Heißen ihre Klingen - Mondenglanz Tochter

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Schloss Schwolling, Mitte Rahja 1035 BF

Der Schwoll lag ruhig im Glast der Sonne. Mitunter quakten ein paar Enten, die sich im Uferschilf vergnügten. Ein paar Kinder tollten lachend über die Uferwiesen. Nackt, wie sie zur Welt gekommen waren. Sie gehörten zu den kleinen Höfen, die sich dorfgleich neben dem Schloss gruppierten. Dort lebten die Bediensteten der Junker von Schwollau. Diese wiederum lebten im Schloss. Das ist eine weitläufige Anlage, die weitestgehend H-förmig errichtet wurde. Aber wie ein kleines H, der vierte Flügel fehlte. In dem Flügel, der kein Gegenüber hatte, waren die Stallungen untergebracht und alle Räume, die mit Lärm oder Gestank zu tun hatten. Die herrschaftlichen Räumlichkeiten waren dem See zugewandt. Von der Terrasse mitten zwischen den beiden Flügeln hatte man einen herrlichen Blick über die Wiese mit den spielenden Kindern, über den ruhigen See bis hin zum anderen Ufer, wo sich am Horizont ein paar Schäfchenwolken träge bewegten.

»Hier ist sie auch nicht«, rief unglücklich Kastellan Jost, als er mit seinen Blicken gehetzt die Terrasse absuchte. Er trug eine knielange Weste aus teurem Stoffe, aber eine leichte Leinenkappe, wie Bauern sie gern tragen. Kastellan Jost war der Vater der Junkerin, und sein ganzer Adel bestand darin, dass seine Gattin irgendwann einmal adlig geworden war. Jost hingegen war eigentlich Jost geblieben: ein aufgeweckter Abenteurer, der das Tulamidenland bereist hatte, durch die Khôm gekommen war und sich sogar im Horasreich auskannte. Ein toller Karawanenführer – mutig, zäh und witzig. Zumindest früher, ehe er adlig geworden war. Und seine Frau verloren hatte, und seine Tochter. Das heißt: Die hatte er nicht verloren, er war ja ihr Kastellan auf Schwolling gworden. Aber zumindest fand er sie gerade nicht. Und das, wo doch so großer Besuch da war! Womöglich Garetiens größter Ritter!

»Wo kann sie nur sein! Im Schlafzimmer war sie nicht! Am See war sie nicht! Im Esszimmer war sie nicht! Am Schreibtisch war sie nicht!«

»Vielleicht ist sie ja auf einem Ausritt?«, schlug Leobrecht Prankhold vom Berg vor, der ›größte‹ Ritter des Königreichs. Jedenfalls kennt niemand einen, der größer gewachsen war als der vollbärtige Recke mit der wettergegerbten Haut und dem brummenden Bass.

»Ausritt? Ha! Im Stall haben wir noch nicht geschaut!«, rief Kastellan Jost und eilte spornstreichs in den großen Saal, den großen Mittelraum des Schlosses, von dem aus man sowohl auf die Terrasse als auch in den Hof kommt. Im Hof wandte er sich dem einsamen H-Flügel zu, in dem drei Tore weit offen standen. Zwei Pferde waren draußen angebunden, ein Mistkarren wurde beladen.

»Damiane! Damiane! Besuch für dich!«, rief Kastellan Jost den arbeitenden Knechten und Mägden zu, die Schubkarren mit Pferdemist aus den Stallungen herausbrachten und auf den Mistkarren hoben. Ritter Leobrecht brachte es fertig, dem unschicklich eiligen Kastellan nicht nur zu folgen, sondern dabei auch noch befremdlich zu gucken.

»Wer denn?«, fragte die Magd, die eben pausierte und sich den Schweiß mit einem schmutzigen Hemdsärmel von der Stirn wischte. Sie trug feste Stiefel, eine grobe Hose und eine Lederschürze - alles dreckstarrend wie das Erlsgradsfeld nach dem Gestampfe.

»Ritter Leobald vom Berg!«, eilte sich Kastellan Jost.

Der ignorierte die Verballhornung seines Namens und baute sich vor der Junkerin auf. Sein gewaltiger Körper warf einen riesigen Schatten. »Rondra zum Gruße, Wohlgeboren. Ich bin Leobrecht Prankhold vom Berg zu Ochwienaue. Ich will Euch kurz sprechen.«

»Erfreut, Herr Leobrecht. Lasst Euch doch bitte eine Erfrischung reichen, ich bin hier gleich fertig und komme sofort.« Junkerin Damiane griff nach den Griffen der Schubkarre, während Leobrecht kurz zusah, sich eine Bemerkung verkniff und erneut Kastellan Jost folgte.

»So ist sie, immer bei der Arbeit«, ließ der Kastellan seinen Besucher wissen, während er voran ging. »So, hier ist wieder die Terrasse, wenn Ihr Platz nehmen wollt. Ich bringe Euch verdünnten Most, sehr lecker.«

»Moment, Herr Jost.«

»Herr Jost?«, wiederholte jener ungläubig. »Jost genügt.«

»Versteht mich nicht falsch, Herr Jost. Ich bin selbst kein Höfling und bin mir – weiß Rondra! – nicht zu schade, mein Ross selbst zu striegeln und zu füttern. Aber gewisse Aufgaben geziemen sich nicht für Leute von Stand.«

»Eben. Nehmt bitte kurz Platz, ich bringe Euch den Most.«

Leobrecht tat, wie ihm geheißen. Den Trunk nahm er in aller Ruhe zu sich. Bei ihm wirkte jede Bewegung wie einstudiert, abgemessen. Notwendig. Ritter Leobrecht schien ein Mann zu sein, der die Wirklichkeit gern in seien Pranken nahm, festhielt und ihr ihren Willen aufzwang. Wie er so da saß, auf der Bank, den Becher mit dem Most in der Hand, den Blick auf den sonnigen Schwoll gerichtet, das Schloss in seinem Rücken, da schien es, als wäre dies alles nur Kulisse, die man ihm hierhin gestellt hatte. Passender wäre als Kulisse nur noch der erhabene Raschtulswall gewesen.

Nach etwa einer halben Stunde betrat Junkerin Damiane die Terrasse. Sie hatte sich umgezogen und gewaschen. Sie trug ein einfaches Baumwollkleid in Blau und hatte sich ihren Becher gleich mitgebracht.

»Wie kann ich Euch dienen, Herr Leobrecht?«, fragte sie höflich, noch ehe sie Platz nahm.

»Nun setzt Euch doch, Wohlgeboren«, sprach Leobrecht, indem er aufstand. »Ich sollt mir gar nicht dienen, Ich seid hier Junkerin und Hausherrin obendrein!«

»Was dann?«, blinzelte Damiane.

»Ach, sei’s drum. Setzen wir uns. Warum mistet Ihr die Ställe aus?«

»Damit es schneller geht. Wenn ich mit anpacke, kann ich das Tempo vorgeben. Niemand getraut sich, langsamer zu sein als ich. Und: hopp – schon sind wir fertig!« Junkerin Damiane blinzelte erneut – die Sonne schien ihr ins Gesicht, das war rot von der Anstrengung; und ein wenig grob. Das Gesicht einer Frau, die hart anpackte. Das Gesicht einer Bäuerin, dachte Leobrecht, dem die Junkerin wohl gefiel.

»Warum ich hier bin, Wohlgeboren: Könnt Ihr mir berichten, wie genau Eure Mutter an das Schwert Mondenglanz gekommen ist? Warum sie es Ritterin Yosmina gegeben hat?«

»Ich bin ein wenig überrascht, dass Ihr mich das fragt. Ich bin schon lange nicht mehr nach meiner Mutter gefragt worden. Hm, was ich weiß, ist nicht viel.«

»Das macht nichts, Wohlgeboren. Ich habe auch Ansbart und Helmbrecht von Goyern schon befragt, wie das Schwert von ihrem Vater Falkwin auf Eure Mutter Alwene gekommen ist. Und ich werde Ritterin Yosmina Ende Rahja treffen.«

»Aha. Na ja. Ich helfe Euch gern, Herr Leobrecht. Ich weiß nicht, ob es Euch was bringt, immerhin ist das Schwert ja weg. Ritterin Yosmina wird Euch mehr erzählen können. Wo fange ich an? Das Schwert ist ein Schlachtenschwert. Es wurde - soweit ich weiß, stets in Schlachten oder kurz danach übergeben. Meine Mutter bekam es von Falkwin von Goyern nach der Ersten Schlacht auf den Silkwiesen. Meine Mutter hatte tapfer gefochten und Falkwin das Leben gerettet. Sie wurde dafür geadelt, bekam aber auch Mondenglanz.«

»Ja, das ist bekannt. Wie hat das Schwert Eure Mutter verändert?«, fragte Leobrecht einfühlsam nach.

»Interessant, dass Ihr das so direkt fragt, Herr Leobrecht. In der Tat hat sich meine Muttr sehr verändert, nach dieser Schlacht. Vieles hing natürlich mit den geänderten Umständen zusammen: plötzlich adlig, Herrscherin über das alterwürdige Rubreth, Krach mit dem alten Adel und so weiter. Der alte Falkwin hat ihr damals geholfen. Er hat ja noch gut zehn Jahre gelebt. Na, jedenfalls: Meine Mutter fing an, auf das Feld zu gehen - oder in den Wald - und mit den Vögeln zu reden. Sie hatte dabei immer das blank gezogene Schwert dabei.«

»Mit den Vögeln? Seid Ihr da sicher?«

»Na ja - sonst war da ja niemand, sie war immer allein. Oft war ein Vogel bei ihr. Im Wald vielleicht auch einmal ein Reh oder so.«

»Hat sie nicht vielleicht einfach mit dem Land gesprochen?«

»Mit dem Land?« Herr Leobrecht, wie soll man denn mit dem Land sprechen?« Damiane lachte laut auf. Ein entzückendes, ungehemmtes Lachen, Ein bäuerliches Lachen, das der Adel niemals wüde lachen können, wie Leobrecht bedauernd feststellte. Und ein ansteckendes. Leobrecht lachte ebenfalls, dann fuhr er fort:

»Na gut, Ihr habt recht. Aber war etwas Besonderes an diesen Tieren und Vögeln?«

»Nein. Sie waren immer sehr schön, wie ich fand. Aber ich war ja auch immer weit weg. Mama … Mutter hatte immer darauf geachtet, dass sie allein gewesen ist. Ein paarmal hat sie andre mitgenommen. Graf Danos etwa, aber der ist ja auch etwas Besonderes. Oder mit Ludemar von Rossreut. Mit dem war Mam… Mutter befreundet. Er trug auch eines dieser Schwerter der Goldenen Au.«

»Ich weiß, heute trägt es sein Sohn Waldreich. Den will ich auch noch besuchen. Ihr habt mir sehr geholfen, Wohlgeboren, fahrt fort.«

Noch fast zwei Stunden berichtete Junkerin Damiane von Mohnfeld vom Schwert Mondenglanz und von ihrer Mutter, ehe Ritter Leobrecht sich bedankte und aufbrach.