Keine Ehe ohne Vertrag!

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Elissa vom Berg befand sich gerade auf dem Rückweg von einem Ausritt im Umland von Burg und Weiler Mallvenstein. Die Baronin genoss es, bei gutem Wetter alleine auszureiten, immer neue Winkel ihres Lehens zu erkunden und es dadurch besser kennenzulernen. Im Laufe der Zeit hatte sie zu ihrem Erstaunen festgestellt, wie sie nicht nur mehr und mehr das Leben in ihrer dünnbesiedelten Baronie zu schätzen begonnen hatte, sondern umgekehrt in gleichem Maße das hektische Treiben in der Reichsstadt Perricum immer weniger vermisste. Vellberg war für Elissa mittlerweile weit mehr als ein Lehen; es war ihr Zuhause, ihre Heimat geworden.
Die Ausflüge nutzte die beurlaubte Offizierin auch, um über allerlei Dinge nachzudenken oder einfach, um zu entspannen. Nicht selten kehrte sie von ihren Ausritten in leicht melancholischer aber gelöster Stimmung zurück. In letzter Zeit wirkte sie jedoch zunehmend unruhig. Seit gut einer Woche weilte ihr Kastellan Norholt von Rickenberg in der Reichsstadt Perricum, um dort, gewissermaßen auf ‚neutralem Boden‘, mit Ginaya von Alxertis die Modalitäten für die geplante Vermählung zwischen der Baronin und Ginayas Sohn Sequim auszuhandeln. Über ein Scheitern der Verhandlungen dachte Elissa nur ungern nach; sie mochte Sequim sehr und es wäre in ihren Augen mehr als schade, wenn ein Traviabund mit ihm an zu hohen Forderungen seiner Mutter scheitern sollte. Kurz verfluchte die Baronin ihren Stand, der Ehebünde mehr im Geiste Phexens denn dem der Herrin Travia zu schließen schien, dabei noch über kleinste Nebensächlichkeiten erbittert feilschend. Elissa musste sich bei diesem Gedanken kurz schütteln. Nicht zum ersten Mal schien es ihr, dass sie als Baronin weit weniger frei und unabhängig war, wie zuvor als kleine Edle und Offizierin.
Mittlerweile hatte die in ihren Gedanken versunkene Frau Burg Mallvenstein erreicht. Noch leicht geistesabwesend stieg sie vom Pferd und drückte dessen Zügel einem herbeigeeilten Stallburschen in die Hand. Sie wollte sich gerade zu ihren Gemächern begeben, als ein weiterer Bediensteter auf sie zukam:

„Verzeiht, Euer Hochgeboren. Herr Norholt ist vor gut einer Stunde zurückgekehrt und würde euch gerne seine Aufwartung machen.“

Ein Ruck ging durch die Baronin. Für einen kurzen Moment war sie voller Ungeduld versucht, umgekehrt ihren Verwalter sofort aufzusuchen und sich von ihm berichten zu lassen. Sie besann sich jedoch rasch wieder auf ihre zuweilen immer noch ungewohnte Stellung als Baronin, für die ein solches Verhalten wohl unangemessen wäre. „Der Diener kommt immer zum Herrn und nicht umgekehrt“, hatte Elissas Vater Wallbrord ihr mehr als einmal eingeschärft. Dieser Ausspruch entbehrte zwar nicht einer gewissen Arroganz, hatte aber in Adelskreisen durchaus seine Berechtigung, wie die Offizierin einräumen musste.

„Gut“, entgegnete die Adlige, „teilt Herrn Norholt mit, dass ich ihn in einer Stunde in meinem Arbeitszimmer zu sehen wünsche.“

Ziemlich genau eine Stunde später meldete sich der Kastellan bei seiner Herrin, die alle Mühe hatte, sich ihre Neugier und Ungeduld ob der erzielten Verhandlungsergebnisse nicht anmerken zu lassen.

„Wenn Euer Hochgeboren erlauben, möchte ich gleich zum Wesentlichen kommen.“

Elissa war in dem Moment froh, einen zwar farblosen dafür aber fähigen und sehr pflichtbewussten Verwalter zu haben, dem darüber hinaus auch jeder Sinn für den Austausch übermäßiger Höflichkeiten oder gar Plaudereien zu fehlen schien.

„Gut, soll mir recht sein. Ich höre.“

„Vorweg: Es ist mir, vorbehaltlich Eurer abschließenden Zustimmung, gelungen, mit der ehrenwerten Frau Ginaya von Alxertis eine Übereinkunft zu erzielen, von der ich denke, dass auch Ihr sie zumindest annehmbar finden werdet.
Ich fasse mich kurz. Als Gegenleistung für ihre Einwilligung in eure Vermählung mit Herrn Sequim soll die bisher vakante Herrschaft Westhang in ein erbliches Junkertum umgewandelt und Frau Ginayas Verwandter Timor dort als Junker eingesetzt werden.
Daneben haben wir uns darauf verständigt, dass beide Eheleute, also Ihr und Herr Sequim, ihre derzeitigen Familiennamen auch nach der Vermählung weiterführen können. Sollte Euer Bund mit Nachwuchs gesegnet sein, so wird dieser allein Euren Namen, also ‚vom Berg‘, tragen, gewissermaßen ein immaterieller Ausgleich für die Neuvergabe Westhangs. Ferner sichern beide Seiten einander zu, ihre bisherigen Tätigkeiten – Ihr als Offizierin im markgräflichen Heer, Herr Sequim als Archivar am Hofe seiner Erlaucht – uneingeschränkt weiter ausüben zu können, so sie dies wünschen. Daneben gibt es noch einen eher abstrakten Punkt, nämlich, dass beide Parteien einander und ihren Anliegen stets wohlwollend begegnen und sich hierbei im Rahmen ihrer Möglichkeiten unterstützen. Die genauen Formulierungen könnt Ihr dem gemeinsamen Entwurf des Ehevertrages entnehmen.“ Mit diesen Worten überreichte Norholt seiner Herrin eine Dokumentenmappe.

Elissa hatte aufmerksam zugehört und im Geiste bereits die erzielten Ergebnisse bewertet. Der faktische Verzicht auf Westhang war einerseits schon ein Wermutstropfen, andererseits war der Baronin bereits im Vorfeld klar gewesen, dass sie den Alxertis schon etwas ‚Handfestes‘ als Gegenleistung für ihre Einwilligung bieten musste, hatte die Baronin außer ihrem wohlklingenden Familiennamen doch nur wenig, das sie als Verhandlungsmasse in die Waagschale hätte werfen können. Nein, eigentlich weniger als wenig, gestand sie sich widerwillig ein: Vellberg war arm und sie eine Bastardin ohne nennenswerte Beziehungen, Baronin hin oder her. So sah es nun einmal aus.
„Ich danke Euch sehr für Eure Mühen, Norholt“, erwiderte Elissa lächelnd. Ich werde mir den Entwurf, gewissermaßen als Nachtlektüre, nachher noch einmal in aller Ruhe zu Gemüte führen und Euch dann morgen meine Entscheidung wissen lassen.“

„Wie es Euch beliebt, Euer Hochgeboren. Wenn Ihr erlaubt, zöge ich mich nun gerne zurück.“

Mit einem knappen Nicken entließ ihn die Adlige.

Nachdem sie sich den Vertragsentwurf am Abend und in der Nacht gleich mehrmals gründlich durchgelesen hatte, musste Elissa konstatieren, dass ihr Kastellan in den Verhandlungen mit Ginaya wohl das Maximum herausgeholt hatte; eine Einschätzung, die ihren gestrigen ersten Eindruck von den Verhandlungsergebnissen bestätigte. Die Punkte bezüglich gegenseitiger Unterstützung und Wohlwollens beunruhigten die Baronin nicht, dazu waren sie, gewiss absichtlich, zu unpräzise formuliert worden, als dass sie sie zu irgendwas Konkretem verpflichteten – sicherlich auch ganz im Sinne ihrer zukünftigen Schwiegermutter, welche sich wohl ebenso wenig ohne Not zu etwas verpflichten mochte, was nicht ganz und gar in ihrem Sinne wäre.
Ihr Frühstück nahm die leicht übermüdet wirkende Baronin ausnahmsweise gemeinsam mit ihrem Verwalter ein; ein passender Anlass, um ihm ihre Entscheidung mitzuteilen.

„Nachdem ich mir Euren Entwurf diese Nacht mehrmals zu Gemüte geführt habe, möchte ich Euch mitteilen, dass ich gewillt bin, ihn ohne weitere Änderungswünsche zu akzeptieren. Ich beglückwünsche Euch daher für Eure Arbeit, die ich sehr zu schätzen weiß.“
Sie überreichte Norholt die Mappe mit dem unterzeichneten Entwurf und fuhr fort: „Die Vermählung findet am 25. Tsa allerdings hier auf Mallvenstein statt, das möchte ich mir dann doch ausbedingen.“

„Ich werde es so weitergeben, Euer Hochgeboren. Darf ich nach dem Grund für Eure Entscheidung fragen?“

„Ihr dürft. Offiziell: Mein zukünftiger Gemahl und seine Familie sollen schon bei der Schließung des Traviabundes die Schönheit Vellbergs kennenlernen. Und da bietet der Tag des vom Volke so inniglich gefeierten Halmans-Festes den perfekten Rahmen. Inoffiziell: Ich möchte möglichst wenig von diesen nutzlosen und aufgeblasenen Stadtadligen und Patriziern bei meiner Hochzeit sehen. Über mich herziehen werden sie so oder so, das ist mir klar. Da muss ich sie nicht auch noch bei mir beherbergen und durchfüttern. Es reicht schon, dieses Pack allein der Höflichkeit halber einladen zu müssen.“

Norholt konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. „Ich verstehe, Euer Hochgeboren. Es leben die Schönheit Vellbergs und die Abgeschiedenheit Mallvensteins!“