Mit unserem guten Namen - Geh mit den Göttern, aber geh

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Alt-Gareth, Alte Residenz, Anfang Peraine 1035 BF

Das alte Gemäuer, von dem aus die Garether Kaiser Jahrhunderte geherrscht hatten, erhob sich dunkel und majestätisch aus dem Schlosspark. Die geschlossenen Brücken aus dem zweiten Geschoss zu den schlanken Türmen in der Parkmauer wirkten wie Haltetrosse für ein riesiges Schiff, das bereit war, in die himmlischen Gestade auszulaufen. Ginaya erschien es aber eher, als wäre die Alte Residenz eine fette Spinne, der man bis auf vier alle Beine ausgerissen hatte. Sie blickte zentralen Turm hinauf, der die Ostfassade des Schlosses in der Mitte teilte. Der alte Bergfried von Gerbalds Festung, der älteste Teil des Gebäudes. Von den Kellergewölben abgesehen. Den Kerkern. Ginaya schluckte.

Sie war nicht zum ersten Mal hier, gewiss nicht. Schon häufig hatte sie die Residenz, die Familie, Festlichkeiten oder das Kaiserturnier hier besucht. Übermütig war sie als Knappin einmal vom Tjostplatz durch den Park hoch zu Ross in den Krönungssaal geritten. Damals hatte sie wohl nur die Verwandtschaft zum Kaiserhaus davor bewahrt, härter bestraft zu werden. Obwohl - keinen Ritterschlag zu erhalten, war schon hart. Wer weiß, wie ihr Leben verlaufen wäre, wenn sie ihre Knappenzeit regelgerecht vollendet hätte? Hätte es dann den Streit mit ihrem Vater gegeben? Die Flucht aus dem Alrikshorst? Die zwei Jahrzehnte der Wanderschaft? Jetzt jedenfalls stand sie hier vor der Alten Residenz als Bittstellerin, herbeibefohlen in die Stunden der Morgendämmerung vom Oberhaupt des Hauses Gareth. In der Schreibstube Storkos brannte bereits Licht, oben im obersten Geschoss des Bergfrieds. Dorthin machte sich Ginaya nun schweren Schrittes auf. Das Ross ließ sie bei ihrem Knappen Moribert von Bleusingk, dem einzigen, der sie nach Gareth begleitet hatte.

Prinz Storko empfing die Burggräfin freundlich in seinem kreisrunden Arbeitszimmer, vom dem aus man einen herrlichen Blick über den Schlosspark auf Nardesheim mit dem Garether Rathaus und der Priesterkaiser-Noralec-Sakrake hatte. Eben begannen die ersten rosafarbenen Sonnenfinger von Praios‘ Himmelsgestirn den Horizont anzuhauchen. Ginaya wandte den Blick aus dem Fenster wieder ab und ihrem alten Verwandten zu. Storko wirkte kräftig - für einen fast Neunzigjährigen. Eigentlich aber erschreckte Ginaya eher, wie alt der Bruder Kaiser Retos aus der Nähe war. Storko setzte sich in einen weichen Sessel nahe dem prasselnden Kaminfeuer. Lampen und Lüster tauchten die Sitzgruppe, den Schreibtisch, die Regale, das hohe Gewölbe in ein gelbes Licht, das seine Gemütlichkeit mit jeder Minute verlor, weil die grelle Helligkeit des aufziehenden Tages die Kerzen lehrte, wer die Meisterin des Lichtes ist.

Ginaya bemerkte, dass sie mit den Gedanken ganz woanders war. Sie hatte den Eindruck auf dem Rücken eines ihrer schnellen Rösser durch die Wüste zu preschen wie weiland, vor über zwanzig Jahren. Glasigen Blicks nahm sie wahr, dass eine weitere Person in der Sitzgruppe Platz genommen hatte. Rechts von ihr saß sogar noch eine dritte. Man hatte sie erwartet zu dieser frühen Stunde, zu dritt. ›Tribunal‹, dachte Ginaya.

»Liebe Ginaya, dein Schreiben hat mich beunruhigt, deshalb habe ich dich hergebeten«, begann Storko und steckte die Hände kreuzweise in die Ärmel seines dicken Hausmantels.

»Danke, Oheim, dass Ihr mich sprecht. Ich setze große Hoffnung, dass Ihr mir helfen könnt.«

Der Schatten im Sessel gegenüber zischte missbilligend, sagte aber nichts. Storko hingegen wiegte leicht den Greisenschädel. Sein Backenbart glitzerte silbern im Licht.

»Ginaya, die Situation ist schimpflich. An meine Ohren sind viele schlimme Neuigkeiten gedrungen. Sehr viele. Ich kann kaum glauben, dass es soweit kommen konnte.«

Ginaya unterbrach ihn: »Dran sind die Bürgerlichen schuld! Sie haben meine Zwangslage ausgenutzt und mich betrogen! Nach dem Stallbrand haben sie mich um die neue Herde betrogen! Rosstäuscher, alle miteinander!«

Storko nickte beschwichtigend: »Ja, das glaube ich auch, Ginaya. man hat dich betrogen, Aber du solltest dich nicht auch noch selbst betrügen: Schuld sind nicht allein die Bürgerlichen, für die du übrigens früher so häufig Partei ergriffen hast, sondern vor allem du selbst. Du hättest als Burggräfin der Alriksmark die Sache früher in den Griff bekommen müssen. Diese ganzen sinnlosen Ausgaben …«

»Wieso sinnlos? Das Gestüt hat doch gute Gewinne abgeworfen! Es hätte auch wieder …!«

»Das ist eine Frage von Investition und Ertrag, Domna Ginaya, davon versteht Ihr nichts!«, warf der Mann rechts von ihr ein. Wie durch einen Schleier erkannte Ginaya Gerwulf von Gareth, den Verwalter des Hausguts der Familie. Kalt setzte er nach: »Das Gestüt aufzubauen, ist eine Frage von Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Ihr wolltet es in einem Herbst erledigt haben - was unmöglich ist. Und zu kostspielig!«

Ginaya spürte in sich den Funken des Ärgers, doch dann fühlte sie sich wieder wie beim scharfen Ritt durch die Dünen der Khom. Von ferne hörte sie sich sagen: »Das begreift Ihr nie, Dom Gerwulf. Ihr benutzt die Pferde nur, Ihr huldigt aber nicht em heiligen Tier der Göttin!«

»Das ist jetzt einerlei, Ginaya. Hast Du die Übersicht über alle Wechsel und Schuldscheine dabei? Ich hatte dich darum gebeten.« Storko hatte die Gesprächsführung wieder an sich genommen.

Ginaya aber schüttelte mit dem Kopf: »Nein, ich besitze eine solche Liste nicht. Mein Gatte …«

Wieder unterbrach Gerwulf sie: »Der Gatte! Oho! Dieser namenlose Bürgerliche mit den durchlässigen Fingern!«

Ginayas Blick klärte sich kurz zornig auf: »Er wurde in den Schuldturm von Alrikshain geworfen! Ihr müsst ihn da rausholen! Die Städter können doch nicht meinen Mann einsperren!«

»Doch können sie und haben sie, Domna Ginaya«, schaltete sich der dritte Mann ihr Gegenüber in das Gespräch ein und beugte sich vor. Ein kleiner Schädel mit hoher Stirn umrahmt von dunklem Haar und einem spitzen grauen Bart: Horulf von Luring. »Euer Gatte muss für alle Wechsel und Schuldscheine einstehen, die er eigenen Namens unterzeichnet hat. So ist das Gesetz.«

»Ja, aber nur solange, bis man ihn wieder rauskauft!«, fuhr Ginaya empört dazwischen. Die Wüste, der Ritt waren jetzt weiter weg.

Stille kehrte ein.

»Ihr wollt ihn nicht rauskaufen? Aber er ist mein Mann! Der Vater meiner Kinder! Er ist auch Familie!« Ginaya war bleich geworden.

»Wir werden nicht, Ginaya. Wir können nicht. Pass auf: Es gibt Wechsel auf seinen Namen, Wechsel auf deinen Namen und Wechsel auf die Alriksmark«, erläuterte Storko sachlich. »Wir werden es so machen: Die Schulden deines Mannes sind seine Sache, darum brauchen wir uns nicht zu kümmern. Die Schulden der Alriksmark lassen sich bedienen, wenn man die Junkertümer Alrikswiesen und Faldras auf sechs Jahre der Stadt überlässt. Deine Schulden aber, Ginaya, sind so hoch …«

Ginaya hörte nicht mehr richtig hin. Sie dachte nur noch an die Freiheit auf dem Rücken eines Pferdes, an den weiten Himmel über der Khom, an den unerreichbaren Horizont. So etwas gab in der Goldenen Au gar nicht!

»… so hoch, dass sie unsere Kassen erheblich belasten würde. Ich habe mit Dom Horulf gesprochen: Gareth und Luring werden deine Kinder von allen Schulden frei halten, damit sie nicht auch noch Schaden nehmen.« Horulf nickte bekräftigend und fügte an: »Immerhin ist Maya die Knappin meines Herrn und Grafen.«

Ginaya legte den Kopf leicht schräg als lauschte sie.

»Du aber, mein Kind, musst deine eigenen Schulden tragen und mit ihren Konsequenzen leben. Da du sie nicht bezahlen kannst und die Krone dir nicht erlauben darf, die ganze Alriskmark zu verpfänden, würde auch dir der Schuldutrm winken.«

»Das Wort ›Turm‹ engte Ginayas Atem ein. Sofort sah sie sich in einem engen lichtlosen Kerker vermodern! Aus diesem Bild flüchtete sie sich sofort in die Wüste zurück, hörte ihren Oheim sagen: »Wir können aber nicht zulassen, dass eine von Gareth – oder von Luring-Gareth – von Bürgerlichen in den Turm gesteckt wird. Hörst du Ginaya? Das geht nicht. Darum habe ich alles arrangiert und meine alten Freund ein Kennntis gesetzt. Du wirst gehen.«

»Wohin?«, fragte Ginaya abwesend.

»Nach Al’Anfa. Dort habe ich Kontakte und Freunde von früher. Auch die Paligans haben Möglichkeiten … Du musst ins Exil.«

»Wann?«

»Jetzt gleich, Ginaya. Hier musst du noch siegeln und unterschreiben, dann geh mit den Göttern, aber geh.«

GG&P-Con 2012 Garetien-, Greifenfurt- und Perricum-Con 2012

Dieser Artikel verweist auf die Handlung des GG&P-Cons 2012.