Fremd in der Heimat - Teil 27

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Diesen Teil der Geschichte kannst du hier aus Baronin Escalias Sicht erleben.


„Es ist wahr“, erwiderte sie, „Baron Darulf starb vor ein paar Tagen. Die genauen Umstände sind gerade nicht von Belang. Wichtig ist nur, dass man mich mit Fremmelsfelde belehnt hat.“
„Aber wenn das wahr ist …“
„Es i s t wahr!“
„Verzeiht, natürlich. Aber ich meinte nur, dann können wir ja zurück nach Fremmelshof und die Stadt wieder aufbauen. Es ist zwar nicht mehr viel ganz geblieben, aber -“
„Das geht nicht.“, unterbrach sie ihn.
Hartor sprang auf. „Aber wir brauchen einen Ort zum Leben. Wir sind keine Bauern, die meisten von uns haben ihr Leben in der Stadt verbracht als freie Untertanen Eures Vaters. Wir können jetzt nicht einfach zu Bauern, zu Unfreien werden, die auf irgendeinen Dorfschulzen hören müssen und irgendwem dienen!“
„Das verstehe ich, doch nach Fremmelshof könnt ihr nicht zurück.“ Sie drückte ihn wieder hinunter auf die Bank und setzte sich an seine Seite.
Hartor sah sie an und schwieg. Er verstand sie nicht. War sie nicht eine von ihnen, wie sie in der falschen Zeit, ohne Freunde, geschweige denn Bekannte oder gar Verwandte? Warum half sie ihnen jetzt nicht?
„Ich werde in der nächsten Zeit einige Veränderungen in der Baronie vornehmen. In diesem Zuge werde ich das Land neu verteilen und ihr werdet in den Dörfern als Gleichberechtigte leben können. Jeder nach dem Stand, den er vorher hatte.“ Escalia schaute freundlich, sie schien von ihrem Vorschlag überzeugt.
„Das wird nicht viel ändern.“, gab Hartor zurück. „Unsere Situation wird sich nicht ändern, wir sind fremd hier. Egal, was wir tun, was ihr tun werdet, wir werden auch immer Fremde bleiben. Sie akzeptieren uns nicht, und wie sollten sie auch? Wir sind Eindringlinge und der Grund für alle Veränderung. Es wird nur schlimmer werden.“
Escalia sprang auf. „Es geht mir nicht anders! Aber ich habe mein Schicksal akzeptiert und versuche, dieses Leben zu nehmen, wie es ist!“
Sie hatte diese letzten Worte laut gesprochen, sie wirkten wie ein Weckruf für Hartor. Er erinnerte sich plötzlich des Planes, der ihn erst hierher geführt hatte. „Ich habe einen Vorschlag. Ich bin auf meinem Weg hierher an einem Weiher vorbeigekommen. Kein Mensch und keine Behausung waren weit und breit zu sehen. Gebt uns die Möglichkeit, uns dort niederzulassen, und wir werden miteinander einen Weg finden, hier heimisch zu werden.“
Escalia überlegte. „Wo war das?“
„Ungefähr auf halber Wegstrecke zwischen Fremmelsdorf und Hahnendorf.“
„Aber ihr wäret nicht fähig, euch zu versorgen, ihr seid zu wenige!“
Hartor schaute sie überrascht an. „Wir sind mehr als zweihundert Menschen, fast alles junge Leute, etliche Kinder sind dabei!“ Er sah – nicht ohne Genugtuung –, wie nun die Überraschung auf der Seite der jungen Baronin war.
„So viele?“
„Es sind nicht alle Städter, etliche Bauern und andere Bewohner des Umlandes hatten sich damals in unsere Stadt geflüchtet. Ich glaube, dass wir es schaffen könnten!“ Hartor fühlte sich wieder sicherer. Während der letzten Worte war er aufgestanden und nun standen sich die beiden gegenüber: zwei Relikte aus der Vergangenheit, die sich aufmachten, in der Gegenwart anzukommen.
Einige Momente herrschte Stille zwischen ihnen, offenbar war es nun an der jungen Baronin, nachzudenken. Das war schon etwas, da hatten die Götter auf unvorhersehbare Weise wieder einmal ihre Geschicke gelenkt und machten seine Baroness zur Baronin. In gewisser Weise war es angenehm, irgendwie vertraut. Immerhin kannten sie sich von früher, wenn sie auch etwas jünger war als er und natürlich über ihm gestanden hatte. Und nun tat sie es wieder.
„Ich muss morgen nach Gallstein reiten. Wenn ich in zwei oder drei Tagen zurück bin, werde ich eine Entscheidung treffen. Bis dahin sammle Deine Leute und bring sie zu jenem Weiher. Ich werde dafür sorgen, dass man Euch das Nötigste an Nahrung dorthin bringt.“
Hartor verbeugte sich. „Danke, Euer Hochgeboren. Ich werde dann nach Fremmelshof zurückkehren und die anderen holen. Sie werden dankbar sein, den Wald verlassen zu dürfen.“