Mit Ardo zur Tat geschritten

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Ardo vom Eberstamm, Spross des Koscher Fürstenhauses und Burggraf von Ochsenblut, ist für den Herbst in sein prächtiges Stadthaus in Ferdok übergesiedelt. Weil aber diesem aufrechten Recken bisher so wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden ist, berichtet der Bote, wie Seine Edlehochgeboren auf seiner Reise – gleichsam im Vorbeigehen – ein Dorf von einer Plage befreite und einen Fluch brach. Für diesen Bericht stellte die Händlerin Anslieb Emer Kesselstein ihre Aufzeichnungen zur Verfügung.

»(...) Selbstredend schloss ich mich dem wackeren Burggrafen an, als ich im Auftrag meines Vaters die Koscher Wechsel nach Ferdok bringen sollte. Denn heuer sind die Straßen und Wege nicht mehr so sicher, wie sie es einst gewesen, und außerdem soll es ja Räuberbanden im Ferdokschen geben, die nach dem letzten Kreuzer lechzen wie Esel nach der Karotte. So also ritt ich dem alten Rittersmann brav hinterher. Das heißt: Ich ritt neben ihm, denn freilich musste ich ihm zuhören, weil er die ganze Zeit von seinem alten Streitross herab zu erzählen geruhte. Burggraf Ardo ist weit herumgekommen, das muss man sagen, und wer hätte nicht gehört, wie er tapfer in der Ogerschlacht geritten, wie er an der Trollpforte gekämpft hatte und vor den Toren Gareths, als der Himmel über den Köpfen der Hauptstädter zusammenbrach und der Burggraf schwer verletzt wurde? Ich zumindest hatte das meiste davon noch nicht gehört, doch kann ich heute jede dieser Geschichten ebenso gut erzählen wie Burggraf Ardo. Denn ich habe sie oft genug gehört.

Den ersten Schrecken bekam ich in einem kleinen Weiler in den Ländern von Rubreth, als nämlich der Ritter beschloss, der schönen Landschaft wegen die Reichsstraße zu verlassen und lieber durch die Auen der Rakula nach Ferdok zu reisen. ›Sorgt Euch nicht, Jungfer Anslieb‹, sprach Ardo väterlich durch seinen Bart, in dem noch reichlich Mundvorrat vom Morgenmahl klebte, ›Ihr reiset mit Ritter Ardo. Dem ist nur Galottas Festung auf den Kopf gefallen, doch sonst ist ihm nie etwas geschehen! Und sollten die Räuber in der Überzahl sein, dann gebt Eurer Stute nur die Sporen. Ich werde Euren Rückzug decken!‹ Ich folgte ihm dennoch, denn erstens war er mein Schutz und zweitens hatte ich die faszinierenden Geschichten erst einmal gehört und hoffte auf neue.

Der Fluch von Nordingen

Wir trafen keine Räuber, aber der Wald war dicht und dunkel. Mich fröstelte, aber Burggraf Ardo schien die Kälte nichts auszumachen, obwohl er doch dieses rostige Ungetüm von Rüstung trug. Vielleicht war ihm warm von der Anstrengung, die Lanze im Bügel zu halten? Seine schweren Waffen trug ja das Ross, das arme, das ja zudem den bärigen Burggrafen auch noch bewegen musste.

So kamen wir in den Weiler Nordingen, in dem Fuchs und Hase schon vor langem ›Lebewohl‹ gesagt haben. Die Dörfler aber begrüßten uns stürmisch, liefen sie uns doch schon entgegen. Doch es war kein Gruß, den sie brachten, sondern die Warnung: Über die Brücke an der alten Mühle könne man das Dorf nicht betreten. Unweigerlich würde man vom Steg ins kalte Wasser stürzen, von Warzen übersäht, und sich den Hals gebrochen haben, noch ehe man sich über die Warzen hätte ärgern können. Der Burggraf hörte sich das Geschrei der Bauern brummend an. Dann drückte er einem von ihnen die Lanze in die Hand, einem anderen seinen Helm samt traurig-abgezaustem Federbusch und saß ab. ›Gute Leute. Eine Hexe soll die Brücke verflucht haben? Das wollen wir doch einmal sehen! Ha!‹ Und schritt schnurstracks zu der morschen Brücke. Bei meiner Seele: Diese Brücke brauchte keinen Fluch, um lebensgefährlich zu sein, so marode war jedes einzelne Brett! Doch der Burggraf war nicht feige – das war er nie –, sondern hielt nicht inne, obschon die Dörfler ihn fast handgreiflich hindern wollten, die Brücke zu überschreiten und so den Fluch zu brechen.

Ohne Zögern, ohne Vorsicht betrat er die erste Planke – und danach die anderen! Er war schneller drüben, als ich Zeit hatte, heranzueilen. Drüben aber drehte er sich um, kniff die Augen zu, verharrte – die Dörfler standen stumm da und hielten Maulaffen feil – und bellte! ›Wuff, wuff!‹ grollte er, und lachte dann so laut auf, dass die Bauern erst recht zusammenzuckten. ›Seht, ihr tumben Bäuerlein! So schnell bricht Ritter Ardo einen Fluch. Kommt nur alle hinüber, jetzt ist’s ungefährlich.‹ Die Bauern taten wie geheißen und das wahre Wunder geschah: Nicht eines dieser morschen Bretter brach, knackten sie auch alle sehr bedrohlich.

›Ihr müsste wissen, Jungfer Anslieb‹, erklärte mir der Burggraf abends im Gasthaus ›Wehr und Trutz‹, ›mit Flüchen und Geistern kenne ich mich aus. Seit mich der Blutige Ugo von Rudes Schild verdrängt hat, hause ich im zugigen Torhaus des Schlosses Ochsenblut, denn dieses Schloss wird von garstigen Geistern bewohnt und ist verflucht seit mehr Generationen als ich Finger an der hand habe (acht). Da ist so ein Bächleinbrückenfluss doch gar nichts. Gar nichts!‹

Das Ende der Brauntaler Beutelschneider

Über die Rakula zu kommen, erwies sich als einfach. Die Brücke war nicht verflucht, dafür trafen wir Räuber. Das heißt, wir erreichten das Dorf Brauntal, das in einem unansehnlichen – man ahnt es schon – braunen Tale lag. Die Dörfler begrüßten uns ängstlich und hielten den Burggrafen wegen seines ungepflegten Erscheinung zunächst für einen Raubritter. Als sich dieser aber höchstselbst als ein wackrere Held und Verwandter des guten Fürsten Blasius vorstellte, da fassten sie Vertrauen: Eine Bande rotzfrecher Lümmel hätten vor Wochen die Sense gegen das Schwert getauscht und würden die Reisenden überfallen und ihnen das rote Gold abnehmen. Und da es hier so gut wie keine Reisenden gebe, würde die Bande die Dörfler schikanieren und sich aufführen wie die Galotteska in Gareth. Das wollte der Burggraf nicht gern hören und wieder brummte er in seinen dichten Bart. Auf der Hatz sei die Bande gerade, nur darum hätte sie den Burggrafen – und mich! – noch nicht erschlagen. Wir warteten also, bis die verschreckten Dörfler die Ankunft der Wegfelagerer ankündigten.

Burggraf Ardo gürtete das Schwert, setzte den Helm auf, nahm die Ogerschelle in die Rechte und ging der Bande entgegen. Ganz allein! Ich schlich hinter ihm her – wie auch der Rest des Dorfes –, doch keineswegs, um ihm den Rücken zu stärken, sondern nur des besseren Blickes wegen. Da waren sie: Zehn Burschen mit zusammengestoppelten Rüstungen, zusammengeklauten Waffen und zusammen nicht mehr wert als Großvater Adhemars Schaukelstuhl (an dem er starb; an, aber auch in).

›Sapperment!‹, rief der Burggraf da. ›Da hol mich doch der Höhlendrache! So eine Schweinerei!‹ Er überreichte mir aus seiner mit Eisen beschuhten Hand in meine zarten Finger die Ogerschelle und schritt spornstreichs auf die Bande zu. Die sahen ihn mit großer Verwirrung nahen: Ein Berg von einem Ritter, den Eberstammer Eber auf der Brust, mit der Anmutung eben des vorhin erwähnten Höhlendrachen. Zwei von den Burschen zogen die Schwerter, die anderen starrten erstarrt. Der Burggraf aber hielt nicht inne, entwand dem einen das Schwert, griff sich des anderen, warf sie in hohem Bogen weg, verteilte hier und das eine Maulschelle, wie sie die Ambossberge seit mehr als achte Generationen nicht gesehen haben, und schickte die Räuberbande fort: ›Ab, ihr Lausejungen! Kehrt sofort zurück zu euer Eltern Haus! Eure Mutter wird sich sorgen, der vater Tränen weinen, weil ihr dem Herrn Praios seine guten Tage stehlt! Hurtig denn! Du auch!‹

Nicht anders als ich in Kinderjagen die Hühner scheuchte der Burggraf die Räuber und befreite Brauntal von seiner Geißel.

Bis Ferdok erlebten wir nichts Aufregendes mehr, ich hingegen prägte mir die Geschichten gut ein, um an den richtigen Stellen lachen zu können, und verabschiedete mich von diesem bemerkenswerten Burggrafen höflich nach unserer Ankunft.

Zur Person:

Ardo vom Eberstamm (geb. 975 BF) ist Burggraf der Kaiserlichen Mark Ochsenblut bei Gareth und gehört in dieser Eigenschaft dem garetischen Zedernkabinett an. Als dienstältester Burggraf hat Ardo Herrscher kommen und gehen sehen und sich in vielen Schlachten als ritterlicher und wackrere Streiter verdient gemacht. Sowohl Reichsregentin Emer als auch Kaiserin Rohaja schätzen des Burggrafen Rat, gerade weil er schnörkellos und ehrlich zu sein pflegt, wie es der Burggraf selbst ist. Da in seinem Lehen die ›Goldene Lanze‹ soviel Platz benötigt und Ardos Schloss nicht bewohnbar ist, begibt er sich häufig und oft für Monde in sein prächtiges Stadthaus nach Ferdok, wo er als Vetter des Fürsten ein gutes Auskommen hat.