Kumpanenhatz - Rauch im Nebel

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Baronie Tannwirk, Im Boron 1038, nur wenige Tage nach den Ereignissen bei der Drachenmagd-Schänke

Der Spätherbst war über Waldstein gekommen. Die letzten goldenen Tage waren mit Sicherheit schon vergangen und nur noch eine wertvolle Erinnerung für den kommenden Winter. In Zeiten, wenn die Herbststürme abflauten, um neue Kraft zu sammeln, erhob sich der Nebel wie ein hungriges Raubtier vom Boden und umstrich lauernd ein jedes Haus und Gehöft. So umwallten auch in dieser Nacht dichte Nebelschwaden das Gut Grodanshof, drängten gegen das eine noch erleuchtete Butzenglasfenster, scheinbar nach einer Schwachstelle suchend.

Im Licht einer einzelnen Bienenwachskerze studierte Alrik Herdan von Prailind den auf dünnem Papier geschriebenen Brief. Der würzige Duft der Kerze erfüllte den Raum. Ein leises Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.

„Herr? Ich habe Licht gesehen...“, Gerding von Gesselingen, sein treuer Verwalter, betrat das Zimmer. „Herr, Ihr solltet wirklich nicht die ganze Nacht über den Papieren brüten, das schadet den Augen. Wann ist dieser Brief eigentlich angekommen?“

Alrik Herdan faltete den Brief zusammen. „Er hat mich tatsächlich recht spät erreicht. Aber manche Botschaft duldet keinen Aufschub. In der Drachenmagd-Schänke wurden einige, und ich zitiere hier, finstere Gesellen, gesehen.“

„Vermutlich Schmuggler, Herr. Achja, die Drachenmagd-Schänke, ich erinnere mich noch wie heute daran. Dort auf dem Heuboden habe ich meine Unschuld verloren, ach die Jugend...“

„Du warst doch nie unschuldig, alter Freund!“ Ein Lächeln umspielte Alrik Herdans Mundwinkel. „Aber im Ernst. Das gefällt mir nicht. Ein, zugegebenermaßen wohl recht betrunkener Zeuge will auch den Namen eines gewissen Reichserzverräters gehört haben. Des weiteren wurde im Süden der Baronie ein toter Landstreicher gefunden. Es war bloßer Zufall, dass er entdeckt wurde. Aber sofern seit neuestem an herabstürzenden Ästen keine Dolchklingen wachsen, wurde er ermordet.“

„Das klingt tatsächlich beunruhigend. Soll ich nach Marek schicken?“

„Ja, aber das hat bis morgen Zeit. Ich werde noch zwei Brief aufsetzen und für dich bereit legen. Sorge dafür, dass sie schnell und sicher zu den Adressaten gelangen. Gute Nacht, Gerding.“

„Gute Nacht, Herr.“ Gerding verließ das Zimmer.

Alrik Herdan dachte noch einen Moment nach, schrieb dann in schneller, sauberer Schrift einen Brief, adressierte und siegelte ihn.

Als er den zweiten Bogen Pergament nahm und erneut die Feder ansetzte, musste er schmunzeln. „Stets der Zweite.“ Dann schrieb er:

Euer Hochgebohren Nimmgalf von Hirschfurten,

Wie ich gerade erfuhr, seid ihr wieder im schönen Waldstein und stattet Leihenbutt einen Besuch ab. Ich halte dies für mehr als einen glücklichen Zufall. Eingedenk der von uns gemeinsam durchlebten Abenteuer, in Leihenbutt und andernorts, wäre es mir eine große Ehre und Vergnügen, Euch bei mir willkommen zu heißen. Wir können auf alte Zeiten anstoßen und vielleicht hättet Ihr auch die Güte, mir mit Rat und Tat beizustehen bei einer Angelegenheit, die mir von durchaus nicht zu vernachlässigender Relevanz erscheint. Solltet Ihr Euch entscheiden, meine Einladung anzunehmen, so erwarte ich Euch alsbald auf Gut Grodanshof.

Mit aller Ehrerbietung,

Alrik Herdan von Prailind

Nachdem er auch dieses Brief gesiegelt und beide Brief für Gerding bereit gelegt hatte, trat Alrik Herdan ans Fenster. Noch immer war die Nacht trunken von Nebel und als er das Flügel öffnete schoben sich zarte Dunstfinger tastend in den Raum und ließen die Kerze auf dem Fenstersims flackern. Er ergriff den Brief aus dünnem Papier, der noch immer gefaltet auf dem Schreibtisch lag. Langsam, fast andächtig hielt er eine Ecke des Papiers ins Feuer. Gierig fraßen sich die Flammen durch die Botschaft und ließen nichts als Asche zurück. Die schmale Rauchfahne verwehte ungesehen. Nur Rauch im Nebel.