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Pfalzgrafschaft Bugenhog, Rahja 1031 BF

Der Pfalzgraf Parinor von Borstenfeld thronte in seinem Erker, ließ seinen Blick über die wehrhaften hellen Steinmauern der Pfalz, die saftigen grünen Wiesen und das goldene Korn streifen und spürte tiefe Zufriedenheit in sich aufsteigen. Von Jahr zu Jahr betrachtete er Bugenhog mehr als persönlichen Besitz. Es gab in seinem Umfeld niemanden, der ihm nicht in irgendeiner Weise verpflichtet gewesen wäre, und sein Einfluss nahm mit jedem Tag zu. Er genoss die Abhängigkeit der anderen. Nicht nur diejenige seiner Untergebenen, sondern vor allem derjenigen, die sich für mächtig hielten. Er konnte sie jederzeit gegeneinander ausspielen. Er selbst war unabhängig, selbst von der Kaiserin, seiner unmittelbaren Herrin. Vielleicht sollte er sich noch ein Denkmal errichten? Hier, in seinem Erker, zu just jenem Augenblicke fühlte er: Er war ein großer Mann. Er war in Sicherheit.

Gerade als sich sein verkrampftes Gedärm entspannte, nahm seine verwöhnte Nase einen fremdartigen Geruch wahr, der nicht von ihm selbst ausging. Hoffte er.

Parinor, der peinlich genau auf Sauberkeit achtete, verzog das Gesicht vor Ekel. An diesem Ort hatte Reinlichkeit zu herrschen. Er würde... Der Geruch erinnerte ihn an den Verwesungsgeruch der Fratze unten im Keller. Er war ein paar mal hinabgestiegen. Der Kopf im Eiskeller sollte schließlich den Sommer überstehen. Er verfiel zusehends. Eine gallertartige, aus Pilzen bestehende, Schicht überzog die tote Haut. Der Lepel hatte den Kopf allzu unvermittelt in den Keller gebracht und damit die übliche Verhaltensweise beim Einlagern von Fleisch missachtet.

Als Parinor entdeckt hatte, dass der Lepel keine Ahnung und der Kopf ein Verwesungsproblem hatte, war er allein im Eiskeller gewesen – und folglich hatte es keinen gegeben, mit dem, er hätte schimpfen oder der seinen Wutausbruch hätte hören können. Die einzigen Ohren außer seinen eigenen, waren die sich zusehends zersetzenden Ohren Helmwiks gewesen. Kein Wort des Widerspruchs kam – natürlich. Aber Parinor fand es angenehm, jemanden zum Reden zu haben, irgendwie. So hatte sich im Laufe der Zeit eine Gewohnheit entwickelt, die Parinor insgeheim sein gedankliches Zwiegespräch nannte. Zwiegespräch deshalb, weil sich der Pfalzgraf angewöhnt hatte, auch Helmwiks Part in diesem Dialog zu sprechen; Helmwik, diese tote schmierige Ratte, sprach zwar vulgär, war aber gelegentlich recht einfallsreich. Eine kleine Schrulle von Parinor, diese Zwiegespräche im Eiskeller.

Parinor, jetzt in seinem Erker, erschauerte bei dem Gedanken, dass der Kopf durch finstere Kraft den Weg hinauf gefunden haben könnte. Er schob den Gedanken weg und versuchte sich wieder zu entspannen, aber der Gestank nahm zu. Er gönnte sich ein abfälliges Lächeln, schließlich war sein Handlanger nur noch ein kaputtes Spielzeug. Verbranntes, verdorbenes Fleisch roch so. Eine Rauchfahne zog an seinem schmalen Erkerfenster vorbei. Er ballte seine Fäuste. Er würde schimpfen müssen. Ihm oblag es festzustellen, ob das übrige Fleisch im Eiskeller verdorben war.

Diese eitle Eigenmächtigkeit würde der Lepel bereuen. Er verschob das Geschäft, sprang wütend auf, lief halbnackt durch seinen Turm und dann sah er, dass im Hof seiner, s e i n e r Pfalz ein Mensch verbrannt wurde.

Wenig später stand Kastellan Lepel vor ihm, doch Parinor war noch immer leicht derangiert. Glücklicherweise war er nicht Hals über Kopf hinaus gestürzt und hatte der dreisten Bande eine Standpauke gehalten, denn – man konnte es nicht anders nennen – in seinem Hof hatte sich ein regelrechtes Inquisitionstribunal zusammen gefunden und unmittelbar ohne großes Gewese sein Urteil vollstrecken lassen.

Es war Siegeshart von Ehrenstein, der also endlich zu ihm gefunden hatte – und nicht allein. Er hatte einen Inquisitor dabei und die verhassten Bannstrahler. Der Tote, wie Lepel kurzatmig berichtete, sei eine aufgeblasene Kröte aus dem Umland gewesen, eine von Parinors Kröten. Ein Menschenhändler, der sich nun durch sein unvorsichtiges Gebaren ein Standgericht eingehandelt hatte. Wie waren sie darauf gekommen? Sie mussten in der Stadt Bugenhog nach einem Makel gesucht haben. Ein anderer würde nun die Nische ausfüllen, und Parinor würde noch mehr Profit herausschlagen, aber dennoch ... Diesem Grafenbengel musste er zeigen, wo in Bugenhog der Hammer hing. Ein Standgericht, wie dieses, war keine Zierde der Ordnung. Der junge Graf würde das wieder gutmachen müssen. Zudem könnte Parinor endlich den frechen Kopf vom Helmwik ... war vielleicht besser so.

Der Pfalzgraf schritt in den Hof, nun in ordentlichem Wams, um dem Eslamsgrunder und seinem Inquisitor sowie der ganzen versammelten Entourage aus Ritter und Knechten in Weiß und Gold sein Willkommen vorzuheucheln. Das Zusammentreffen allerdings war kaum freundlich, und geheuchelt wurde nur auf einer Seite.

Das Bild vom täppischen, jungen Grafen musste Parinor angesichts eines ausgewachsenen Mannes mit festem Blick revidieren; und Helmwiks Kopf, der verborgen in einer eisgefüllten Kiste, bedeckt von Brokat, lag, raunte: ›Für Dich ist die Welt wohl vor zehn Jahren stehen geblieben‹. Parinor zwinkerte das Wispern aus seinem Kopf hinfort und widmete seine Aufmerksamkeit wieder den Worten, die der junge – nicht mehr ganz so jungenhafte – Graf da von sich gab. Offensichtlich hatte sich der Intellekt Siegesharts nicht sonderlich weiterentwickelt: Gerade heraus sprach Siegeshart sämtliche Vorwürfe aus und enthüllte dabei, dass er nicht mehr als einen vagen Verdacht hatte. Ja, der zornige Siegeshart tappte völlig im Dunkeln und der Inquisitor würde durch sein Beisein zum Gespött werden. Selbst die Drohung mit dem Reichsgericht schien hohl, und damit gab Siegeshart eine Steilvorlage für einen theatralischen Auftritt Parinors:

»Es dauert mich Euer Schmerz zutiefst, und es ist mir nur allzu verständlich, dass sich Eure Wut gegen mich richtet, aber Euer Leid trübt Euren klaren Blick. Die Schuld geht allein von niederträchtigen, böswilligen Mördern und gierigen Verbrechern aus, wie man sie leider heuer im Königreich vermehrt am Werke sieht. Ich selbst habe leider auch allzu oft mit solchen Gesellen zu tun [›was sogar stimmt‹, zischte Helmwik in Parinors Kopf], doch kann ich mich ihrer auch wieder entledigen. Meine Leute haben schon so manchen Mordbuben zur Verantwortung gezogen! Doch schwer wiegt der Vorwurf gegen mich, ausgesprochen von einem nicht einmal kreditwürdigen Haderkumpen, der seinen Hals retten wollte! Das bereitet mir großes Ungemach. Ihr fragt Euch nun sicher, wie Ihr mir mein Ungemach vergelten könnt?«, sprach Parinor, untermalt von der Gestik eines nachsichtigen, großen Herren, und erwartete heftige Widerworte. Er hatte sie lange geplant, diese Rede, die ganz am Ende eines langen Auftrittes, voller Brüche der Etikette gegen ihn, den Gastgeber, mit der Übergabe des Kopfes an den ungestümen Grafenflegel, jeden Verdacht ersticken sollte. Aber es kam anders.

Siegeshart entgegnete: »Oldebor von Weyringhaus verwies mich an Drego von Angenbruch. Der hat noch jeden Winkelzug aufgedeckt!«

Parinor musste sich beherrschen, damit ihm die Mimik nicht entglitt. Drego traf man nur, wenn Drego es wollte; und Dregos Dienste konnte sich Siegeshart nicht leisten, also würde Drego ihn nicht treffen wollen. Die Bemerkung konnte nur ein Stochern im Heuhaufen sein.

»Ihr seid nicht der Einzige, gegen den ein Verdacht gehegt wird. Tatsächlich hat die Bedrohung im Inneren des Reiches ein unvorstellbares Maß angenommen.«, fuhr Siegeshart fort. Er nannte eine Reihe von Namen und wirren Spekulationen. Darunter bemerkenswerter Weise den Namen des Horbald von Schroeckh. Siegeshart verlor sich aber in Nichtigkeiten. Wer immer mit ihm gesprochen hatte, und sei es Drego, der war hoffnungslos paranoid und Siegeshart selbst war auf dem besten Wege dazu. Er würde sich schnell ins gesellschaftliche Abseits manövrieren, wenn er weiter offen über seine Einbildungen sprach, ohne sich fundiertes Wissen und belastende Beweise verschafft zu haben.

»Meine Sache ist nicht das Spiel im Verborgenen«, säuselte Parinor voll künstlicher Rührung zwischen die Worte seines Gegenübers. »Ich konnte den Mordgesellen ausfindig machen und ließ ihn umgehend zur Strecke bringen.« Nun folgte eine Geschichte voller Pathos, in die Parinor seine Erfahrung als Lügner und Heuchler legte. Er endete mit der Tötung von Helmwik nach abenteuerlicher Hatz durch seine aufopferungsvollen Gefolgsleute. Das Ende eines Schurken, vielleicht eines Wahnsinnigen, aber halt ohne jede absurde Verschwörung im Hintergrund. Dann deutete er auf die Truhe.

Siegeshart öffnete sie neugierig, doch er schrie nicht, er ächzte. Parinor schaute ernst und jubilierte innerlich. »Behaltet den Kopf, zum Angedenken an die gerächte Bluttat«, beschied er dem Eslamsgrunder feierlich und hoffte inständig, dass Helmwik nun nicht nur als Kopf Pfalz Bugenhog, sondern auch als Stimme Parinors Bewusstsein verlassen und künftig bei Siegeshart spuken würde.

Der Blick voll aufrichtiger Anerkennung sowie die Art und Weise, wie Graf Siegeshart brüderlich seine Hand ergriff, zeigten Parinor, dass er auf ganzer Linie gewonnen hatte. Es war unnötig den Bengel jetzt und hier gegen die Wand laufen zu lassen. Das konnte er irgendwann nachholen. Jetzt war Siegeshart ihm verpflichtet und das mochte sich noch als nützlich erweisen.

Zumindest würde er nun endlich wieder ungestört seine Geschäfte verrichten können.