Flusswacht - Der Wind weht jetzt aus einer anderen Richtung

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Gut Langenmarsch, Reichsstadt Perricum, Anfang Praios 1042 BF

Jeder Schritt der beiden festen Schuhpaare wirbelte eine kleine Staubwolke in die heiße Sommerluft des Perricumer Umlandes. Es war nahezu windstill auf dem engen Trampelpfad, der sich, an Feldern entlang, durch die weitläufige sanft-hügelige Ebene zog. Trotz, oder gerade wegen, des gemächlichen Tempos blieben Gorond immer mehr nasse graue Haarsträhnen im Gesicht hängen.

Yanda, ich hoffe du weißt, dass es dabei um mehr als nur den schön klingenden Titel geht. Ich habe bereits kurz nachdem ich davon erfahren habe, dass du unter den letzten drei Kandidaten bist, die Gelegenheit genutzt mit dem Seneschall zu sprechen.“

Die beiden schienen bereits seit einer Weile zu gehen und die nasale Stimme des bereits in die Jahre gekommenen Mannes wurde immer öfter von angestrengten Atemzügen unterbrochen.

„Und was hat er gesagt? Weißt du ob er mich bevorzugt? Seine Stimme hat Gewicht bei der Admiralität.“, erkundigte die Gesprächspartnerin neugierig.

„Es war nicht leicht überhaupt etwas aus ihm heraus zu bekommen, aber ich denke, ich konnte ihn letztendlich auf unsere Seite ziehen.“

Sie steuerten zielstrebig eine Gruppe alter Bäume am Rand zweier Felder an. Der Schatten wirkte im braunen Getreidemeer wie eine lang erwartete Oase.

„Was gibt es denn da zu überzeugen? Es ist doch ganz klar, dass ich die Beste für den Posten bin, der Konteradmiral weiss das auch. Was will er denn noch?“

Unter den Bäumen angekommen, lüftete der elegant gekleidete, leicht gebückt gehende, ältere Herr kurz sein Hemd, bevor er seinen Blick auf den künstlich angelegten Bachlauf wendete.
Auf Grund der ungewöhnlich langen Tockenperiode war dieser kaum noch mehr als ein Rinnsaal unter langen saftigen Grashalmen. Goronds Stirn legte sich in Falten, als er den Blick über das halbhoch stehende, bräunliche Feld schweifen ließ. Es war kaum noch ein Mond bis zur Ernte.

„Er hat uns eine Art Angebot gemacht. Die Sonderflottille ist für den Markgrafen ein teures Spielzeug. Falls wir uns finanziell am Unterhalt beteiligen würden, stünden die Chancen gut, dass bald eine Gerben als Wächterin vom Darpat eingesetzt wird. Von Rabicum würde das vorerst als Zeichen guten Willens und auch eine Art Garantie unsererseits für entsprechende Leistungen akzeptieren und sich so vor der Admiralität für uns aussprechen.“

Das Gesicht der Frau verzog sich vor Ärger. Sie schien nicht zu glauben, was sie gerade gehört hat. „Spielzeug? Efferd Hilf! Was meint der denn, was wir den ganzen Tag machen? Ich habe es satt, dass die Sonderflottille immer so stiefmütterlich behandelt wird!
Ich brauche diese Hehlerei nicht um Erste Markgräfliche Flusskapitänin zu werden. Ich habe in einer Woche selbst eine Audienz beim Seneschall, dann werden wir sehen, ob er sich auch traut mir das vor dem Konteradmiral ins Gesicht zu sagen. Die Familie Gerben stand schon immer treu im Dienst Perricums und dann sowas.“
Die erfahrene Flusskapitänin stemmte die Hände in die Hüfte.
„Jetzt sag doch auch mal was dazu. Wie kannst du da so ruhig bleiben?“

Der emotionale Ausbruch riss den Geschäftsmann augenscheinlich aus seinen Gedanken. Als er sich wieder seiner Tochter zuwandte, war keine Spur der Sorge mehr darauf zu entdecken.

„Kind, so läuft es in der Stadt nicht mehr. Das musst du doch mitbekommen haben. Der Wind weht jetzt auch für die Gerbens aus einer anderen Richtung. Und außerdem: Was macht es für dich für einen Unterschied? Ich bin doch ohnehin der, der es zahlen muss. Von Rabicum will die Treue zum Markgrafen bei der Audienz nur noch aus deinem Mund hören, dann ist uns der Titel und später gar ein Lehen so gut wie sicher. Dafür habe ich gesorgt.“, erklärte er mit sanfter Stimme.

„Ein Lehen? Darum geht es dir also?“, verständnislos fauchte sie ihn an.

So sehr er sich in all den Jahren auch bemüht hatte, er konnte, selbst als sie bereits ihr eigenes Kind bekommen hatte, in Yanda nie etwas anderes als sein kleines Mädchen sehen.

„Es geht mir um so viel mehr als das. Denk doch nur dran, was wir mit unserer neuen, auf dem Papier gefestigten, Stellung in der Markgrafschaft wieder erreichen könnten. Vielleicht - auf Erfolg in der Mark fußend - bekommen wir sogar wieder ein festes Mitglied in den Stadtrat, so wie zu Zeiten Horulfs.
Ist es das denn nicht wert?“, in Goronds Stimme hielt jetzt eine väterliche Strenge Einzug.

Aus dem Blick seiner kleinen Augen blitzte der Frau ein schwerer Vorwurf entgegen.
Schnell wich Yanda dem Augenkontakt aus und bedeutete, nur mit einer Kopfbewegung, dass sie den Rückweg zum Gutshof antrat.

Gorond hatte wirklich gehofft, dass das Gespräch anders verlaufen würde, dass seine Tochter auch mit der Zeit geht und für die neuen Wege in der Reichsstadt aufgeschlossen ist.
Er hatte sich für eine Chance auf den Posten der Wächter vom Darpat tief in den Dienst des Seneschalls gestellt, wenn sein Zutun den Ausschlag machen würde. Sollte alles klappen, wird er zukünftig Augen und Ohren für von Rabicum in der Stadt sein. „Auch wenn der Wind aus einer anderen Richtung weht, kann er uns mit Geschick trotzdem noch vorantreiben. Irgendwann muss ich ihr erzählen was ich dem Seneschall wirklich versprochen habe, aber erst wenn die Zeit reif ist.“, der Geschäftsmann löste sich von seinen Gedanken und setzte seiner Tochter mit großen Schritten nach.

Das mehrstöckige Gebäude am Rande eines kleinen Hügels hatte in ihren Augen schon seit den Tagen, in denen sie hier aufgewachsen war etwas Besonderes an sich. Es waren nicht nur die ungewöhnlichen Proportionen des Anwesens, auch der kaum noch vorhandene Glanz der getünchten Mauern wirkte unnatürlich. Tief in ihren Gedanken glaubte sie Erinnerungen an eine Zeit zu finden, in der das Mauerwerk darunter noch nicht zum Vorschein kam. Doch sie liebte das uralte Gebäude und diesen ganzen Ort. Sie liebte ihn fast so sehr, wie man normalerweise nur einen Menschen lieben kann.

„Nun gut, ich werde es tun. Für unsere Familie und die Markgrafschaft. Es wird aber mein Amt und nicht deines, Vater. Dort werde ich tun, was ich für richtig halte.“, sprach sie bestimmt, ohne ihren Blick zu dem schwer atmenden Mann zu richten, der gerade wieder zu ihr aufgeschlossen hatte.

„Schon gut, Kind, ich bin mir sicher, dass du das Richtige tun wirst. Ich hoffe du weißt, dass ich es auch dir zuliebe getan habe. Ich weiß wie lang du auf diesen Posten hingearbeitet hast.“

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Texte der Hauptreihe:
K2. Der Wind weht jetzt aus einer anderen Richtung
9. Pra 1042 BF
Der Wind weht jetzt aus einer anderen Richtung
Eine Seebärin geht über das Nirgendmeer

Kapitel 2

Die Audienz bei der Seeschlange
Autor: DreiHund, mit etwas Hilfe von Jan