Im Tal der Pferde - Von Ochsen und Rössern

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Burg Beschelshall, Sitz des Hofes der Barone von Herdentor, Praios 1041 BF:

Schnellen Schrittes eilte Mara von Sturmfels die langen Gänge der Festung entlang, denn sie war spät dran. Wie jeden Tag zur Praiosstunde war sich auch heute in der prunkvollen Praios-Kapelle der Festung gewesen um dort zu beten. Der Zuspruch von Hofkaplan Mervan von Greifenwacht bedeutete ihr viel, gerade in diesen unsteten Zeiten. Die Baronsmutter von Herdentor hatte ihrem Alterssitz in den lieblichen Brendiltaler Weinbergen hinter sich gelassen und war für ihren Sohn nach Beschelshall übergesiedelt. Ihr Vater wollte es so.

Schließlich erreichte sie die hölzerne Tür mit den schweren Beschlägen. Sie hielt inne, atmete einmal tief durch. Ein vor der Tür stehender Diener öffnete die Tür und Mara trat hinein. Dort, im Ratszimmer des Kleinen Rates warteten sie bereits: Ihre Mutter Ederlinde, die strenge Kastellanin der Festung, die bullige Kämmerin Alinde von Ochs und natürlich ihr Vater Wulfhelm, offiziell nur Berater des Barons, doch musste jeder, dass er die Graue Eminenz war, die im Hintergrund alle Strippen zog. Der Greis thronte auf einem breiten, hölzernen Stuhl. Einzig die Sänfte hinter dem alten Mann erinnerte daran, dass dieser sich nicht mehr alleine fortbewegen konnte, da er von der Hüfte abwärts gelähmt war. Strenge Blicke richteten sich auf die alternde Schönheit und so fühlte sich Mara sogleich wieder in die Zeiten der Praiosschule zurück versetzt. Doch entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder, als sie bemerkte, dass sie augenscheinlich nicht die einzige war, die sich verspätet hatte.

„Mein Sohn ist auch noch nicht hier?!“ Ihre Frage war mehr eine Feststellung.

Martok wird nicht kommen.“ Wulfhelm war deutlich hörbar ungehalten ob der Verspätung seiner Tochter. „Du hingegen bis zu spät! Deine praiosfrommen Gespräche mit Bruder Mervan in allen Ehren, doch darfst du dabei nicht dein Pflichten vernachlässigen.“

Die so gescholtenen setzte sich wortlos an den langen Tisch aus Zedernholz.

„Wir sind hier versammelt um wichtige Angelegenheiten zu erörtern.“ Mit schneidiger Stimmer eröffnete der Greis die Ratssitzung. „Unser Bündnis mit dem Haus Ochs hat sich als strategisch klug erwiesen.“ Er nickte dabei Alinde von Ochs zu, die dies erwiderte. „Wir konnten unsere Macht festigen, doch sind wir noch lange nicht über die Salzberge, wie man hier wohl zu sagen pflegt. Es stehen wichtige Entscheidungen für die Zukunft unseres Blutes an. Ederlinde, bitte!“

Die weit über 80 Götterläufe zählende Frau mit faltigem Gesicht und strengen Blick verzog keine Miene. „Wir müssen zu einer Entscheidung kommen wo Martoks Erbe zur Ausbildung hingeschickt wird. Auch müssen wir die Heiratsoptionen für ihn und seine Schwester prüfen.“

„Wir könnten Yaron an den Markgräflichen Hof schicken“, schlug Mara vor, „Als Zeichen der Loyalität und Dankbarkeit. Schließlich war es der Markgraf, der Martok zum Baron ernannt hat.“

„Der Markgraf?“, die Stimme der Kastellanin wirkte noch etwas schriller als sonst. „Dank ihm haben wir auch den Süden verloren und nicht nur das, er hat dort unseren ärgsten Feind ebenfalls zum Baron erhoben. Wir schulden dem Paligan nichts! Meiner Meinung nach, sollten wir unseren Blick nach Dürsten-Darrenfurt richten.“

„Man kann nichts verlieren was man nie besessen hat, Mutter. In einem hast du allerdings recht, wir müssen unsere freundschaftliche Hand auch nach Dürsten-Darrenfurt ausstrecken. Wir brauchen weitere Verbündete!“

„Nun“, erhob die Kämmerin ihre durchdringende Stimme, „der Reichsvogt der Efferdstränen wäre mehr als erfreut den jungen Yaron als Knappe an seinen Hof zu wissen. Dort könnte er fernab der Gefahren hier zu einem fähigen Herrscher heranwachsen.“

„Gefahren? Von welchen Gefahren redet Ihr?“

Die Ochs blickte Mara an. „Der Feind aus dem Süden trachtet dem Jungen nach dem Leben. Woher ich das weiß? Ich weiß es nicht bestimmt, aber er wäre dumm wenn er es nicht tun würde. Auch die aranische Brut hat sicherlich kein Interesse daran, dass sich die Brendtiltaler hier halten. Das Pfiffenstock-Weib wird versuchen ihren Sohn zugänglich für die Interessen Haselhains zu machen, auch das gilt es zu verhindern. Da wäre es nur folgerichtig den Jungen auf den Tränen in Sicherheit zu bringen. Zumal er vom Reichsvogt alles lernen kann, was es benötigt um ein Lehen erfolgreich zu verwalten.“

Mara wollte noch etwas erwidern, doch hob ihr Vater sein Hand. Es war nun an der Zeit zu schweigen.

„Die geschätzte Frau Kämmerin hat mit ihrer Analyse vollkommen recht. Yaron wird in Kürze an den kaiserlichen Hof auf den Efferdstränen verbracht werden. Mein alter Freund Leobrecht wird ihm ein guter Lehrer sein. Bezüglich seiner Vermählung werden wir unsere Optionen sorgfältig prüfen. Ederlinde, erstelle eine Liste mit potenziellen Kandidatinnen! Bei Dafina ist die Sache hingegen klar, wir werden im nächsten Mond ihre Verlobung mit Brin von Ochs bekannt geben. Dann wird sie als Zofe am Hof des jungen Barons dienen und so nah an seinem Ohr sein.“

Alinde von Ochs nickte zustimmend und auch Mara wirkte zufrieden.

Das läuten einer kleinen Tischglocke markierte das Ende der Ratssitzung. Vier muskulöse Nebachoten betraten den Raum und platzierten Wulfhelm wieder auf seine Sänfte. Nachdem alle den Raum verlassen hatten, schälte sich ein Schatten aus seinem Versteck. Hinter dem großen Wandteppich befand sich ein Geheimgang, von dem man die Ratssitzungen sehr gut belauschen konnte. Der Schatten beeilte sich, denn er würde unverzüglich seine Auftraggeber über die gewonnen Neuigkeiten in Kenntnis setzen.