Keilholtzer Neuordnung - Alte Zweige

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Greifenfurt, Anfang Rondra 1036 BF

Nachdenklich betrachtete Ritter Wulfhart das Fachwerkhaus vor dem er stand. Wie bei so vielen Häusern der Reichsstadt sah man hier und dort vom Ruß geschwärzte Balken, doch der Großteil des Gebäudes schien nach der Vertreibung der Schwarzpelze neu errichtet worden zu sein. Auch das Werk war ringsum frisch getüncht. Über der Eingangstür hing das Wappen der Familie Hundsgrab-Bugenbühl und zeigte unmissverständlich an, wem der Herr des Hauses sich zugehörig fühlte. Trotzdem, oder gerade deswegen, wollte Wulfhart ihn sprechen.

Der Keilholtzer trat an die schwere eicherne Tür und kopfte ein paar Mal mit der gepanzerten Faust dagegen. Schon nach wenigen Augenblicken wurde der Sehschlitz geöffnet und gleich darauf schwang die Tür nach innen auf. Ein älterer Knecht verbeugte sich artig, bleib aber in der Tür stehen, sodass Wulfhart nicht an ihm vorbei konnte.

"Hoher Herr. Was ist Euer Begehr zu dieser späten Stunde?"

"Ich wünsche seine Wohlgeboren Lucardus zu sprechen, wenn dies keine größeren Umstände bereitet."

Der Diener warf einen zweiten Blick auf Wulfharts Waffenrock und trat dann beiseite. "Der Herr und seine Gemahlin haben gerade ihr Abendmahl beendet. Bitte folgt mir in die Stube."

Sie gingen den Flur hinab und stiegen an dessen Ende eine schmale Treppe hinauf. Im oberen Stockwerk angekommen sah sich der Ritter kurz um. Der Diener verschwand in einem Raum am anderen Ende des Ganges, aus dem flackerndes Licht und leise Stimmen drangen. Nur wenige Augenblicke später wurde Wulfhart hereingebeten. Lucardus und seine Frau Frumhilde saßen in zwei gemütlichen Lehnsesseln am Kamin. Der Bedienstete trug aus einer Ecke einen gepolsterten Stuhl herbei und auf einen Wink des Gastgebers hin nahm Wulfhart Platz.

"Wulfhart, mein junger Freund", begann Lucardus mit vom Alter brüchiger Stimme zu reden. "Was führt dich zu dieser späten Stunde zu mir?"

"Ich danke dir, dass du mich heute noch empfängst, Großonkel. Bitte verzeiht, dass ich eure Nachtruhe störe, doch ich werde morgen in aller Frühe die Stadt wieder verlassen und wollte die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen", fügte er an Frumhilde gewandt hinzu, die seine Entschuldigung mit einem gnädigen Nicken akzeptierte. "Es gibt da eine wichtige Sache unsere Familie betreffend, die ich so schnell als möglich mit dir besprechen wollte, Onkel."

"Wenn du die Brut im Finsterkamm meinst von der abzustammen ich das Missvergnügen habe, so weißt du, dass keine Nachrichten für mich gute Nachrichten sind." Lucardus' Züge nahmen den Hauch von Verärgerung an, wobei Wulfhart das bei der Menge an Falten in seinem runzligen Gesicht nicht so genau interpretieren konnte. Frumhilde tat ihr Missfallen über das Thema nicht laut kund, doch die plötzlich zu schmalen Strichen zusammengepressten Lippen sprachen Bände.

"In diesem Fall vielleicht doch. Du sollst wissen, dass Bogumil nicht länger Herr des Hauses ist."

"Hat Boron endlich Gnade mit den Lebenden gezeigt und meine Neffen zu sich berufen?"

"Das nicht, auch wenn ihm das vielleicht lieber gewesen wäre." Wulfhart gönnte sich ein hintersinniges Lächeln. "Aber es verhält sich so, dass sich alle anderen Zweige des älteren Hauses dafür ausgesprochen haben ihn abzusetzen. Seine fragwürdigen Entscheidungen waren für die Familie letztlich nicht mehr tragbar."

"Seid ihr also endlich schlau geworden. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet." Mit nun deutlich entspannter Miene lehnte sich der alte Mann in seinem Sessel zurück. "Das sind doch tatsächlich einmal gute Neuigkeiten. Unerwartet, ohne Frage, aber gut. Wer ist denn das neue Familienoberhaupt, wenn ich so neugierig fragen darf?"

"Das bin ich." Wulfhart sagte es ohne Stolz. Noch immer war ihm die neue Verantwortung für die Familie mehr Bürde als Freude. "Da wir Bogumil und seine Linie ausgeschlossen haben und mein Vater in Wehrfelde sein Leben ließ, bin ich nun der älteste Keilholtzer Erbe im Mannesstamm und nach Familienrecht das Oberhaupt des älteren Hauses."

"Na dann gratuliere ich dir. Ich bin davon überzeugt, dass du der Familie besser dienen wirst als mein Neffe."

"Das habe ich vor. Tatsächlich habe ich vor, der seit Generationen andauernden Selbstzerfleischung des Familie Keilholtz einen Riegel vorzuschieben." Ernst sah Wulfhart erst Frumhilde und dann seinem Großonkel in die Augen. "Ich nehme hier und jetzt den Bann zurück, den dein Bruder Odilon damals über dich ausgesprochen hat. Du, deine Frau und eure Söhne seid herzlich willkommen in den Schoß der Familie zurückzukehren."

Für einen langen Moment herrschte unangenehme Stille im Raum, nur unterbrochen vom Knistern der Scheite im Kamin.

"Warum sollten wir das wollen, Wulfhart?" Als Lucardus sprach, schwang eine Spur von Trauer in seiner Stimme mit. "Frumhildes Familie hat mich damals mit offenen Armen aufgenommen, als meine eigene mich verstieß. Die Bugenbühls gaben mir eine Aufgabe, ein Auskommen und nicht zuletzt ein Heim für meine eigene kleine Familie. Selbes gilt für meine Söhne. Markwart ist Marktvogt in Pechackern und Carolan wird in nicht all zu ferner Zuklunft meine Geschäfte übernehmen. Wir tragen den Keilholtz zwar im Namen, aber gehören wir deswegen noch zu ihnen?"

"Die Wunden der Vergangenheit wiegen zu schwer, das hatte ich befürchtet." Sinnend blickte Wulfhart ins Feuer. "Es ist bedauerlich, dass die Streitigkeiten der Vergangenheit einer großen gemeinsamen Zukunft im Wege stehen. Sicherlich mögen wir den Finsterkamm verloren haben, aber dafür haben wir Eslamsroden Kressenburg gewonnen. Ein guter Tausch letztlich. Doch jetzt gilt es diesen Vorteil für die Familie zu sichern, da brauchen wir jeden Keilholtz, den wir an eine verantwortliche Stelle setzen können, jeden Ritter der in unserem Namen Wort und Schwert führt."

Bedächtig wiegte der Greis den Kopf. "Ich bin zu alt mir noch einmal eine neue Familie zu suchen und werde mein Leben so beschließen wie es ist. Meine Söhne werde ich aber von deinem Angebot in Kenntnis setzen. Sie sind wahrlich alt genug zu wissen was sie wollen und sollen ihre Wahl selbst treffen. Wisse, dass ich immer gut dir und den Deinen gesprochen habe, Wulfhart. Wie Markward und Carolan sich auch entscheiden mögen, sie haben meinen Segen. Doch ich fürchte, dass dieser Zweig für dich verdorrt ist."

Der Gast ließ sich ein paar Minuten Zeit das Gehörte zu verdauen. Sicherlich hatte er mit einer ablehnenden Antwort gerechnet, gar mit einer viel schrofferen. Trotzdem war er tief enttäuscht und wollte nicht, dass sein Gegenüber dies mitbekam. "So sei es. Wie auch immer deine Söhne sich entscheiden mögen, gib mir bitte Bescheid wenn du es weißt. Wir haben in Kressenburg Aufgaben die auf fähige und vertrauenswürdige Männer wie sie warten." Der Ritter klopfte sich auf die Knie und erhob sich langsam. "Ich danke euch nochmals für eure Zeit. Frumhilde, Lucardus." Artig verbeugte er sich vor den alten Eheleuten. Aus einem Nebenzimmer war der Diener wie gerufen wieder zur Stelle und geleitete ihn zur Tür hinaus.

Als er vor dem Stadthaus der Bugenbühls auf der Gasse stand, erblickte Wulfhart das Madamal hoch am Himmel. Es war später geworden als er es beabsichtigt hatte. Aufmerksam sah er sich um, ob er in den Seitengassen nicht irgendwelches Diebesgesindel lauern sah, dann schritt er eilig aus und machte sich auf den Weg zurück zum Grafenhaupt.