Fremd in der Heimat - Teil 23

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Der Wächter direkt am Tor war nicht auf einen Überraschungsangriff gefasst, er flog zur Seite. Hartor kümmerte sich nicht um ihn, er suchte nach dem Weg, der ihn zum Baron führen sollte. Schnell jedoch erkannte er, dass die Burg mehrfach gesichert war. Er befand sich lediglich im Vorhof, etliche Meter weiter befand sich eine weitere Mauer mit einem verschlossenen Tor. Er realisierte, dass sein Versuch aussichtslos war, stoppte und drehte sich zu den Wachen herum. Gerade blieb ihm noch genug Zeit, sein Gegenüber wahrzunehmen: eine stattliche Frau, groß gewachsen, Respekt einflößend. Bevor er jedoch auch nur einen Gedanken fassen konnte, traf ihn ihre Faust unter dem Kinn und er versank im Dunkel.
Arh! Als er wieder zu sich kam, bestimmte Schmerz seine Wahrnehmungen. Er versuchte, sich aufzurichten, was seinen Kopfschmerz nicht linderte, sondern eher verstärkte. Seine Augen gaben nur mühsam Informationen über seine Umgebung preis. Er befand sich in einem geschlossenen, nur dürftig erhellten Raum. Es roch modrig, der Boden war feucht und kühl. Langsam klarte sein Blick auf; von oben, unter der Decke fiel ein wenig Licht hinein, gerade genug, um zu erkennen, dass er sich in einem Verlies befand. Unter lautem Fluchen zog er eine dicke Eisenkette unter seinem Körper hervor, die Abdrücke an seinem Rücken würden sicher noch einige Zeit sicht- und noch länger spürbar sein. Was hatte er nur getan? Seine Verzweiflung hatte ihn zu diesem unüberlegten Schritt getrieben und nun saß er hier, mit weniger Aussicht auf Besserung seiner Lage als jemals zuvor.
Mit einem Seufzer lehnte er sich gegen die Wand und schloss erneut die Augen. Er versuchte, sich zu erinnern, sich auf seine Lage zu konzentrieren, doch er war am Ende seiner Kräfte angelangt. Seit über zwei Tagen hatte er kein Auge zugetan. Er konnte nicht mehr. Und während er dort saß und schwankte zwischen Ungewissheit, Verzweiflung und dem Wunsch, einfach nur hinzusinken und zu schlafen, hörte er auf einmal von irgendwoher eine Stimme. Es war eine Frauenstimme; sie sang jenes Lied, das ihm seine Mutter damals immer vorgesungen hatte, wenn er nicht schlafen konnte.

Mein Kind, sei ruhig, schlafe nun.
Will Stille dich umfangen.
Mag alle Last des Tages ruhn,
all Kummer sei vergangen.

Beschützen soll dich Borons Macht!
Und wenn der neue Tag erwacht,
Sollst Glück du all erlangen.

Und während sein Geist wanderte zwischen dem Jetzt und dem Damals, schlief er ein. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht und eine Träne suchte sich vorsichtig ihren Weg durch den Staub auf seiner Wange.


[Anm.: Das Lied ist mit der Melodie "Ich steh an deiner Krippe hier" (z.B. Kath. Gotteslob Nr. 141) zu singen.]