endlich seiner Schuhe entledigt und fingerte an den Nesteln seines Wamses herum. „Ich werde sofort morgen in die Stadt zurückkehren. Besorgungen erledigen. Leute treffen. Einige Dinge in Erfahrung bringen. Gefallen erweisen und Gefallen einfordern… Es könnte eine Weile dauern, bis ich wieder hierher komme.“

„Und ich?“, Adelbert legte sich hin und betrachtete seine Gemahlin schläfrig.

„Du wirst in Goldackern bleiben und hier für alles Notwendige sorgen. Diese Pfeffersäcke verstehen nichts vom Adel, aber wenigstens verstehen sie die Sprache des Goldes. Darum werde ich viel davon brauchen. Sieh also zu, wo du welches herbekommen kannst. Aber geh nicht zur Baronin oder ihren Leuten.“

„Natürlich“, Adalbert gähnte.

„Ich werde dich auf dem Laufenden halten. Mit ein bisschen Abstand wird das Schauspiel ohnehin besser zu genießen sein...“, Ginaya verstummte und drehte sich dem Bett zu. Das leise Schnarchen von dort her verkündete ihr, dass ihr Mann nicht mehr zuhörte. Irgendwo weiter flussabwärts sangen ein paar besoffene Schiffer auf ihrem für die Nacht festgemachten Kahn mit den Fröschen und Grillen in den Auen um die Wette. Ein leiser Seufzer entrang sich der Kehle der Junkerin. Dann ging sie zur Tür – sie würde ihre Kammerjungfer wecken und für die Nacht ein anderes Gemach herrichten lassen.