Fremd in der Heimat - Teil 1

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„Ich kann das nicht mehr!“ Hartor Sesemurm legte völlig entnervt die Hacke zur Seite und ließ sich auf die mühsam gelockerte Erde fallen. Langsam, den Schmerz fast genießend, richtete er seinen Rücken auf, der durch die stundenlange gebückte Haltung kaum noch gerade zu bekommen war. Die Beine lang gestreckt und den Oberkörper nach hinten auf die Arme gestützt schaute er ins Rund: Das große Feld lag friedlich vor ihm. In einigem Abstand schwangen weitere gebeugte Rücken die schweren Hacken, um den Pflanzen das Wachsen und Gedeihen zu ermöglichen, welches für das Überleben der Bauern unverzichtbar war. Und dieser Sommer war trocken gewesen. Die nahende Ernte versprach keine Eintragung in den Geschichtsbüchern als die reichste zu bekommen. Soweit war er von jeher mit den Lebensumständen im Lande vertraut: Sollten die Ernten hinter den Erwartungen zurückbleiben oder gar gänzlich ausfallen, fiele dies unweigerlich auf die gesamte Bevölkerung zurück. Deshalb hatte er von seinem Vater auch immer wieder gehört, dass man den Bauern nicht zu viele Lasten auferlegen dürfe. Sie waren für diesen wichtiger Bestandteil des Wirtschaftskreislaufes; ‚nimm ihnen nicht die Luft zum Atmen, du schneidest einem Boten auch nicht die Füße ab!’ war eines der Worte seines seligen Herrn.

Als Schultheiß von Fremmelshof hatte dieser die Steuern für den Baron einzuziehen gehabt. Dabei kam es durchaus mehr als einmal vor, dass er – in Anwesenheit seines Sohnes – einem Bauern einen Teil der Abgaben stundete. Wer weiß, womöglich hatte er dem einen oder anderen von Peraine Verlassenen die Last ganz erlassen?

Hartor vergaß fast, wo und vor allem wann er sich befand: Das alles lag so lange zurück. Mehr als 440 Götterläufe, hatte man ihm erklärt, hatte Fremmelshof außerhalb der Zeit gelegen, bis es vor etwas mehr als vier Götternamen wieder auf Dere erschien. Er hatte nicht wirklich verstanden, was das zu bedeuten hatte. Fest stand für ihn nur, dass er inmitten der in der Stadt wütenden Schlacht nach dem Zusammenbruch von Meister Alvirons Turm offenbar von einem Trümmerstück der Fassade, an der er Schutz vor dem Beben gesucht hatte, Boron sehr nahe gebracht worden war. Die Wunde jedenfalls hat auf seinem Kopf eine ordentliche Narbe hinterlassen; zum Glück wuchsen seine schwarzen Haare dicht und bedeckten das Mal inzwischen. Ebenso sicher, wie Peraine ihn hatte wiederkehren lassen, war aber die Tatsache, dass niemand heute mehr nachprüfen konnte, was damals durch seinen Vater verfügt worden war. Das elterliche Haus mit all seinen Werten, geschäftlichen wie privaten, war als eines der ersten den magischen Flammen der Angreifer zum Opfer gefallen.

Zum Glück war kein Familienmitglied zu diesem Zeitpunkt im Hause gewesen.