Kaiserturnier 1041 BF - Aal und Plötze

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Leanna war gedanklich noch auf der Herreise. In jüngster Vergangenheit mochte reisen durch die Bredenhager Lande durch das lodernde Feuer einer ausufernden Fehde zwischen den Häusern Stepahan und Riunad erschwert gewesen sein – vor allem für eine Gefolgsfrau der Stepahan – aber zum Ende des Jahres hin hatten sich die Wogen geglättet und so hatte es sich die Edle aus Tommeldomm nicht nehmen lassen, auf rondragefällige Pilgerfahrt gen Gareth zu ziehen, wo sie nicht nur den Kopf freibekommen, sondern auch ein wenig Gold mit nach Hause zu nehmen gedachte. Ihr kleines Lehen am unteren Gemharlauf hatte unter der Fehde arg gelitten, es war Schauplatz einer Schlacht gewesen, das Dorf zu Füßen ihrer kleinen Motten von Söldlingen verheert worden. Außerdem war ihr Gatte zu Boron gefahren, nachdem sie sich mit der Drohung, den Edlengemahl hinzurichten, von diesem ehrlosen Söldnerpack nicht hatte erpressen lassen wollen. Letzteres eine rein rationale Entscheidung. Trotzdem fragten sich wohl nicht wenige, ob die Edle von Unkengrund wirklich ein so kaltes Herz besaß. Gefühle aber waren etwas, was zum einen Leanna und ihren Gemahl insgeheim niemals verbunden hatte und außerdem etwas, was in einem blutigen Krieg keinen Platz fand. Die Ritterin bedauerte nur, dass man sie seitdem für besonders abgebrüht hielt. Vielleicht war sie das auch, aber verdammt, hätte sie denn wirklich eine ganze Stadt und deren unschuldige Bewohner – Kinder, Alte, Frauen – sich selbst und ihre tapferen Mitstreiter opfern sollen für einige wenige Leben, die es zu verschmerzen galt? Nein. Selbst, wenn sie Jarwain geliebt hätte, hätte sie seinen Tod in Kauf genommen für die Pflicht, die sie gegenüber ihrem Landesherrn zu erfüllen hatte. Die Baronie sollte nicht in feindliche Hände fallen. Leanna hatte für dieses Ziel alles gegeben und noch mehr verloren. Drum ward dieser kleine ‚Ausflug‘ nicht nur eine willkommene Abwechslung, die Luftveränderung nicht nur wortwörtlich zu betrachten, sondern auch eine Chance, Abbitte zu leisten. Vor Praios, Rondra und ja, vielleicht auch vor Travia.

Die Namenlosen Tage hatten sie und ihre beiden Begleiter abwechselnd in einem der Garether Tempel oder im gemeinsamen Gebet bei den Pferden im Stall der Herberge verbracht, wo die drei Bredenhager untergekommen waren. Sie waren eine kleine Gruppe, nur eine Ritterin, ihr Knappe und ein Waffenknecht. Ihren treusten Gefährten – den Edelknecht Ulfert, der früher ein Knappe ihres geschätzten Herrn Vaters gewesen war – hatte Leanna auf Glennbarr zurückgelassen, damit die kleine Höhenburg während ihrer Abwesenheit nicht unbemannt war, drum war der Knecht Beradwin bei ihr und Leanna hatte ihn unter anderem damit beauftragt, nach geeignetem Waffenvolk Ausschau zu halten, das unter ihrem Kommando in den albernischen Heckenlanden Dienst tun wollte. Auch deswegen zog es die Edle auf das Turnierfeld. Wieder einen zweiten Ritter im Lehen zu wissen war erstrebenswert. Ihr letzter hatte im Farindel bei einem Scharmützel das Leben gelassen und seitdem war auch Leannas Bett kalt – was die Edle fast mehr bedauerte als den Tod des ungeliebten Gatten.

Nun hatten Leanna eben die Anmeldungspflichten hinter sich gebracht und steuerte in Begleitung ihres Knappen Gael ui Flanarag zurück zum Lagerplatz. Sie hatte sich und dem jungen Mann bei den reisenden Garküchen, die rund um das Tor ihre lecker duftenden Waren feilboten, einen mit Kräutern und Soße gefüllten Räucherfisch am Spieß erworben, auf den die Ritterin sich nun freute. Sie mochte Fisch. Just wollte sie, noch vor der Garküche stehend in die Gaumenspeise beißen, sie genießen, da verfing sich der Ärmelsaum ihrer Tunika in etwas, was zum Gürtel der jungen Frau gehörte, die genau neben ihr stand und ebenfalls einen der gefüllten Fische entgegennahm. Der ungewohnte Widerstand und die untersagte Bewegung führten dazu, dass Leanna ihre Mahlzeit zu Boden fiel und im Fallen zu allem Überfluss noch Spritzer der Soßenfüllung auf den blau-weiß-geteilten Wappenrock der Albernierin verteilte. Mit einem Fluchen wurde Leanna sich ihres Verlusts an Speise und Sauberkeit bewusst. Eher überrascht von diesem unerwarteten ‚Schicksalsschlag‘ drehte die Ritterin sich um.

„Scheiße verdammt,“ fluchte auch die junge Frau murmelnd, der es ebenso ging wie der Älteren. Auch ihr war das eben erst vor einem Augenblick frisch erworbene Gut auf den staubigen Boden vor der Garküche gefallen. Es hatte ebenfalls einige Spritzer auf dem rot-weißen Wappenrock hinterlassen, und auch sie hatte sich gewundert, was plötzlich an ihrem Gürtel, besser noch am Korb ihres Rapiers zerrte. „Na, allerdings,“ konterte Leanna, die ihr Gegenüber im ersten Moment verärgert musterte, bevor sie feststellte, dass sie beide das gleiche Schicksal ereilt hatte: eingesaut und der nicht ganz billigen Speise verlustig. Wegen eines Missgeschicks, für das keiner von ihnen etwas konnte. Das dämpfte Leannas Wut. Ein kurzer abschätzender Blick auf die junge Frau. Das Wappen auf ihrer Brust war Leanna unbekannt. Auch schien sie alleine unterwegs. Aber für eine Knappin war sie mit einem Rapier an der Seite und einem Begleitdolch definitiv zu gut gerüstet.

Gael, ihr eigener Knappe, stand etwas unschlüssig daneben. Das Mädchen, mit dem seine Schwertmutter zusammengerasselt war, erregte sein Interesse. Er durfte wohl in einem ähnlichen Alter wie er sein. Rotes Haar hatten viele Albernierinnen zuhause, aber ihres bestand aus einem kupfernen Braunton, es war füllig und fiel ihr in offenen Wellen über die Schultern, wo es ein hübsches Gesicht einrahmte. Er zog jedoch die Augenbrauen enger, als er die unschönen Vernarbungen auf der linken Wange der jungen Frau bemerkte. Aber sie trug bereits ritterliche Kleidung, einen Wappenrock, ein Wehrgehänge mit einem… er runzelte noch mehr die Stirn. Das war kein Schwert. Aber was ihn noch mehr irritierte war, dass seine sonst so strenge, harte Schwertmutter so seltsam ruhig blieb. Hätte er das Gewand der Herrin versaut oder Speisen zu Boden fallen lassen, sie hätte ihm eine Ohrfeige und Standpauke und noch einige Strafarbeiten verpasst.

Da weitere hungrige Bezahler an den Stand drängten, hatte es fast keinen Wert, sich hier länger aufzuhalten. Die beiden Speisen waren eh nicht mehr zu retten. Die Wappenröcke ebenfalls. „Es tut mir leid, ich habe euch nicht gesehen,“ gab die Rothaarige von sich.

Aus Gaels Sicht passte das Rot, mit dem sich ihre Wangen färbten, gut zu ihr; machte sie hübscher.

„Und es war keine Absicht von mir euch—“

Leanna schnitt lachend durch das Wort der jungen Frau. „Ihr könnt doch nun mal wirklich nichts dafür, dass sich ausgerechnet MEIN Ärmel in eurem Gehänge verheddert. Dies war ein dummes Missgeschick – für das wir beide aber nichts können. Seht, wir haben beide schon dafür gebüßt.“ Sie deutete vielsagend an sich herunter, zuckte allerdings mit den Schultern. „Tja, hätte ich gewusst, dass mir dieser ausladende Saum,“ sie hob anschließend ihren Arm mit der ‚Tatwaffe‘ in die Höhe, „zum Verhängnis wird, hätte ich mich heute morgen wohl für ein anderes Untergewand entschieden.“ entgegnete sie gelassen und eher amüsiert über die Begebenheit ihres Treffens und nahm die Erleichterung der Jüngeren mit Wohlwollen wahr.

Gael fand das verblüffend. Selten hatte er erlebt, dass seine Herrin über ein Missgeschick lachte. Vor allem nicht in letzter Zeit. Allerdings wusste er auch, dass jeder Fleck auf der Kleidung seiner Herrin Arbeit bedeutete. Wie gut, dass sie noch einen zweiten Waffenrock eingepackt hatten.

Leanna deutete auf die Seitenwaffe ihrer Gegenüber. „Horasisch?“

„Die Waffe schon. Ich nicht.“ Die junge Frau lächelte. „Ihr kommt aus Albernia?“

„Aus den Bredenhager Heckenlanden, so ist es – Hört man wahrscheinlich am Zungenschlag, nicht wahr? Und ihr? Sagt bloß, ihr nehmt mit diesem gemeingefährlichen ...Ding… am Turnier teil!“ Dabei gab sie dem Wort Ding einen liebevollen Klang. Leanna fand diese Begegnung erfrischend. Der Groll, den sie eben noch im ersten Augenblick verspürt hatte, war fort.

„Ritterin Ira von Plötzbogen. Aus der Baronie Hlutharswacht in den Nordmarken.“ Stellte die Maid sich vor und neigte höflich das Haupt vor der Älteren. „Ja, ich nehme auch teil. Und ja, mit diesem …Ding.“

Leanna nahm den Gruß erfreut nickend entgegen. Eine Nordmärkerin mit horasischem Rapier? Interessant. „Dann sollten eure Kontrahenten besser enge Ärmel für den Nahkampf wählen,“ lachte die Tommeldommer Ritterin, bevor sie ihren eigenen Namen nannte und der Plötzbogenerin die Hand zum Gruß entgegenstreckte, welche selbige sofort ergriff. „Leanna Vialigh. Ritterin zu Tommeldomm.“ Stellte sie sich selbst vor und verzichtete bewusst auf die Nennung ihres Edlentitels. Es erschien ihr nicht notwendig. Außerdem war Leanna niemand, der gerne protzte. Sie war eher von der Natürlichkeit der jungen Frau in den Bann gezogen und fühlte sich keineswegs dem Zwang ausgesetzt, hochherrschaftliche Reden zu schwingen. Der anderen ging es wohl auch so. Als nächstes deutete sie auf den schlaksigen jungen Kerl an ihrer Seite: „Und das ist mein Knappe Gael ui Flanarag.“ Mit der Hand, der sie eben noch auf den Knappen gedeutet hatte, schlug sie nun einmal hart gegen dessen Brust, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. „Mund zu, Gael! Wir wollen doch die werte Frau Ira nicht angaffen, nur weil sie eine Verletzung davontrug.“

Sogleich schloss der Kerl seinen Mund und sein Gesicht nahm die Farbe eines gekochten Krebses an. Mit einem kleinlauten „Natürlich, Frau Leanna,“ zog er sich in demütiger Haltung einen guten Schritt hinter seine Schwertmutter zurück.

„Nein, nein, schon gut. Das Angaffen bin ich, naja, hm, gewohnt. Ist ja nichts dabei. Wirklich.“ kommentierte die junge Ritterin eilig.

„Darf ich fragen, wie ihr diese Narben erhalten habt? Ich meine, nur, wenn ihr das einer Fremden anvertrauen mögt“. Leanna schmunzelte in sich hinein. Ein nettes Ding. So unkompliziert. Einen kurzen Moment ertappte die Ritterin sich bei dem Gedanken, ob diese blutjunge Nordmärkerin nicht sogar nach Unkengrund passen würde. Sie war sich sicher, dass Ulfert Gefallen an ihr haben, und dass sich ihre Tochter Talwen, die Leanna fast etwas älter schätzte, sich über diese Entscheidung lustig machen würde. Doch noch war Leanna selbst Herrin des Brochs und trug allein die Verantwortung.

„Dürft ihr. Es stammt von der Begegnung mit Wesenheiten der Unbarmherzigen Ersäuferin, als ich auf dem Weg nach Mendena an der Tobimora kämpfte.“

Mendena? Dieses Mädchen war tatsächlich in Mendena gewesen? In den Schwarzen Landen? Ein Kelch, der an Leanna vorrübergegangen war. Aber aus Erzählungen anderer wusste sie um das dunkle Grauen, welchem die Streiter auf diesem unheiligen Boden ausgesetzt gewesen waren. Ihre Schwester Anndra hatte ihr nach deren Rückkehr recht anschaulich von Golems und beseelten Monstrositäten, pervertierten, menschenverschlingenden Wäldern und skrupellosen Truppen berichtet und von der Grausamkeit, mit der man den Kaiserlichen entgegengefallen war. Drum empfand sie Respekt. „Nun, für euren Mut habt ihr meine Achtung verdient. Und die jedes Ritters, welcher, wie ich, nicht selbst dort gewesen ist. Aber ich habe schon vieles gehört.“

Die junge Ritterin machte ein betroffenes Gesicht. Offenbar streiften sie düstere Erinnerungen. Um das Mädchen nicht zu kompromittieren, nahm die Tommeldommerin einen Themenwechsel vor. „Seid ihr denn schon Turniere wie dieses geritten?“ stellte sie der Rothaarigen die Frage und registrierte die Dankbarkeit, die in deren Augen aufblitzte, kaum, dass das leidvolle Thema fallengelassen ward.

„Um ehrlich zu sein, ist es mein erstes, das ich als Ritterin bestreite.“

„Na, dann habt ihr euch ja gleich das richtige ausgesucht.“ Der Blick der Edlen fiel abermals auf das Wappen ihrer Gegenüber. Ein Allianzwappen, wie das, was mancherorts Knappen trugen. Ein gelber Fisch unter einer silbernen Brücke auf blau, daneben ein blaubewehrter geflügelter Drache in Silber auf rotem Grund. „Dann habt ihr euch bestimmt gut vorbereitet und wisst sicher auch schon, wen ihr fordern wollt, nehme ich an. – Was ist das für ein Fisch in eurem Wappen? Ein Barsch?“

„Eine Plötze. Ähm, ein Karpfenfisch,“ erklärte die „Der eurige ist ein Aal? – Ich habe ehrlich gesagt noch keine Wahl getroffen.“

„Es ist ja auch noch Zeit. Doch sofern ihr denn gelost werdet, solltet ihr euch entschieden haben. – Ja, meine Familie trägt den Aal im Wappen. Er ist an dem Fluss, an dem ich lebe, sehr zahlreich und schmackhaft.“ Leanna schmunzelte. „Schon irgendwie amüsant, dass ihr und ich uns ausgerechnet an einem Stand über den Weg laufen, der Fisch verkauft. Nun denn…“ Sie warf Gael einen Blick zu. „Dann werden mein Knappe und ich uns jetzt nach einer weniger verfänglichen Mahlzeit umsehen. Es hat mich gefreut, eure Bekanntschaft zu machen, Frau Ira. Viel Glück beim Turnier! Möge Rondra über euch wachen!“ verabschiedete sich sie sich alsdann erfreut von ihrer jungen Gesprächspartnerin, die sich artig bedankte und grüßte, bevor sie auseinandergingen. Ira von Plötzbogen – diesen Namen wollte Leanna sich merken. Wenn sich das Mädel nicht dumm anstellte, wollte Leanna sie vielleicht tatsächlich fragen, ob sie mit nach Tommeldomm käme. Neues Burgpersonal brauchte sie allemal. Und wenn diese so angenehme Leute waren, wie jene junge Nordmärkerin, dann sah Leanna wieder etwas optimistischer in die Zukunft Unkengrunds.

„Gael, wenn ich sehe, dass du der Kleinen auf den Arsch starrst…“

„N..natürlich nicht, Herrin.“

„Hübsches Ding, ay?“

„Herrin?“

„Tu nicht so, ich kenne diesen Blick. Aber du wirst schön die Finger von dieser Plötzbogen lassen, Gael. Denk nicht mal dran, sie umwerben zu wollen. Sie mag zwar in deinem Alter sein, aber sie ist bereits Ritterin! Und es vermag sicherlich einen guten Grund gegeben haben, dass sie ihre Reife so jung erhielt.“ Wahrscheinlich die Schlacht, dachte Leanna sich und seufzte, bevor sie dem Knappen ein paar Münzen in die Hand drückte und ausschickte, um damit etwas Essbares zu erwerben. Sollte er sich ruhig ablenken. Ein Blick in ihre Geldkatze: Götter, dieses Gareth war so verdammt teuer… Sie brauchte unbedingt etwas von diesem Preisgeld.

Leanna sah an sich herunter und zu den Flecken auf ihrem Wappenrock. Eine seltsame Begegnung. Aber erfrischend. Sie schmunzelte heiter, was man von der ernsten Ritterin sonst nicht gewohnt war.

Texte der Hauptreihe:
K14. Aal und Plötze
1. Pra 1041 BF zur morgendlichen Phexstunde
Aal und Plötze
Ankunft Haldur di Malavista

Kapitel 14

Albernier unter sich - Leanna und Yeskel
Autor: (Leanna und Ira /Tanja F.)