Perricumer Ratsgeschichten – Die Schande liegt im Auge des Betrachters

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Die Schande liegt im Auge des Betrachters

Reichsstadt Perricum, 18. Boron 1037 BF, am späten Vormittag

Mit gemischten Gefühlen trat Corthin Rutaris den kleinen Laden abseits der großen Straßen; ein Glöckchen, über dem Türrahmen angebracht, verhieß seine Ankunft. Es war schummrig hier, wie zumeist; durch die kleinen Butzenglasfenster kam nur wenig Licht hinein, aber das war dem Besitzer des Ladens wohl nur recht, denn nicht alles, was hier über die Theke ging (oder abseits davon verschachert wurde) war legale Ware oder auf rechtem Wege hierher gelangt.

Ein Knarzen erklang von der schmalen Stiege her, die in der Ecke hinauf ins Obergeschoß führte, und der Ladenbesitzer kam herabgestiegen, um zu schauen, wer da hereingekommen war.

„Ach, Du bist’s!“ erklangen schließlich die Worte zur Begrüßung. Korwyn von Kollberg trat um den Tresen herum und reichte Corthin die Hand. „Magst Du einen Schluck?“

„Derzeit immer. Den Selbstgebrannten?“

„Sicherlich. Für gute Freunde sowieso.“ Korwyn griff unter die Theke, holte zwei irdene Becher und eine bauchige Korbflasche hervor und schenkte ein. Sie stießen wortlos an und leerten die Becher in einem Zug.

Corthin stelle seinen Becher geräuschvoll zurück auf die Ladentheke. „Aah. Ein guter Schluck.“

„Hast Du es einigermaßen verdaut?“

„Den Schnaps?“ Corthin grinste kurz ob seiner Bemerkung, doch er kam schnell zum Ernst zurück. „So gut es eben geht. Verdammt noch mal aber auch! Wie konnte das nur derart in die Hose gehen?“

Korwyn zuckte mit den Schultern, griff nach der Flasche und schenkte erneut ein. „Frag mich bitte etwas leichteres.“

„Der Plan war gut, nur die Ausführung ging gründlich daneben. Eigentlich sollten die lieben zwölfgöttlichen Mitgeschwister doch nur ein wenig zum Nachdenken angeregt werden…“

„Wenn Du mich so fragst, haben die wahrscheinlich schon vorher zu viel nachgedacht, insbesondere Efferdan und Adara. Deren Ambitionen waren schon eine ganze Weile fiel zu hoch; und nun sind sie drüber gefallen. Fragt sich nur, was das ganze nun für die Stadt bedeuten wird.“

„Das gerade Du das sagst, der Du selber Geweihter der Zwölfe bist…“ Corthin schüttelte nachdenklich den Kopf.

„Corthin, jede der Kirchen hat ihre eigenen Prinzipien, dass sollte doch auch Dir geläufig sein. Natürlich war es eine ziemliche Schmach für Efferdan, dass er als Lichtmeister unten durch gefallen ist, und es hätte auch Adara nicht hat angestanden, den Mord an der alten Barûn-Bari aufzuklären. Wenn schon, wäre das etwas für Yacuban gewesen; Recht und Ordnung eben.“

„Geht er denn nun auf Reisen?“

„Soweit ich weiß schon. Andererseits ist dass seine eigene Sache; da hätte der Rat ohnehin nicht drüber beschließen brauchen, wenn Du meine Meinung wissen willst. Man stimmt ja auch nicht darüber ab, ob jemand krank im Bette bleiben muss, weil ihn Rotz und Fieber plagen und darum nicht zur Sitzung erscheint…“

„Und vom Reichsvogt gibt es auch nichts neues, fürchte ich. Ich hab zumindest nichts gehört.“

Korwyn nickte. „Geht mir genauso. Die lieben Schwestern und Brüder sind auch alle noch viel zu aufgeregt, weil niemand wirklich weiß, was nun weiter passieren wird. Da bleibt dieser Tage zu wenig Zeit für das wesentliche. Nur eines ist klar: Irgendjemand hat uns ins Handwerk gepfuscht – oder hat das gleiche vorgehabt wie wir. Und zusammen hat es gereicht, um das Fass zum überlaufen zu bringen.“

Corthin wollte etwas erwidern, hielt jedoch inne, da sich die Tür erneut öffnete. Herein trat eine älterer Mann in Hut und Mantel mit äußerst gepflegtem Äußeren. Corthin rollte mit den Augen; die Störung kam ihm gar nicht zupass.

Korwyn legte dem Handwerksmeister beschwichtigend eine Hand auf den Arm. „Lass gut sein, alter Freund.“ Und etwas lauter fuhr er fort: „Darf ich vorstellen? Bruder Abelmir, ein guter Freund – und durchaus in das involviert, bei dem wir gerade stehengeblieben waren. Er gehört zu denen, die ich zur Mithilfe ins Vertrauen gezogen habe.“

„Aha.“ Wenn Corthin überrascht war, ließ er es sich nicht anmerken. Andererseits wusste er gut genug, dass Korwyn als Diener Phexens weitreichende Verbindungen innerhalb der Kirche hatte – und eben diesen hatte nicht zuletzt er selbst so manche Einflussnahme auf andere Ratsmitglieder zu verdanken, dass Entscheidungen so ausgegangen waren, wie er, Corthin, es gewünscht hatte.

Der Neuankömmling reichte erst Korwyn, dann Corthin die Hand.

„Und das hier ist Silberfuchs“, sprach Korwyn, um den Ratsherrn vorzustellen. Dann wandte er sich an seinen Mitbruder. „Und, was bringst Du neues?“

„Nicht viel“, erwiderte Abelmir von Krugelberge. Die Unruhe in der Stadt legt sich zwar langsam, aber es sind doch viele verunsichert; was ich durchaus verstehen kann. Tatsache ist aber, dass insbesondere die Pöbeleien vor dem Efferdtempel und Ingerimms Halle nicht von den unsrigen angestiftet wurden. Es war ja schließlich nicht gedacht, die Teilnahme an der Sitzung zu verhindern, gell? Aber irgendjemand hat es doch getan. Die Frage ist nur, wer…“

„Wie dem auch sei, wir haben eine gewisse Mitverantwortung an den Ereignissen. Manche sprechen schon von einem Tag der Schande“, konterte Corthin missmutig.

„Die Schande, mein lieber Corthin, liegt im Auge des Betrachters“, erwiderte Korwyn. „Man kann es den Hochgeweihten ebenso als Schande unterstellen, dass sie das Weite gesucht und die Gläubigen in diesen schweren Stunden mit ihren Nöten alleine gelassen haben. Man könnte ihnen dies als ein Zeichen von Arroganz auslegen. Und für uns, meine Lieben, stehen die Karten gar nicht so schlecht: Die Stadtkasse ist prall gefüllt, die Truppen unterstehen uns, und die neben Dir und Odoardo meistgeachtetesten Ratsmitglieder haben die Stadt verlassen. Die Zeit wird zeigen, ob all dies nicht vielleicht doch noch zu einer glücklichen Fügung gereichen mag, auch wenn wir es eben noch nicht wahrhaben wollen.“

„Dein Wort in Phexens Ohren, Korwyn“, entgegnete Abelmir. „Ganz so sicher wäre ich mir da nicht, so gern ich auch Deine Zuversicht hätte.“

Corthin hingegen schwieg. Er hatte seine Zweifel, ob all das ein gutes Ende nehmen würde. In diesem Moment wünschte er sich das Gottvertrauen der beiden Geweihten, dass er als einfacher Gläubiger derzeit wohl nicht hatte. Doch wenn es in diesen Zeit der Gottverlassenheit eine Kirche in der Stadt gab, die geschickt darin war, Dinge nach ihrem Gusto zu lenken, dann war es die des göttlichen Fuchses – und er damit schon einmal auf der richtigen Seite…