Helden von Gareth - Wem die Zukunft gehört

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Pfalz Zwingzahn, Ende Rahja 1035 BF

Träge und schlaff hingen die Banner des Adels über den Zinnen der Kaiserpfalz Zwingzahn, die in den letzten Jahren eine bewegte Geschichte hatte. Neben dem Adler der Pfalzgrafschaft Reichsgau und den beiden Jagdhörnern der Familie Wetterfels prangten der blutige Greif der Pulethaner und das springende Ross der Familie Brendiltal.

Im Praiosmond vor bald neun Jahren war Zwingzahn erfolglos von den erzürnten Pulethanern, angeführt von Baron Eslam von Brendiltal, belagert worden, weil sie in der Person des bärigen Pfalzgrafen Bernhelm von Wetterfels den vermeintlichen skrupellosen Anstifter zum Attentat von Breitenhof ausgemacht haben wollten. An ihre Seite hatten sich die Pfortenritter gestellt, denn wer auch immer hinter jenem feigen Anschlag gesteckt hatte, er wollte den Verdacht auf den rivalisierten Ritterbund lenken. Damals waren die Mitglieder der beiden großen Ritterbünde grummelnd abgezogen, vor allem weil der Luidor von Hartsteen, Herr von Natterndorn, sich entschieden für den Hartsteenschen Pfalzgrafen eingesetzt und mit seinen Rittern geschützt hatte. Als Akt der Revanche hatte Wetterfels wenige Wochen später Ariescha von Brendiltal, die minderjährige Tochter des Perricumer Barons, entführt und fortan als Geisel auf Zwingzahn gehalten.

Dagegen waren die Belagerer der Jahre, die dem Angriff des ewigen Heerwurms auf das Herz des Reiches im Perainemond 1027 BF folgten, weitaus erfolgreicher gewesen. Pfalzgraf Bernhelm hatte die mächtige Burg noch im Ingerimmond desselben Jahres aufgeben müssen, sich der unbesiegbaren Übermacht der Galotteska beugend. In aufreibenden Kämpfen hatte er mit seinen treuen Rittern versucht, seine eroberte Burg wieder zu befreien, doch in seiner zahlenmäßigen Unterlegenheit hatte er die Burg niemals länger als einige Wochen halten können. Denn nach dem Jahr des Feuers war Zwingzahn für die Kriegsfürsten der Wildermark interessant geworden, die von dort aus immer wieder Überfälle bis tief in die Kaisermark führten. Zuletzt hatte dort Geron von Eichenblatt für die Drachenfürstin Varena von Mersingen sein Unwesen getrieben und, fünf lange und qualvolle Jahre nach seiner ersten Niederlage, hatte Pfalzgraf Bernhelm die inzwischen stark beschädigte Burg wieder in seine Gewalt gebracht und mit seinen Soldaten halten können.

All diese Jahre hatte Ariescha, die von einer aufmüpfigen Göre zu einer reifen Frau aufgeblüht war, als seine Knappin treu und ergeben an der Seite Bernhelms gestanden, von ihm die Finessen des Kampfes und der Schlacht erlernend. So hatte die frühere Geisel von der Hand ihres Entführers am Tag ihres achtzehnten Tsatages in der Gegenwart der engen Vertrauten Bernhelms den feierlichen Ritterschlag erhalten. Und keinem der Anwesenden dieser rondragefälligen Zeremonie war entgangen, dass sich der Leib der knienden Knappin deutlich wölbte.

Zu der traviagefälligen Vermählung hatte der Wetterfelser nur wenige Adlige eingeladen, denn nur wenige Adlige konnte der bullige Mann ausstehen, der sich einst beim Kampf gegen die Oger den Beinamen "Ogerfresser" verdient hatte. Unter den Gästen, die hauptsächlich aus einigen wenigen Mitgliedern der Familie der Braut und den engsten Vertrauten des Pfalzgrafen bestanden, befanden sich ebenfalls, als einzige Vertreter des restlichen Hartsteener Adels der Rabensbrücker Baron Alrik von Gareth, der eine formelle Grußbotschaft des erkrankten designierten Grafen Luidor von Hartsteen überbrachte, und der Bugenhoger Pfalzgraf Parinor von Borstenfeld, dessen großzügige finanzielle Unterstützungen in den letzten Götterläufen den Reichsgauer Nachbarn vor dem völligen Ruin bewahrt hatte. Denn die Ländereien des nördlichen Hartsteen litten und ächzten nach den als völlig überzogen empfundenen Steuern des Verwesers vom Blautann unter einer schlimmen Armut, die den örtlichen Niederadel in die Fänge dubioser Geldverleiher getrieben hatten, denn nördlich des Olku war für sie längst nichts mehr zu holen.

Nach der schlichten Zeremonie durch den Travia-Geweihten, zog sich die hochschwangere Braut zurück, und Pfalzgraf Bernhelm machte sehr deutlich, dass er mit der "Mischpoke" seiner Braut nichts zu schaffen wünschte. Umso erfreuter empfing er den Bugenhoger Pfalzgrafen und den Rabensbrücker Baron, die er zu einem vertrauensvollen Gespräch in den völlig zerstörten Garten der Pfalz einlud.

»Habt Ihr diesen feisten nebachotischen Hornochsen gesehen, Dom Parinor?« Die Verachtung über den Baron von Brendiltal war der Stimme Alriks von Gareth deutlich anzumerken. Er hatte auf der gemeinsamen Anreise der beiden Hartsteener Adligen kaum ein Wort gesrochen, wenngleich seine Miene überdeutlich über seinen Gemütszustand Auskunft gab. »Diese Nebachoten sind mir allesamt völlig zuwider, ich halte sie für nicht vertrauenswürdig und bedauere es aufrichtig, dass mein Urgroßonkel Reto sie nicht einfach in den Golf von Perricum getrieben hat, so wie er mit so einigem Unrat im Reich aufgeräumt hat. Mein aufrichtiges Bedauern, Dom Bernhelm, zu solch einem Familienzuwachs.«

Der Angesprochene antwortete nur mit einem gefährlichen Blitzen aus seinen gelben Augen, die schon Oger grausam hatten verenden sehen. Selbst in den feinen Stoffen, die der Wetterfelser anlässlich seiner zweiten Vermählung angelegt hatte, wirkte er eher wie ein gemeiner Söldner denn als hochadliger Verwalter kaiserlicher Güter. Manch ein unvorsichtiger Gegner hatte ihn deswegen schon unterschätzt und war grandios gescheitert. In Richtung des blasierten Rabensbrücker Barons grollte er nur bedrohlich: »Vorsicht, Hochgeboren. Ich liebe diese Nebachotin.«

Der Pfalzgraf von Bugenhog hatte sich in den Schatten einer eingefallenen Mauer zurückgezogen und beobachtete die beiden Hochadligen mit einem dünnen Lächeln um die Lippen. »Ihr irrt Euch, Gareth. Reichsgau ist zu beglückwünschen für seine Brautwahl. Auch wenn sie offensichtlich nicht nur von seinem guten politischen Instinkt getroffen worden ist.«

»Wie meint Ihr das, Hochwohlgeboren?« Bernhelm von Wetterfels schaute seinen Gast intensiv mit zusammengekniffenen Augen an, als wartete er nur darauf seine Ochsenherde zu ziehen und den ersten Schlag zu führen.

»Ich meine das ganz so, wie ich es sage, Reichsgau«, entgegnete Parinor lässig, einen langen Grashalm pflückend und daran kauend. »Ihr habt Euch wertvolle Verbündete geschaffen, die sich in den nächsten Jahren sicherlich bezahlt machen werden. Perricum ist ganz deutlich auf dem aufsteigenden Ast, und die Brendiltals sind die Ersten unter den Nebachoten. Und auch wenn Ihr, Gareth, eine verständliche Abneigung gegen das auserwählte Volk der Rondra verspürt, so ist doch deren Einfluss auf den Markgrafen in den nächsten Jahren nicht zu unterschätzen. Und die nächsten Jahre werden über das Auf und das Ab vieler Familien in Garetien entscheiden, so viel sollte uns allen doch klar sein.«

Die offenen Fragen in den Gesichtern seiner beiden Gesprächspartner belustigten Parinor ungemein. Es würde ein Leichtes werden, sie auf seine Linie zu bringen.

»Viele der Konflikte, welche die letzten Jahre in unserem Königreich geprägt haben, sind beendet oder sind auf dem besten Wege sich zu überleben. Ihr, Reichsgau, feiert Hochzeit mit einem der Anführer der Pulethaner, deren Ritterbundfehde durch den gemeinsamen Willen des blutigen Ugos und des ritterlichen Danos beendet wurde, auch wenn das vielen in ihren Reihen nicht geschmeckt hat. Graf Luidor hat seine Fehde gegen Geismar gewonnen, und es spricht für seinen politischen Scharfsinn, dass er die Quintian-Quandt als enge Verbündete auf seine Seite gezogen hat. Und durch die Berufung des humorlosen Landrichters zum Staatsrat und des debilen Sertisers zum Reichsrichter haben die alten Familien sehr deutlich ihr Revier gegen den Raben vom Sonnentor verteidigt. Und für die Konflikte, die sich aus diesen Ereignissen ergeben werden, sind solch loyale Verbündete wie die Nebachoten unbezahlbar.«

»Und welche Konflikte habt Ihr genau im Blick, Dom Parinor? Befürchtet Ihr etwa, dass der Tod meiner Base Rohaja die Schrecken der Kaiserlosen Zeiten wieder hervorrufen wird?«, fragte der Rabensbrücker Baron mit unbewegter Miene.

»Ich glaube nicht, dass uns Ihre kaiserliche Majestät in den nächsten einen solchen Gefallen erweisen wird«, entgegnete Parinor mit einem ironischen Unterton. »Auch wenn niemand weiß, welche Opfer Marschall Haffax vom Reich fordern wird. Nein, ich glaube, dass die nächsten Konflikte noch vor dem Kampf gegen die Träger der Dämonensplitter ausbrechen werden. In Reichsforst ist der unfähige Spross von Danos drauf und dran seine uralte Familie um ihre Grafschaft zu bringen. Mir sind einige der Subjekte, mit denen sich Drego von Luring umgibt, durchaus bekannt, denn ihr Ruf in Gareth entspricht in etwa dem räudiger Gassenhunde. Und jetzt wo der harte Luidor bekommen hat, was er wollte, wird er kaum ein Interesse daran haben, seine Allianz der Alten Häuser länger als nötig aufrecht zu halten. Denn wie er mit Verbündeten umspringt, deren Nutzen sich überlebt hat, haben wir in Hartsteen ja nur zu gut gesehen. Ich persönlich bewundere ihn ja ehrlich für seinen politischen Pragmatismus.«

Parinor lachte dreckig. Er kannte außer sich selbst keinen so rücksichtslosen und pragmatischen Adligen in Garetien wie den neuen Grafen von Hartsteen. Selbst der Garether Markvogt hatte an seiner wirbellosen Staatsratsmirhamionette festgehalten und hielt selbst an Verbündeten fest, die ihm oder der Familie Rabenmund nicht mehr direkt nützen konnten. Luidor dagegen hatte bereitwillig Teile seiner eigenen Familie geopfert, um einen minimalen politischen Vorteil herauszuschlagen. Und der Erfolg hatte ihm Recht gegeben. Und Parinor beurteilte Personen nur nach ihrem Erfolg.

»Ist nicht viel eher zu erwarten, dass die reichen Pfeffersäcke, die in unseren Schuldscheinen schwimmen, in den nächsten Jahren das größte Problem werden?«, warf Bernhelm mit polternder Stimme ein. Er verspürte einen unendlichen Groll gegen diese aalglatten Phexjünger aus den Reichsstädten und der Kaisermetropole, denen er sich auf Gedeih und Verderb ausgesetzt fühlte. »Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich jemals Zwingzahn wieder aufbauen lassen kann. Mir fehlen schlicht die Dukaten dafür.«

Parinor nickte lächelnd. »Mein guter Freund, wovon Ihr sprecht, ist nichts anderes als die Kehrseite der gleichen Medaille. Wo immer der Adel nicht geschlossen gegen die Gemeinen steht, wird er zwangsläufig gegen den Pöbel aus den Städten verlieren. Aber ich verrate Euch ein wichtiges Geheimnis: In den Städten liegt die Zukunft. Die Zeiten, wo Grundbesitz und Ehre die Position eines Mannes oder einer Frau im Mittelreich bestimmten, gehen ihrem Ende entgegen. Die Zukunft liegt in den Manufakturen und Banken, den Märkten und Handelshallen. Dort ist jeder seines eigenen Glückes Schmied, unabhängig von seiner Geburt und seinem Stand. Der Stern des Adels schimmert dagegen nur noch matt, wie in Mühlingen kann er sich nur noch mit Gewalt gegen die Kräfte wehren, denen die Zukunft gehört.«

»Ihr meint Männer wie uns, die wir die geborenen Führer sind«, fügte Alrik trocken hinzu.

Parinor lächelte süffisant. »Ganz genau, Gareth. Männer wie der Pulether Kronvogt, den der hochmütige und verblendete Adel in Auenwacht wie einen räudigen Hund behandelt hat, wo er doch im Gegensatz zu diesem eingebildeten Bauern aus Greifenfurt wirklich bewiesen hat, dass er auf dem Schlachtfeld selbst aus ausweglosen Situationen Erfolge erzwingen kann. Jemand, der sich nicht wie ein rückgradloser Höfling geriert, sondern wie ein echter Soldat. Treu und verlässlich, ein echter Held und kein halber Ork.«

Es wirkte. Die Worte, die Parinor geschickt platzierte, fielen auf fruchtbaren Boden. Hier würde irgendwann die Saat aufgehen, wo er einmal würde ernten können. Denn er wusste ganz genau, dass nur einer der hier anwesenden Personen die Zukunft gehören würde: ihm selbst.

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29. Rah 1035 BF zur mittäglichen Traviastunde
Wem die Zukunft gehört
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Kapitel 2

Im Hort der allwissenden Schlange
Autor: Hartsteen