Gnitzenkuhler Legenden:Gefangene der Bilder

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Dramatis Personae:

Isora Langenhagen

Ein Mädchen

Baronie Gnitzenkuhl, Alriksweiler 1033 BF

„Eines Tages, da ging ein kleines Mädchen, Zordiane geheißen, gerade so alt wie du war sie, alleine dort hin, wo sie eigentlich gar nicht sein durfte...“ Die alte, fast zahnlose Isora machte eine theatralische Pause und wartete bis auch der letzte ihrer jungen und nicht mehr ganz so jungen Zuhörer seinen Platz gefunden hatte. Sie hatte einem kleinen vorlauten Mädchen, welches um die 13 Götterläufe gesehen haben mochte auf die Nasenspitze gestupft, woraufhin es ganz still wurde und rot anlief. Rasch eilte sich die so gescholtene genau wie die anderen auch, im Schneidersitz um die alte Erzählerin aus ihrem Dorfe nieder zu knien.

Firuns Atem hielt nun auch ihr Zuhause in seinem eisigen Griff und seit dem gestrigen Morgen bedeckte gar Schnee die Felder um Alriksweiler. Dies kam selten genug vor. Nur zu gern hockte man sich da abends zusammen und genoss das Beisammensein. Natürlich wurde bei solchen Gelegenheiten viel erzählt. Nicht alles war für Kinderohren geeignet, daher hatte die Alte den Zotenreißern das Wort abgeschnitten und statt dessen die Kinder mit einem gesungenen Reim zu sich gerufen. Den Takt hatte sie dabei rhythmisch mit ihrem Stock auf den Dielenboden geklopft.

„Kommt doch her ihr Lieben, es stand einst geschrieben, eine Mär von einem Wicht oder auch ein klein Gedicht. Isora ruft euch all herbei, eins , zwei, DREI.“ Noch immer hatte ihre Stimme eine ehrfurchtgebietende Wirkung, sodass bald Ruhe eingekehrt war, nachdem sie die letzte Zahl gesungen hatte und die Kinder sich um sie geschart hatten.

Lächelnd sprach sie dann sogleich weiter. Ihre Stimme klang mit einem Mal warm wie die Sonne an einem Tag im Rahjamond während ihr erwartungsvolle Augenpaare entgegenblickten.

„Dieser Platz war dem jungen Ding, wie hieß sie noch gleich…?“ Im vielfachen Kinderchor erscholl die Antwort: „ZORDIANE“ Milde lächelnd nahm sie nach dieser aufgesetzten Vergesslichkeit den Faden wieder auf. „Genau, ihr habt gut aufgepasst. Gut, also Zordiane war dieser Platz schon seit Kindesbeinen an so vertraut, dass sie die Warnungen der Alten nicht mehr ernst nahm, sondern es für törichtes Gerede hielt, dass sie den Kindern mit ihren Ziegen und Schweinen angedeihen ließen. Es war vielleicht an diejenigen gerichtet, die sich in dem urwüchsigen Wald verlaufen konnten, oder verängstigt durch die Laute der Natur in die Irre begaben, aber ihr war es doch eine traute Umgebung! Viel mehr noch. Hier entkam sie dem Gezänk ihrer Geschwister, besonders ihrer ewig miteinander konkurrierenden Brüder. Wer hatte was, wie, vor allem wie oft und was derzeit am wichtigsten war: besser gemacht. Dies schien der einzig interessante Lebensinhalt dieser Tagediebe und Tunichtgute zu sein.“

Innerhalb der Gruppe der frechen Zuhörerschar wurde manch triumphaler Blick gewechselt oder gar kleine Zungen herausgestreckt. Scheinbar hatte die Geschichte den Nerv einiger der Anwesenden nur zu gut getroffen.

„Beim Ausschreiten auf dem weichen Waldsoden schienen sich jedoch ihre kleinen Sorgen wie von selbst zu verflüchtigen, und sie konnte über die übermütigen Taten ihrer kleinen Brüder, oder was auch immer sie an diesem Tage fort getrieben hatte, schon wieder lächeln. Wann immer sie die einsamen Pfade beschritt erging es ihr so. Darum kam sie ja auch immer wieder her. Gedankenverloren streiften ihre Finger über die saftig grünen Farnwedel und wie von selbst suchten ihre Füße wie viele male zuvor den Weg zur einsamen Lichtung.“ Aufmerksam beobachtete die Frau die Kinder und musterte ihre Reaktion. Leicht konnte sie die kleinen Geister der Kinder bewegen in den fernen Sommer, an einen fernen Ort. Begierig blickten sie die Erzählerin an, ihnen mehr zu geben von ungesehenen Orten und Abenteuern die sie selbst nie erleben würden. Ein kleines stilles Mädchen, blass wie Mada selbst, mit dickem, dunklem Haar, fesselte dabei kurz Isoras Aufmerksamkeit, bevor sie mit sanfter Stimme weiter sprach.

„Noch einmal zogen sie ihre Gedanken fort- nach hause. Von ihr verlangte man, dass sie sich um die kleineren Geschwister kümmerte, ihrer Mutter beim Haushalt unter die Arme griff und auch sonst erkannte wo eine helfende Hand gebraucht wurde. Ihr Vater hatte sie das rechnen und schreiben gelehrt, worauf sie sehr stolz war. Gestern erst hatte sie tüchtig zupacken müssen bei dem zünftigen Fest im Dorfhaus. Nur zu gerne ergriff sie daher an jenem Tage die Gelegenheit und zog sich in dieses einsame Fleckchen im nahe gelegenen Wald zurück. Es mag vielleicht sogar Ähnlichkeit zu unserem Trollholz gehabt haben.“

Überraschte Laute von Seiten einiger Kinder zeigten, dass sie nicht damit gerechnet hatten, dass die Geschichte vielleicht über einen Ort berichten würde, der doch nur wenige Meilen von ihnen entfernt lag. Die Größeren nickten nur und machten „Ppsssttt“, durften sie diese Mär doch nicht das erste Mal hören.

„Sie wollte nicht undankbar sein. Andere Mädchen in ihrem Alter mussten mit auf dem Feld arbeiten oder mit was auch immer ihre Eltern ihren Lebensunterhalt verdienten. Ihr Vater hatte einen Krämerladen und ihnen erging es wohl. Ihre Mutter half oft dort aus, und hatte dennoch immer ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Sprösslinge. Doch ab und an wurde ihr als ältester Tochter der Trubel zu viel, und sie musste in die Einsamkeit des Waldes fliehen.

Im Dorf war am Vortag nämlich eine Hochzeit gefeiert worden, und nun in den frühen Morgenstunden hatte der Tag für viele noch nicht richtig begonnen. Diese Gelegenheit hatte sie beim Schopfe gepackt.

Als sie endlich ihr Ziel erreicht hatte, befiel sie wie immer eine leichte, ehrfürchtige Scheu, sobald sie auf die Lichtung hinaus trat. Kein Baum, kein Schössling und kein Kraut, dass sonderlich hoch wuchs verunstaltete das vollkommene Rund. Inmitten dieses Kreises standen sie. Oder vielmehr lagen, alte steinerne Zeugen längst vergangener und in Vergessenheit geratener Zeiten. Einmal war sie als kleines Mädchen so unvorsichtig gewesen ihrer Großmutter von ihrer Zuflucht zu berichten. Eine ordentliche Tracht Prügel war das Ergebnis dieser begeisterten Schilderung ihres Fundes gewesen. „Das soll dir eine Lehre sein. Und „Nie wieder, hörst du nie wieder wirst du einen Schritt dorthin tun. Tod und Verderben warten dort auf dich.“ Musste sie sich von der geliebten Frau anhören.

Eine Weile war sie durch diese Aussage erschreckt der Steinlichtung fern geblieben, doch als die Großmutter krank im Bette danieder lag, war die Erinnerung schon wieder so weit verblasst, dass sie begann den Wald wieder zu besuchen.

Aber am morgen war sie fast noch nie dort gewesen.“ Isora wurde mit ihrer Stimme noch leiser, gleichzeitig begann sie aber mit Händen zu imitieren was das Mädchen im Folgenden tat.

„Hell schienen die Strahlen des Praiosmals auf die bemoosten Steinriesen und schienen sie lebendig werden zu lassen. Schattenspiele ließen sie die einzelnen stummen Zeugen eingehender als früher betrachten.“ Die Alte legte eine Hand über die Augen und fast hatte man das junge Mädchen vor Augen wie es die Steine studierte.

„Eine Platte, deren Unterseite seltsame Rillen im Schattenspiel aufwies ließ sie aufmerken. Verwundert und neugierig über diese Entdeckung trat sie näher heran. ‚Merkwürdig, das ist mir ja noch nie aufgefallen.’ dachte da das Mädchen verwundert. Zügig trat sie an die Mitte der Lichtung und erklomm erst einen der Steine, um über ihn hinweg zur Mitte der Ruine zu kommen. Hier waren einige Brocken übereinander gefallen. Zordiane hatte sich im Kommen und Gehen der Götterläufe immer mehr ausgemalt, dass dies hier nur die Spitze von etwas sein musste, das nunmehr von Erde bedeckt war. In stillen Stunden hatte sie von versunkenen Palästen und Prinzen geträumt. Doch ihre Träumereien mochten durchaus auch in der Realität bestand haben, denn die Lage und Größe der Quader machte sie auch in folgenden Jahren glauben, dass die sichtbaren Relikte dereinst eine Art Kuppel gebildet haben könnten.“ Die Hände der Alten bildeten an dieser Stelle eine Art Dach über ihrem Kopf.

„Genau auf diese Mitte des Daches hielt sie nun zu, und kratzte mit bloßen Händen die behauene Oberfläche ab. Sie zeigte nach innen, was ihr eine mühsame Aufgabe und blutige Fingerkuppen bescherte. Sie holte sich ein Stöckchen zur Unterstützung ihrer Arbeit. Zufrieden mit ihren Bemühungen legte sie sich schließlich auf den Rücken neben die frei gekratzte Platte und betrachtete sich das Ornament. Sie kniff angestrengt die Augen zusammen, musste sie doch in eine dunklere Höhlung schauen, während die draußen scheinende Sonne sie fast blendete. Vorsichtig fühlte sie mit den Fingern die fremden Spuren und Verzierungen nach. Eine Wolke schob sich vor die güldene Scheibe, so, dass sie nun besser erkennen konnte was sie da mühsam frei gelegt hatte.“

An dieser Stelle war ihre an sich warme, freundliche und verständnisvolle Stimme einer seltsamen Wandlung anheimgefallen. Drohend, zumindest aber unheimlich hörte sich nun die folgende Schilderung an.

„Merkwürdige Muster konnte sie erkennen, fremdartig ineinander verwobene Linien, die keinen rechten Sinn ergaben und wenn man deren Verlauf mit den Augen folgte schwindelte es sie gar. Nach eingehender Betrachtung schloß Zordiana nach einer Weile angestrengt die Augen. Ihr war mit einem Mal so…anders.“ Aufmerksam studierte Isora das kleine schwarzhaarige Mädchen, welches gar nicht mehr so blass und unschuldig schaute, sondern deutlich rote Wangen aufwies. Die Augen vor Überraschung weit geöffnet, über den Verlauf der Geschichte wie es schien. Isora aber sprach unbeirrt weiter. Nicht mehr ganz so drohend, eher mitfühlend und voll des Bedauerns wie es schien.

„Ob sie das Freilegen so erschöpft hatte, oder die kräftezehrende Arbeit bei der Bewirtung der Hochzeit vom gestrigen Abend? Sie wusste es nicht. Aber ihre 14 Götterläufe alten Beine fühlten sich an, als würden sie ihr den Dienst versagen wollen. Nur eine kleine Pause wollte sie einlegen, bevor sie wieder zurück ging. Natürlich würde sie keinem von ihrem Fund erzählen, schließlich wollte sie nicht, dass sie hier jeder störte. ‚Mein Geheimnis...’ dachte sie noch, bevor sie kraftlos zu Boden in eine Graskuhle sank, und augenblicklich einschlief.“

Sie ließ ihre Geschichte an dieser Stelle abbrechen und blickte in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder. Da unter ihnen eine Wissende war, würden sie heute ein anderes Ende zu hören bekommen als in vergangenen Zeiten. Einige wenige der Alten würden ahnen, was das bedeuten konnte- aber so war es schon immer gehalten worden!

„Ihre Eltern begannen sie am Abend zu suchen, doch vergeblich. Mit Fackeln suchte die Hochzeitsgesellschaft nach dem Mädchen. Ohne Erfolg. Drei Monde später, wurde von mildtätigen Reisenden schließlich in Perricum ein Mädchen im Kloster der Noioniten abgeliefert, da man sich auf die Worte der verwahrlosten Mädchens keinen Reim machen konnte.

Unweit der Grenze zwischen unserer Baronie Gnitzenkuhl und der Baronie Haselhain hatte man es aufgelesen und ob seiner schlechten Verfassung mit sich genommen. Ein Heiler aus der Gesellschaft hatte sich zunächst um das Kind gekümmert, doch schnell gemerkt, dass seine Künste nur dem Körper, aber nicht dem verwirrten Geist des Kindes helfen konnten. Schwach war sie und redete nur verworrenes Zeug. Doch den Göttern sei Dank ist die Kunst des Seelenheilens dort wohl bekannt. Schon nach einem weiteren Götterlauf konnten die Eltern ihre Zordiane wieder abholen.“ Hier schaute sie gutmütig in die Augen ihrer jungen Zuhörerschar. Im Rücken spürte sie aber schon einige wenige bohrende Blicke derjenigen Erwachsenen, die wohl bemerkt hatten, dass sie von ihrer üblichen Weise abgeschwenkt war.

„Ihr wollt nun sicher wissen was Zordiane ihren Eltern erzählt hat?“ Nicken und banges Hoffen prägte die meisten Antlitze. „Nichts! Sie sagte, dass die Tage, die sie verschollen war auch in ihrem Geist verschollen sind, und sie sich jetzt wieder wohl fühlt, solange Menschen um sie sind.“ Einige wenige der Kinder stöhnten vor Enttäuschung auf, es waren vor allem zwei Halbstarke Brüder, die in Alriksweiler ob ihrer Untaten schon wohl bekannt waren. Unbeirrt erzählte Isora weiter, hatte sie doch in den vielen Götterläufen gelernt, dass die stillen Kinder oft einer größeren Gefahr ausgesetzt waren als die Tunichtgute. „In der Nähe eines Waldes hat man sie aber ihr ganzes Leben lang nicht mehr gesehen. Sie selbst hat nie den Traviabund begangen, doch auf die Söhne und Töchter ihrer Brüder hat sie gewacht, als ob es ihre eigenen wären.“

An dieser Stelle hatte sie für das Mädchen sicher recht unvermittelt den Kopf gedreht und in ihre dunklen wissenden Augen geblickt. Dies genügte ihr als Bestätigung ihrer Vermutung. Es war Eile geboten. Sie wackelte scheinbar schwerfällig auf das Kind zu. „Komm Mädchen, begleite du mich heute heim. Es ist rutschig draußen und die alte Isora braucht eine Stütze. Die Lauser hier, ham sicher ohnehin noch zu tun. Der Dorfplatz sollte geräumt werden!“ Damit scheuchte sie die Brüder vor sich her, die zwar unter mosern, aber dennoch ohne ernsthaften Widerstand zu leisten, dem Zeig der Alten nach kamen. Hinter ihrem Rücken erhob sich an einem Tisch Getuschel, welches sie aber mit einem einfachen Blick zum Erliegen brachte. Schlimm genug, dass es mal wieder passiert war, aber das Gerede dieser trotteligen Dummköpfe musste es nicht auch noch anhören.

„Schickt nach ihrer Mutter, sie soll sie bei mir abholen.“ Waren die letzten Worte, die sie sprach, bevor sie die Schankstube in Begleitung des Mädchens verließ.

„Und jetzt erzähl du mir mal wie du heißt Mädchen. Mich kennt hier ja jeder, ich bin die alte Isora, aber ich geh nur noch selten vor die Türe, da kenn ich nicht mehr jeden…!“

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Texte der Hauptreihe:
K2. Gefangene der Bilder
Autor: NR