Nicht nur Potenz

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Dramatis Personae:

Königsstadt Puleth, 24. Praios 1025 BF

Lässig hockte der rothaarige Mann auf dem umgefallenen Baum, dessen Moos völlig vertrocknet war. Mit einer feinen Stahlklinge schnitzte er an einem kurzen geraden Zweig herum, der bereits gut als zukünftiger Bolzen erkennbar war. Er saß im Schatten der kleinen Baumgruppe und war sicher, nicht gesehen zu werden.

Immer wieder fiel sein Blick auf das Geschehen in seiner Nähe, dort wo die Baustelle des Siegestempels gut einsichtig war und wo gerade eine nicht gerade kleine Zahl von Adligen in feierlichem Ernst in einem großen Kreis versammelt standen. Der Wind wehte die Stimmenfetzen zum Agenten herüber, viel war die Rede von Praios und dem Reich und der ritterlichen Ehre. Der Rotschopf gähnte.

Ein leises Knacken hinter ihm ließ ihn umfahren und instinktiv zu seiner geladenen Armbrust zu seinen Füßen greifen. Zwei hochgewachsene Gestalten in leichter Reisekleidung traten an ihn heran; der eine spöttisch lächelnd, der andere bar jeden Ausdrucks.

»Na, Perval, was gibt’s denn heute zu sehen?«, fragte der Mann mit dem mächtigen Vollbart.

»Mh. Adelsversammlung«, grummelte der Scharfschütze und widmete sich wieder seinem Bolzen. »Und was bei den Zwölfen habt ihr hier zu suchen?«

»Der Alte war der Meinung, dass hier zusätzlicher Sachverstand hilfreich sei«, erklärte der Mann mit der mächtigen Narbe auf seiner Glatze lakonisch. »Er misst diesem Orden, der sich jetzt hier gründet, wohl Bedeutung bei und will wissen, wer in welcher Funktion hier anwesend ist.«

»Eine Menge Schlächter von Mühlingen jedenfalls, wie mir scheint«, meinte der andere Neuankömmling und lehnte sich gegen einen wilden Apfelbaum, an dem bereits die ersten Früchte reiften. »Mühlingen, Gallstein, Pfiffenstock, Brendiltal. Und noch ein paar kleinere Chargen.«

»Mh. Was der Alte daran berichtenswert findet. Die treffen sich doch eh alle paar Monate auf’s Neue. Erst letztes Mal auf Burg Grünwarte. Da sollen doch auch diese seltsamen sechs Elementarwaffen aufgetaucht sein. Das wäre mal interessant, da genauere Nachforschungen anzustellen.« Der Rotschopf schaute herüber zur Zeremonie am Tempel. »Mich würde es ja wundern, wenn dieses Treffen in die Geschichte eingehen würde. So eine langweile Veranstaltung. Ich habe jetzt schon vergessen, welche gequirlte Goblinscheiße die tapferen Ritter hier vor sich her brabbeln.«

Der Narbenkopf zog seine rechte Augenbraue hoch. »Der Alte wollte sichergehen, dass es hier keine unliebsamen Überraschungen gibt. Die Ereignisse zu Grünwarte vor drei Jahren meint er nämlich, anders als der gutgläubige garetische Staatsrat, auf die Motive einer bestimmten Person hinauslaufen zu sehen, die er für die derzeit gefährlichste Person Garetiens hält.«

»Hat er einen Namen genannt?«, fragte der Rauschebart neugierig.

»Möglich«, entgegnete das Narbengesicht lakonisch. »In jedem Fall hegt der Alte die Absicht, einen Informanten in seine Reihen einzuschleusen.«

»Also, ich habe ja gehört, dass er bereits einen der neuen Agenten auf ihn angesetzt hat. Und zwar einen, den er im Bett seiner Gattin erwischt hat«, teilte der Scharfschütze bereitwillig seine jüngsten Gerüchte, die er in der Sighelmsmark aufgeschnappt hatte.

»Doch nicht etwa den Edlen von Lüstern? Der durch alle Betten der Kaisermark geht?«, fragte der Rauschebart etwas skeptisch zurück. »Kommt mir doch eher unwahrscheinlich vor. Und als Ausbilder kenne ich die neuen Rekruten genau.«

»Doch, doch! Genau den meine ich! Der Alte soll ihm zu verstehen gegeben haben, dass er an der Agentur vorbei sich in das Netz der Spinne begeben und für ihn persönlich dessen Geheimnisse und Pläne in Erfahrung soll. Im Gegenzug würde er darüber hinweg sehen, dass er ihn aus dem Schlafzimmerschrank in Ulmenhain herausgezogen hat.«

»Also wenn das stimmte, dann hätte der Alte besser dem Bengel den Stängel abschneiden sollen!«, lachte der Rauschebart verächtlich. »Ohne ordentliche und fundierte Ausbildung ist das auf jeden Fall das bessere Schicksal.«

»Na ja«, sagte die Narbe nachdenklich, »neulich kam die Rede tatsächlich auf ihn, als wir im kleinen Kreis über die Folgen der Blutnacht von Rommliys sprachen. Lüstern war ja damals als Hausritter des alten Gareth-Sighelmsmark mit dabei. Der Alte meinte sinngemäß, dass der Junge nicht nur Potenz, sondern auch Potential habe.«

»Mh. Vielleicht sollten wir ihn doch tatsächlich anwerben, wenn er über solche herausragenden Fähigkeiten verfügt. Oder was denkt Ihr, Korppenstamm? Man könnte ja so einiges aus dem Jungen machen.«

»Ich werde es mal beim nächsten Treffen mit dem Alten ansprechen, Salderkeim«, erwiderte die Narbe.

Der Rotschopf pfiff leise vor sich hin, und verstaute den Bolzen in seiner Umhängetasche. »Wäre jedenfalls ein Informant, den man sich gut warm halten sollte.«

»Beziehungsweise der die Ehegattinnen seiner Quellen warm hielte«, zwinkerte der Rauschebart. »Aber ehrlich gesagt halte ich jemand ganz anderen für die gefährlichste Person in Garetien.«

»Ach, und an wen denkst du da genau?«

»Ich denke an den ehrgeizigen Edelgrafen aus Perricum. Ihr könnt mich für verrückt erklären, aber ich habe da so eine Ahnung, dass der mit seinem Ehrgeiz noch mächtig viel Unordnung ins Reich bringen wird. Das letzte Mal, als ein Perricumer Graf Ambitionen hatte, ging es dem Kaiserreich danach dreißig Jahre lang sehr schlecht.«

Leise nickten die beiden anderen und schauten schweigend hinüber zur Adelsversammlung.

Im Siegestempel näherte sich die Gründung des Bundes zur Wahrung der praiosgefälligen Ordnung zu Puleth ihrem Ende: Der Anfang zu einem der bedeutendsten Kapitels der jüngeren garetischen Geschichte und der Auftakt zum Zusammenbruch der Ordnung im Raulschen Reich.