Fremdes Erbe - Angst und Trotz

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Dramatis personae:


Gut Dunkelwald (Junkertum Altenbeek), 5. Efferd 1036 BF

Als Irian endlich das Gut Dunkelwald, Sitz des Ritters Raimund von Dunkelwald, sah, ließ er sein Pferd anhalten, um sich umzusehen. Als er in Samlor übernachtet hatte, hatte er bereits gehört, dass südlich davon nicht mehr viel kommen solle und die Gegend trostlos und ungezähmt sei. Aber er hatte es sich anders vorgestellt. Den halben Tag reiste er bereits auf einem Weg, der diese Beschreibung nicht verdiente und die Bäume rückten stetig näher an den Weg heran, als wollten sie einem zeigen, dass dies ihr Land sei. Das schlechte Wetter und der kalte Nieselregen besserten die Lage auch nicht. Nun war es früher Abend und Irian fror am ganzen Leib. Er hatte sich auf ein warmes Heim für die Nacht gefreut; zwar in Gesellschaft des verschrobenen Ritters, der von den Leuten nur „der Waldschrat“ genannt wurde, aber der ihm sicherlich Unterkunft gewähren würde. Jetzt, da er das Gut sah, war er sich nicht mehr sicher, ob er das wollte. Kein Licht zu sehen und entgegen der Erwartungen Irians stieg auch kein Rauch aus dem Schornstein.

Er sah sich noch einmal um. Das dumpfe, dunkle Gras, welches für gewöhnlich hüfthoch wäre hing nass vom Regen am Boden. Die Landschaft vor ihm stieg stetig an und hinter dem Gut konnte Irian die Ausläufer des Dunkelforstes sehen; bedrohlich und dunkel. Irian ritt langsam weiter. Als er näher kam, sah er, dass die Tore des Gutes geschlossen waren. Über dem Tor stand eine Gestalt, die nun, da sie Irian scheinbar gesehen hatte, eine kleine Glocke läutete. Einige Augenblicke später stand Irian vor dem Tor und blickte nach oben.

„Heda! Öffnet das Tor.“ Er musste sich räuspern, da ihn seine Stimme beinahe verließ. „So sagt mir doch erst, mit wem ich es zu tun habe.“ Kam es von oben zurück.

„Mein Name ist Irian und ich suche dies Gut auf im Namen von Darian Ardor aus dem Hause Bieninger, Junker von Altenbeek, auf.“

Eine kleine Pause später hörte Irian Schritte auf einer Leiter. Ein Riegel wurde herausgehoben und das Tor letztendlich geöffnet. „Kommt herein und wartet hier. Ich werde Euch ankündigen.“ Mit diesen Worten ging die Wache auf das Haupthaus zu. Der Hof, in welchem Irian nun stand war schlammig. Es roch aus den Ställen und er sah eine Magd in einer Ecke des Hofes stehen und ihn anstarren.

„Los! Geh wieder an die Arbeit! Noch nie einen Fremden gesehen oder was?“ rief die Wache ihr zu und sie huschte wortlos davon.

Als der Mann weg war führte Irian sein Pferd in den Stall. Dort fand er einige Ziegen, zwei Schafe und einen alten Gaul, der seine beste Zeit schon lange hinter sich hatte. Müde schaute der Gaul ihn an und drehte sich desinteressiert wieder weg. Irian band sein Pferd an und begann es abzusatteln.

„He! Was tut Ihr da? Hatte ich nicht gesagt Ihr sollt am Tor warten?“ Irian schrak auf, da er nicht gehört hatte, dass die Wache zurückgekommen war.

„Ich wollte nur mein Pf…“

„Nein. Das wird nicht nötig sein. Kommt jetzt.“

Irian folgte wortlos dem Mann. Misstrauen. Blankes Misstrauen. Sie kamen ins Haus und der erste, der Irian begrüßte war ein struppiger, großer Hund, der ihn anknurrte. Das Haus selbst war massiv und mit Schnitzereien verziert. Die Wache führte Irian in einen größeren Raum, in welchem ein langer Tisch stand mit einigen Stühlen und einem weiteren imposanten Stück am Kopfende. Der Stuhl war stark ausgeschmückt mit Schnitzereien und gepolstert. In dem Stuhl saß ein drahtiger, alter Mann mit dunkelgrauem Haar, welches kurz geschnitten und struppig war, wie das seines Hundes. Er hatte einen langen Kinnbart, während seine Wangen von Bartstoppeln übersät waren. Er trug ein wattiertes Wams, welches nötig war, da das Haus nicht beheizt war. Der Mann hob den Blick vom Teller und musterte Irian länger, als es ihm angenehm gewesen wäre, und zog geräuschvoll die Nase hoch.

„Wer ist das?“ fragte er seine Wache, während er weiter Irian ansah.

„Das ist Irian, mein Herr. Er ist hier Im Auftrag Eures neuen Herrn Darian Ardors aus dem Hause Bieninger.“, antwortete diese rasch.

„Mein Herr ist tot und noch habe ich meines Wissens nach keinen Eid geleistet. Also steht vor mir Irian, der Junge. Und ich kenne keinen Irian. Was also treibt der Knabe an meinem Esstisch? Wofür teile ich Wachen ein, wenn sie ohnehin jeden rein lassen? Bastard, erklär mir wofür ich Wachen einteile.“

„Soll ich ihn wieder hinaus geleiten?“ Irritiert sah Irian in die dunkle Ecke, aus welcher ein Mann heraustrat, den Irian bisher noch nicht gesehen hatte. Er war groß gewachsen und muskulös, wie Irian, trug ebenfalls ein wattiertes Wams und eine Axt und einen schweren Dolch am Gürtel. Sein Haar war dunkel und kurz und er trug einen dichten Bart.

„Habe ich das etwa gesagt? Du sollst mir sagen wofür ich Wachen einteile. Und wenn es dir wieder eingefallen ist weckst du die anderen und erklärst es ihnen auch noch einmal. Du weißt wie.“ Ein Funkeln ging durch die Augen des Ritters.

„Mein Herr, ich wollte doch nu…“, begann die Wache. Angst.

„Jawohl, mein Herr.“, unterbrach ihn der Mann, der nur Bastard genannt wurde. Er trat einige Schritte vor und führte die Wache hinaus. Selten hatte sich Irian so unwohl gefühlt wie gerade in diesem Raum. Niemand war mehr darin, außer ihm und dem Ritter. Dieser riss sich ein Stück von dem Brot ab, was auf seinem Teller lag. Schlürfend nahm er einen Zug aus dem Humpen, der vor ihm stand.

„So Irian. Was willst du von mir?“, begann der Ritter erneut.

„Ich habe ein Schreiben von Darian Ardor aus dem Hau…“

„So gib es doch endlich her, ich weiß langsam wie der Mann heißt, dessen Laufbursche du bist.“, unterbrach ihn der Mann. Rasch trat Irian vor und übergab das Schreiben.

„Warte dort.“, sagte der Ritter und nickte in Richtung einer der Ecken.

Raimund von Dunkelwald betrachtete das Siegel eingehend, brach es und las das Schreiben. Totenstille im Raum. Nichts war zu hören. Plötzlich vernahm Irian von draußen dumpfe Schläge und schmerzerfülltes Stöhnen. Unruhig blickte sich Irian um und fand den Blick Raimunds, der seelenruhig von dem Schreiben aufsah und ihm tief in die Augen blickte.

„Du möchtest sicher wissen was das ist, nicht wahr?“, fragte er. Er ließ Irian keine Zeit zum antworten und fuhr gleich fort. „Das ist der Bastard, der den Wachen ihre Aufgabe erklärt. Gut, dass du vorbeigekommen bist, da sie scheinbar eine erneute Lektion benötigt haben.“ Er wandte den Blick wieder ab und las weiter. Die Schläge hielten an und auch das Stöhnen. Nach einiger Zeit hatte er das Schreiben gelesen und erhob sich.

„Weißt du was in dem Schreiben steht?“, fragte Raimund Irian.

„Nein, Herr.“, antwortete Irian.

„Hier steht, dass ich mich auf Gut Bieninger einfinden soll, um meinen Lehnseid abzulegen und der Biene die Treue zu schwören. Hast du schon einmal einen Lehnseid abgelegt? Ich schätze nicht.“

„Nein, Herr.“

„Die praiosgefällige Ordnung ist es, die unser Reich stark hält, sagen die Praioten. Der Schutz den der Lehnsherr seinen Männern garantiert ist es, der das Reich schützt, sagen die Rondrianer. Aber was sagst du Irian? Hattest du das Gefühl von Praios und Rondra geschützt zu sein als du herkamst?“

„Der Schutz der Götter ist allgegenwärtig für den Gläubigen, mein Herr.“

„Schön auswendig gelernt, doch preist sich die Familie, der du dienst, nicht mit ihren wahren Worten? Ich denke hier“, dabei macht er eine umfassende Geste mit seinen Armen, „herrscht Firun. Er fordert dich an jeder Ecke und straft den Unaufmerksamen. Sag mir, wie soll mich die Biene von ihrer Wiese aus vor den Gefahren schützen, die mir drohen? Wie soll sie mich vor dem schützen, was sie nicht kennt? Ich könnte es dir nicht sagen, wie sie das machen will. Ich kenne dieses Land und solange ich atme, wanke ich nicht. Sag das dem Bieninger.“ Er faltete das Schreiben zusammen, ging um den Tisch herum und verließ den Raum. Im Hinausgehen sagte er noch: „Du kennst ja den Weg raus.“

Angst. Trotz allem spürte Irian bei Raimund Angst.