In Borons Armen

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Eine Stunde nach Aufgang des Praiosrunds hatte die kleine Gruppe, bestehend aus Selinde von Pandlarilsforst und vom Berg, der zumindest äußerlich wiederhergestellten Elissa vom Berg und den drei Wachen, die die Baroness bereits seit Zackenberg begleiteten, Burg Mallvenstein verlassen. Den Bewaffneten hatte ihre Herrin erzählt, dass sie auf Bitten der Baronin das Opfer eines Hexenfluchs in die Reichsstadt Perricum eskortierten. Selinde hoffte, dass ihre Begleiter ihr diese Scharade abnahmen, war deswegen aber auch nicht allzu besorgt, denn keiner von ihnen kannte ihre Halbschwester, noch gäbe es irgendwen, der sie für diese Information hätte großzügig mit Gold entlohnen und damit ihre Lippen lösen können.
Die Reise in die Kapitale verlief zwar ereignislos, zerrte aber dennoch zunehmend an Selindes Nerven und denen der Wachen. Zu verstörend war das Verhalten der dem Wahnsinn verfallenen Baronin. Mal ritt Elissa schweigend und beinahe wie tot wirkend nebenher, dann sprang sie ohne jeden ersichtlichen Grund vom Pferd und versuchte, davonzulaufen. Dann wieder schrie sie sich die Seele aus dem Leib und bedachte ihre Begleiter mit den unflätigsten Beleidigungen, nur um kurz darauf in eine fast schon katatonische Starre zu verfallen. All' dies zu allen möglichen Tages- und Nachtzeiten. Während einer Rast stürzte sich Elissa gar auf einen der Bewaffneten und konnte nur mittels eines kräftigen Schlags in die Magengrube 'beruhigt' werden.

So waren alle letztlich froh, als sie am Nachmittag des übernächsten Tages die Darpatmündung und dahinter die Reichsstadt erblickten. Das Ende dieser nervenaufreibenden Reise stand kurz bevor. Soweit es Elissas alte Mähre zuließ, zogen die Reisenden das Tempo ein wenig an, um noch bei Tage die Stadttore passieren und um - so die unausgesprochene Übereinkunft der Eskorte - ihre unheimliche Begleitung baldmöglichst beim Kloster des Vergessens abliefern zu können.
Dort angekommen, ließ sich Selinde der Äbtissin, Kalina Niodas, melden. Zur gleichen Zeit traten zwei Noioniten hinzu, nahmen Elissa - die sie mit kundigen Blicken sofort als neuen 'Gast' erkannt hatten - in Empfang und führten sie schweigend in ein Nebengebäude, was ihre Halbschwester mit einem dankbaren Nicken quittierte. Nach einer Weile erhielt die Baroness die Mitteilung, dass die Vorsteherin des Klosters sie morgen zur neunten Stunde zu empfangen gedenke, man ihr jedoch hier ein Gästequartier für die Nacht bereiten könne. Dankbar nahm die Adlige dieses Angebot an und entließ ihre Begleiter, jeweils versehen mit einem großzügigen Handgeld, für die nächsten zwei Tage.

Am folgenden Morgen, Selinde hatte erneut nur wenig geschlafen, der Zustand Elissas aber auch die Trennung von ihren Kindern machten ihr immer noch sehr zu schaffen, fand sie sich pünktlich bei der Äbtissin ein, die sie mit einer knappen Handbewegung bat, Platz zu nehmen.
"Ihr bringt einen neuen Gast", begann die Geweihte für die Adlige ungewöhnlich leise und langsam das Gespräch mit einer einfachen Feststellung.
"Ja, Eure Ehrwürden. Meine Halbschwester Elissa, Baronin zu-"
"Weltliche Titel haben hier im Haus des Raben keinen Belang. Erzählt."
Einen Moment lang schaute die Baroness sichtlich irritiert drein, bis sie begriffen hatte, worauf ihre Gastgeberin mit der knappen Aufforderung hinaus wollte. Dann begann sie zu erzählen: Von Norholts Brief, seinem späteren persönlichen Bericht und ihren eigenen Beobachtungen.
Kalina hatte die Ausführungen ihres Gastes mit unbewegter Miene verfolgt, um nach einer Selinde beinahe endlos vorkommenden Pause wieder das Wort zu ergreifen: "Ich verstehe. Wir werden uns Eurer Halbschwester annehmen." "Seid bedankt. Besteht, wenn Ihr mir diese kühne Frage gestattet, Hoffnung, dass sich ihr Geist irgendwann wieder klärt? Oder-", die Baroness schluckte und ließ die Frage unausgesprochen im Raume stehen.
"Hoffnung besteht mit dem Segen des Herrn des Vergessens immer. Aber ohne Kenntnis der Ursache für ihren umwölkten Geist dürfte Eurer Anverwandten und Euch, so fürchte ich, auch nur diese bleiben."
Selinde verstand. "Ich danke Euch dennoch für Eure Hilfe und werde für die Genesung meiner Schwester beten." Erst später fiel ihr ein, dass sie dieses Mal auf das sonst obligatorische "Halb-" verzichtet hatte.
"Gut. Dann ist nun alles gesagt. Sollten sich nennenswerte Veränderungen ergeben, werde ich Euch eine Nachricht senden."
Die Baroness erhob sich, deutete eine Verbeugung an und verließ, sichtlich aufgewühlt, das Gebäude, nicht aber das Kloster. Zunächst nahm sie auf einer Bank im Garten Platz; der Drang, ihre Gedanken und Eindrücke an diesem Ort der Ruhe zu ordnen, war schier übermächtig. Die Adlige saß dort wohl eine gute Stunde mit abwesendem Blick, sodass ein unbedarfter Beobachter sie eher für einen der Schutzbefohlenen der Anlage denn einen Gast hätte halten können.

Den Rest des Tages suchte die Baroness Zerstreuung in der Stadt, doch wollte ihr dies - im Gegensatz zu früheren Zeiten - nicht so recht gelingen. Schließlich hatte Selinde für sich das weitere Vorgehen festgelegt. Morgen würde sie ihrem Bruder Ugdalf aufsuchen, auch wenn sie wusste, dass von diesem kein Verständnis oder gar Anteilnahme für Elissas Schicksal zu erwarten war. Er trug es ihr offenkundig immer noch nach, dass sie anstatt seiner den Baronsreif zugesprochen bekommen hatte. Und um eine möglichst baldige Audienz beim Markgrafen kam sie nun auch nicht mehr herum, musste Selinde sich eingestehen.
Diesmal ging die Baroness, die als Unterkunft das beste Haus am Platze, das Hotel Kaiser Reto, gewählt hatte, recht früh zu Bett; der Schlafmangel forderte seinen Tribut.

Alles Weitere lag nun anscheinend in der Hand des Herrn von Schlaf und Vergessen.