Mit Samthandschuhen - Balrik sinniert über die letzten Tage

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Burg Perlenblick, am Abend des 24. Ingerimm 1037 BF

Balrik stand auf dem Balkon und betrachtete die Lichter, die in Perricum entzündet wurden um die Nacht fern zu halten. Von der Burg aus hatte man einen atemberaubenden Ausblick auf die Stadt. Viel ist geschehen in den letzten Wochen. Viele Adlige waren hier zusammen gekommen um für die Rondra-Kirche eine Queste zu erledigen und im Anschluß ihren Segen zu empfangen.

Für ihn war das ein willkommener Grund gewesen nach Perricum zu reisen. Denn im Deckmantel der Marschallsqueste konnte Balrik seinen Aufgaben nach kommen ohne daß es gleich zu offensichtlich wurde, warum er wirklich hier war.

Allerdings waren diese Tage für ihn allenfalls ein Teilerfolg, wenn auch ein wichtiger. In einer Aktion, die bis tief in die Nacht dauerte, hatten sie sieben Agenten von Haffax durch Perricum verfolgt. Da sie sich hier nicht auf den Stadtrat und der Stadtgarde verlassen konnten, und auch den markgräflichen Soldaten wäre solch eine Aktion erst nach langen Debatten im Stadtrat zugestimmt worden, hatte sich Balrik entschlossen den anwesenden Adel um Hilfe zu bitten. Er hatte diesen Schritt sehr ungern getan, doch war hier schnelles Handeln gefragt. Er und Alrik Herdan hatten ihnen Beschreibung der Verdächtigen gegeben und zu Balriks Freude, hatte fast jeder mitgeholfen, diese Agenten zu jagen, ob nun persönlich oder auch nur, daß sie ihre Waffenknechte und Gefolgsleute zur Verfügung gestellt hatten.

In diesen Stunden war das Chaos in der Stadt ausgebrochen, es wurden Barrikaden errichtet und die Bürger hatten sich in ihren Häusern verrammelt, während sie durch die Straßen die feindlichen Agenten trieben. Letztlich war es ihnen auch gelungen einige von ihnen gefangen zu nehmen, doch leider nicht alle; unter anderem ist auch dieser "Beißer" entkommen, wie ihn nun manche bereits nannten, einen Kerl mit tiefschwarzen Zähnen, der damit Leute zu Tode beißen konnte.

Balrik erwartete noch Berichte von der Jagd, da noch einige verhört wurden. Er hatte den Adel dazu aufgefordert, gefangene Agenten der markgräflichen Garde zu überstellen, damit sie von seinen und Aldrons Leuten befragt werden konnten, und ihm selbst eventuelle Erkenntnisse mitzuteilen, wenn sie welche herausfanden. Dennoch befürchtete er, daß viele Informationen auf diese Art und Weise hindurchsickern beziehungsweise verloren gehen würden. Doch war es wichtiger gewesen, diese Agenten schnell in Gewahrsam zu nehmen, bevor sie noch größeren Schaden anrichten konnten.

Jedenfalls hatte einer dieser gefangenen Agenten ein Schreiben bei sich, das darauf schließen ließ, daß Helmbrecht von Jungingen, der Adjutant Urions, Kontakt mit eben jenem Agenten hatte. Momentan wußten nur er und Aldron davon bescheid, denn dieser hatte das Schreiben entdeckt. Balrik würde bei nächster Gelegenheit mit Urion sprechen und ihm diese Neuigkeit berichten.

Wenn von Jungingen wirklich ein Spion war, dann durften sie ihn nicht auffliegen lassen. Denn sonst würde Haffax nur einen neuen Spion schicken, der den alten ersetzte, und Balrik konnte mit seiner Suche wieder von vorne beginnen. Doch auf diese Weise wußten sie wer der Spion war und konnten ihn dementsprechend mit Informationen füttern, die Haffax auch erhalten darf; die wirklich wichtigen würde er allerdings nie bekommen.

Balrik seufzte. Doch ich befürchte er ist nicht der einzige Spion, dachte er und blickte wieder auf die nächtliche Stadt von dem er wußte, daß mindestens einer der Stadträte für Haffax arbeitete.

Ihm kam wieder der faustgroße Edelstein in den Sinn, den er durch seine Hosentasche fühlte. Seit er ihn gefunden hatte, trug er ihn nun schon bei sich. Er wollte ihn nicht an einem anderen Ort verwahren, es waren bereits zu viele Menschen wegen diesem Diamanten gestorben und Perricum war in seinen Augen zu unsicher.

Er dachte wieder an das Bankett zurück, an dem die Questteilnehmer willkommen geheißen wurden. An diesem Abend hatte sich vom Horizont langsam ein Schiff genähert. Balrik wußte sofort, daß auf diesem Schiff sein Agent sein mußte, auf den er wartete – denn es wurde durch ein zweites Schiff, eine Dromone ohne Beflaggung, verfolgt.

Denn kurz vor seiner Abreise nach Perricum bekam er eine Nachricht von seinem Agenten in Mendena, der berichtete, daß er einen magischen Gegenstand von äußerster Wichtigkeit sicher gestellt hatte und damit in Begleitung eines Thaumaturgen per Schiff nach Perricum reisen wollte. Außer der Mitteilung, daß Haffax noch lebte, ist nicht viel mehr in der Nachricht gestanden. Jedenfalls war Balrik sofort aufgebrochen. Er wollte sich dieser Sache persönlich annehmen.

Balrik hatte von Anfang an nichts Gutes dabei geahnt und hatte sorgenvoll durch das Fenster gesehen und die beiden Schiffe beobachtet. Obwohl er eine Brieftaube in den Kriegshafen geschickt hatte, mit der Aufforderung sofort ein Schiff raus zu schicken, das die beiden ankommenden Schiffe untersuchen und seinen Agenten in Sicherheit bringen sollte, mußte er hilflos mit ansehen, wie eines der Geschütze vom Okatagon aus das Feuer auf das vordere Schiff eröffnet und es versenkt hatte – das Schiff, worauf sich sein Agent befand! Ein kaiserliches Schiff ist nie ausgelaufen. Wie sich durch eine spätere Untersuchung herausstellte, war die Nachricht nie angekommen. Wieder das Werk eines Agenten? Die Dromone jedenfalls hatte daraufhin abgedreht.

Natürlich hatte das die ganze Festgesellschaft mitbekommen und nachdem er eine kurze Erkärung abgeben hatte (er erklärte lediglich, das sich darauf ein Bote befand, der ihm wichtige Nachricht übermitteln sollte), hatte es einen wahren Ansturm an Freiwilligen gegeben, die bei der Aufklärung dieses Falles helfen wollten.

Balrik hatte sich jeden von ihnen gemerkt. Denn man mußte davon ausgehen, daß auch auf dieser Festgesellschaft ein Spion von Haffax war und es war nahe liegend, daß sich dieser ihm anschließen würde und nicht einem anderen, der einer Queste für die Rondra-Kirche nachging.

Er selbst begab sich mit seinem Trupp auf die Suche nach Strandgut und Überlebende des Schiffes. Denn nach einer Erkundigung in der perricumer Hafenmeisterei hatte er erfahen, daß die Strömung dafür sorgte, daß man an der Küste südlich von Perrium Überreste des Schiffes finden könnte und Balrik wollte versuchen, noch so viel wie möglich vom Schiff zu bergen.

Letztlich gelang es ihm diesen magischen Gegenstand zu sichern, von dem Lechdan in seinem Brief gesprochen hatte und sich nun in Balriks Hosentasche befand. Doch beim Magier, der wußte, wie diese Magie funktionierte, kamen sie zu spät. Offenbar hatte der Thaumaturg den Schiffsuntergang irgendwie überlebt und trieb sich irgendwo im Landesinneren herum, bis er von Haffax´ Agenten aufgespürt und getötet wurde. Und auch Lechdan, sein Agent aus Mendena, ist in Borons Hallen eingetreten. Bei einem Besuch im Kloster Krähenwacht, konnten ihm die Mönche erzählen wie ein Einheimischer eine verbrannte Leiche fand, das angeschwemmt wurde. Der Beschreibung nach war es wohl sein Agent gewesen. Er wurde auf borongeweihte Erde begraben. Mögest du in Borons Hallen Frieden finden, Lechdan. Wer weiß, was du alles in Mendena erlebt hast.

Balrik dachte nochmals an seine Streiter zurück, die sich freiwillig gemeldet hatten. Auf seiner Suche nach Treibgut hatte sich auch ein Boron-Geweihter angeschlossen: Bishdaryan von Tikalen. Wegen eines Hinweises von Selo von Pfiffenstock hatte er auf den Geweihten sogar ein besonderes Augenmerk gehabt. Selo hatte ihm nämlich mitgeteilt, daß Bishdaryan auffällig viele Fragen zu seiner Person und den Tauristar gestellt hatte. Balrik hatte lange überlegt, woher er ihn kannte, denn er glaubte den Geweihten schon einmal gesehen zu haben. Und als er sich wieder erinnert hatte, war sich Balrik nun sicher: Bishdaryan war ein Spion – doch nicht in Haffax´ Diensten, sondern in dem von Ralman Firdayons. Denn er hatte ihn auf der Kaiserhochzeit gesehen, wie er dort ein Gespräch mit dem Comto Protector geführt hatte, und die beiden schienen sich bereits gekannt zu haben. Und war Tikalen schließlich nicht auch ein Ort im Horasreich?

Auch die anderen hatten ihm keine Steine in den Weg geworfen – außer vielleicht Hadrumir von Schwingenfels, der in manchen Situationen mit seinen "hartsteener Methoden" und seinem Schwert vollendete Tatsachen schaffen wollte, wo doch Diplomatie eher angebracht gewesen war. Letztlich hatte aber jeder mitgeholfen. Der donnerbacher Heilmagier Parinor von Schöllenstein half mit einem Zauber den Diamanten zu finden und auch der greifenfurter Baron Brin von Pilzhain war tatkräfitig und hatte gute Ratschläge; ihn ärgerte besonders die Tatsache, daß ihm dieser "Beißer" entkommen war.

Balrik überlegte, ob in Alrik Herdans Trupp ein Spion gewesen sein könnte. Auch er hatte sich freiwillig gemeldet und Balrik hatte ihm mit der Aufgabe betraut in der Stadt Erkundigungen einzuholen, während er auf der Suche nach Strandgut war. Balrik wollte wissen wer in der Stadt den Befehl gegeben hatte auf das Schiff zu feuern. Er hatte Alrik Herdan sogar gesagt, besonders dem Stadtrat gegenüber vorsichtig zu sein, da es einen Hinweis auf einen der Stadträte gab.

Ihm zur Seite stand Elbrecht von Trenck, der erst kürzlich in den Marschallsstab berufen wurde und Almira Streitberger, die Hauptfrau des 10. Banners des Trollpforten-Regiments.

Letztere hatte in Begleitung von Bishdaryan mit Balrik auf dem Bankett ein Gespräch geführt, in denen sie ihm offenbahrten, daß möglicherweise Oberst Wallbrord von Löwenhaupt für Haffax arbeitete. Diese Information hatten sie vom perricumer Ratsherrn Jobdan Borkin. Balrik hatte diese Information zur Kenntnis genommen, doch gleichzeitig in Erwägung gezogen, daß das nur eine Finte der feindlichen Agenten war um einen Keil zwischen sie zu treiben. Zumindest schien Almira ehrlich besorgt gewesen zu sein und auch einen Blick in ihre Akte offenbarte Balrik, daß sie eine hochdekorierte, vorbildliche und loyale Soldatin war, nichts sprach dafür eine Verräterin zu sein – zumindest laut der Akte ...

Auf alle Fälle hatte er Ardo von Keilholtz gebeten ein Auge auf seine Questteilnehmer zu haben und bat ihn auch zu berichten, was auf der Queste des Oberst geschah. Denn er hatte sich der Queste Wallbrords angeschlossen; der Oberst wollte einen Trolltöter im Gebirge jagen. Natürlich hatte er nichts von seinem Verdacht erwähnt. Wie er kürzlich erfuhr, konnten sie diesen Trolltöter stellen und töten, wenn auch mit Verlusten. Die haselhainer Landwehrkommandantin war gefallen, während sie den jungen Selo von Pfiffenstock schützte und auch Nimmgalf von Hirschfurten, der sich ebenfalls dieser Queste angeschlossen hatte, wurde schwer verletzt. Das Schwert des Trolltöters, eines der acht Schwerter der Goldenen Au, beanspruchte nun Ardo für sich.

Balrik merkte, daß er mit den Gedanken abschweifte und dachte wieder an sein Problem zurück. Bei Almira gab es also keine Anzeichen des Verrats. Aber ausschließen kann man es dennoch nicht, bedauerte Balrik. Ich werde in den nächsten Wochen eh vermehrt meine Augen-und-Ohren in Perricum und Umgebung aufstellen müssen.

Und bei den anderen beiden? Alrik Herdan und Elbrecht von Trenck? Ersterer hat sogar Balrik gegenüber ganz im Vertrauen erwähnt, daß er dem neuen Quartiermeister mißtraute. Der Herr von Trenck war offenbar unzufrieden über seinen Stand – er hätte Baron werden sollen, doch wurde es wer anderes – und hatte ein schweres Alkoholproblem. In den Augen von Alrik Herdan ein leichtes Opfer für Versprechungen.

Das würde auch erklären, warum sie in Perricum so wenig heraus gefunden hatten und ihre Gegenspieler so leicht Beweise entfernen konnten – denn offenbar wußten sie wo sie zu suchen hatten – und Alrik Herdan konnte nur noch Originaldokumente auffinden, aus denen Seiten entfernt wurden. Doch konnte man den Spieß auch herum drehen: Was wenn das nicht der Herr von Trenck war, sondern Alrik Herdan?

Jedenfalls hatten sie herausgefunden, daß ein gewisser Weibel Dreyskop den Befehl von einem der Stadträte erhalten hatte, das Feuer auf das Schiff zu eröffnen. Dreyskop selbst wurde später von seinen Auftragsgebern beseitigt. Doch viel mehr konnten sie leider nicht herausfinden; sie konnten lediglich noch erfahren, daß drei der Stadträte mit der Notfallparole Zugang zum Kriegshafen hatten – unter ihnen auch Iodor Marix. Bei diesem stellte sich allerdings im Laufe der Ermittlungen heraus, daß er nicht für Haffax arbeitete – ganz im Gegenteil, dieser war sogar von ihnen entführt worden. Nun gut, es konnte auch eine Finte gewesen sein, doch glaubte Balrik nicht wirklich daran. Und auch Alrik Herdan war der Meinung, daß Iodor kein Verräter war; und das glaubte ihm Balrik. Die anderen beiden waren Odoardo von Quintian-Hohenfels und Corthin Rutaris. Beiden würde er zutrauen insgeheim für Haffax zu arbeiten, doch hatte er keine Beweise. Noch nicht.

Balrik sog die frische Seeluft ein und genoß einen kurzen Augenblick die Stille auf dem Balkon. Er hörte lediglich weit unter sich die Brandung der Wellen, die gegen die Felsen schlugen, und hinter sich durch die Tür leise die Gespräche der Adligen, die noch immer Gast auf der Burg waren. Dort feierte man noch immer den Fund eines alten Helmes, das einst von Kashgar, einem Ahnherrn der Nebachoten, getragen wurde – zumindest laut der Legende.

Balrik warf seinen Blick aber wieder auf die nächtliche Stadt. Perricum ist eine wahre Schlangengrube geworden, empfand Balrik. Er würde mit diesem Jobdan Borkin nochmals sprechen müssen. Vielleicht konnte er erfahren, warum er Oberst Wallbrord verdächtigte?

Und – viel wichtiger – er mußte diesen Edelstein analysieren lassen. Sein erster Gedanke war Anaxios von Ochs gewesen, doch mit seinen Forschungen an diesen Reliefsteinen hatte er eine große Aufmerksamkeit auf sich gezogen und er wollte es nicht riskieren sich an ihn zu wenden. Auch die perricumer Magierakademie schloß er aus; denn durch eine Verordnung des Stadtrates mußte alles, was die Magier bekamen, von einem "unabhängigen" Kontrollgremium untersucht werden. Das hieß, daß der Stadtrat und somit auch der Spion unter ihnen davon Wind bekam. Seine nächste Idee waren die rommilyser Magier. Auf dem Rückweg nach Gareth lagen diese geradezu auf dem Weg.

Balrik hörte hinter sich, wie die Balkontür geöffnet wurde und drehte sich um, um zu sehen, wer gekommen war. Es war Ludilla.

"Herr", sprach sie. "Es wurde eine Spur von diesem Beißer gefunden. Man hat etwa eine Meile nördlich von hier eine Leiche von einem Bergbauern gefunden, die völlig entstellt ist. Offenbar wurde er von einem Menschen zu Tode gebissen. Das muß dieser Beißer gewesen sein!"

"Ja, das klingt ganz danach", meinte Balrik und dachte an den Matrosen, den sie bei ihrer Suche gefunden hatten. Auch er war auf diese Weise getötet worden. "Gut gemacht, Ludilla. Stelle einen Trupp zusammen. Er soll sofort morgen in aller Frühe aufbrechen. Ich möchte, daß er gefaßt wird. Ich werde den Heermeister fragen, ob er uns vielleicht ein paar Männer zur Verfügung stellen kann."

Ludilla nickte und wandte sich wieder ab. Auch Balrik verließ den Balkon um Aldron aufzusuchen.

Doch zuvor suchte er noch Gerion auf. Auch er befand sich zur Zeit auf Perlenblick. Denn er hatte noch eine andere Idee, was den Diamanten betraf. Als er ihn gefunden hatte, führte er ihn in einen leeren Raum und vergewisserte sich, daß sie nicht belauscht wurden.

Er gab Gerion den Diamanten und erklärte ihm in wenigen Worten, was es damit auf sich hatte. "Er muß so schnell es geht gründlich analysiert werden", schloß Balrik und Gerion nickte nur.

"Wird erledigt."

Als Balrik das Zimmer wieder verließ um nun endgültig den Heermeister zu suchen, verschränkte Gerion die Arme vor der Brust und verschwand in einem Lichtblitz.