Greifendämmerung - Saufängersauerei

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„Oh, oh. Das würde ich als kaltblütigen Mord bezeichnen!“, sagte Rudon und trat aus dem Dunkel des Unterholzes heraus.

Alwene hatte den blutigen Dolch in der Hand, stand halb gebückt über der Leiche und ließ den erschrockenen Bolick hin und her schweifen. Sie konnte niemanden sonst entdecken. Der Scheupeler Forst schien menschenleer zu sein – die übermütige Sauenhatz des Grafen war schon weitergehastet, so dass man nur noch das bellen der Jagdhunde nachhallen hörte. Taufeucht hingen die Blätter an diesem kalten Rahjamorgen von den Bäumen und ließen sich angesichts der auf dieser kleinen Lichtung verübten Mordtat hängen.

„So war es nicht!“, rief Alwene verzweifelt. „Er … er hat mich bedrängt. Er wollte Hand an mich …“

„Aber, Ritterin, an Euch? Ihr seid bekanntermaßen eine Wildkatze – gefährlich und angriffslustig. Und Gerbald hier … der ist doch doppelt so alt wie Ihr.“ Rudon trat schlendernd näher.

„Das mag sein, aber er war auch sehr wild. Und er hatte es von jeher auf mich abgesehen! Schon als ich Knappin bei ihm war, war er weniger an meine Schwertausbildung interessiert als an meiner …“

„Oho. Das glaube ich gerne! Na und? Ist das ein Grund, den armen Greis Jahre später hier abzumessern?“

„Es war Notwehr“, insistierte Alwene zornsprühend.

„Notwehr? Hätte dazu nicht Eure Faust genügt? Musste es die Saufänger sein?“ Rudon betrachtete das lange Eisen, von dessen Spitze das Blut des Getöteten tropfte.

„Hatte gerade nichts anderes. Ihr müsst verstehen … er bedrängte mich. Wollte mich erpressen.“

„Bedrängen? Das hatten wir schon. Gerbald war zu alt, um Euch gefährlich zu werden.“

„Aber meine Kinder sind es nicht. Er hat gesagt, er würde dafür sorgen, dass sie keine ordentlichen Knappenherren findne würden. Dass er ihnen das Leben schwer machen würde. Wenn ich ihm nicht gefügig wäre, ehe er …“ Alwene verstummte und sah Rudon an. Ihr war bewusst, wie absurd das klang. Gerbald zu Roßsprunk war jahrelang Oberzollmeister am Grafenhof gewesen und korrekt bis zu Langeweile. Natürlich – selbst der frömmste Pilger konnte hinter der Fassade ein Schwein sein. Aber Erpressung? Roßsprunk? Alwene wusste, wie bescheuert das klang. Sie blickte Rudon ins Auge und sagte keck: „Außerdem wart ihr nicht hier. Ihr seid eben erst dazugekommen. Wer sagt, dass es nicht Räuber waren, die über die Rakula gekommen sind? Ich habe vielleicht nur den blutigen Dolch aufgehoben? Da steht doch mein Wort gegen Eures!“

„Ihr vergesst, liebe Alwene, dass ich der Landvogt dieser Ländereien bin. Mein Wort wiegt schwerer als Eures. Und was würdet Ihr vor dem Praiosgeweihten sagen? Doch wohl nur die Wahrheit, oder? Seht Ihr – es gibt gar keinen Ausweg für Euch. Ihr seid eine Mörderin an einem unbewaffneten alten Mann.“

„Unbewaffnet? Er hat doch auch eine Saufänger. Da!“

„Die hier?“ Rudon bückte sich. „Das ist meine.“ Er steckte sie unter seinen Gürtel.

Alwene schnappte nach Luft: „was …? Ihr …!“

„Liebe Alwene, ganz ruhig. Das hier ist eine ziemliche Sauerei, wenn ich das Wortspiel wagen darf. Und darum räumen wir jetzt ein bisschen auf. Ihr gebt mir Eure Waffe – danke. Dann wischt Euch mal das Blut von den Fingern, atmet kurz durch. Gut so. Und jetzt stellen wir fest: Wir haben einen Zeugen -. Mich. Eine Mordwaffe – hier. Und die Wahrheit. Das ist alles sehr eindeutig. Graf Drego wird gewiss ein Ohr für Eure Situation haben, so belästigt von diesem hässlichen alten Mann hier. Aber ob Euch das vor dem Richtblock bewahrt …?“

Alwene spannte sich an, als ob sie gleich fliehen wollte. Sie hatte zwar noch ihr Schwert dabei, aber der Landvogt ebenfalls. Und der galt als Reichsforsts bester Fechter. Herausfordernd sah sie Rudon an.

„Und nun, Hochgeboren“, fragte sie förmlich.

„Nun sagt mir mal, wie Eure Kinder heißen.“

Perval, fünf, und Invher, drei.“

„Schön, schön. Wir machen es wie folgt. Dieser alte Sack da kümmert mich nicht. Er wäre entweder sowieso bald von Golgari geholt worden oder mit irgendeinem verärgerten Steuerpächter aneinandergeraten. Es waren also offenbar Räuber hier, die über die Rakula gekommen sind, um den Schwachkopf auszurauben …“

Rudon bückte sich und schnitt der Leiche den Geldbeutel vom Gürtel und zog die Ringe von den Fingern. Er steckte alles in die Tasche.

„… dann kamt Ihr und konntet sie vertreiben. Das müsst Ihr alles gleich beim Legen der Strecke berichten.“

„Warum … was soll ich … wieso?“ Alwene war verwirrt.

„im Gegenzug versprecht Ihr mir, mir auch einmal einen großen Gefallen zu tun, wenn ich Euch darum bitte.“

„Und wenn es nicht bei einem bleibt?“, fragte Alwene misstrauisch nach.

„Es wird ganz sicher nicht bei einem bleiben, aber wenn Ihr damit zufrieden seid, dass Euer hübscher Kopf auf Eurem schmalen Hals bleibt, dann werdet Ihr gar nicht mit dem Zählen anfangen.“

Alwene blieb stumm. Hilfloser Groll zeichnete sich in ihrem Gesicht ab – für Verstellung hatte sie nie Talent besessen.

„Außerdem werdet Ihr Euren Sohn Perval in meinen Haushalt geben, wenn er das Pagenalter erreicht hat. Ich werde mich um seine Erziehung und Knappenausbildung kümmern.“

„Und wenn ich mich weigere?“

„Dann gibt es eine hässliche Gerichtsverhandlung.“

„Und wenn ich sage, dass Ihr mich erpresst habt? Dann ziehe ich Euch mit rein. Wenn der Praiospfaffe fragt und die Wahrheit wissen will!“ Alwene reckte das Kinn.

Rudon lächelte maliziös: „Die Wahrheit? Die Wahrheit würde der gar nicht ertragen.“

Alwene fröstelte.

Wappen Familie Scheupelburg.svg
Ereignis:
Alwene von Schneitzig wechselt in Langenlobs Lager, und Gerbald zu Roßsprunk fällt von Räuberhand.
Datum:
2. Rah 1040 BF